Borderline ist eine Krankheit

Anders sind die Anderen … sagen die Anderen

DIAGNOSE BORDERLINE. SO LEICHT. SO EINFACH. BORDERLINE NENNEN SIE ES. VOR MIR AUS AUCH ROSA HASE IM GELBGETUPFTEN KLEID.

Es ist meine Art zu leben.
Es ist unsere Art zu leben.

Nicht mehr …
aber auch nicht weniger.

Es ist „anders“. Schon möglich.
Es ist „schräg“. Schon möglich.
Es ist „unbekannt“. Schon möglich.
Es macht Angst. Schon möglich.
Es verunsichert und irritiert. Schon möglich.

Es ist nicht „normal“.
Doch. Ist es.
Für mich.

Fragt mich nicht, ob es mir gut geht, ob ich okay bin

Ich könnte etwas Dummes machen. Könnte erzählen, wie es mir geht. Könnte erzählen, wie es ist, die Dunkelheit zu lieben, könnte erzählen, wie es ist, zur Dunkelheit zu werden, könnte erzählen, wie es ist, zu fallen und am harten, kalten Boden aufzuschlagen, könnte erzählen, wie es ist, wenn frische Wunden aufgerissen werden. Würde ich?

Ja. Ich würde erzählen, wie es ist, von Monstern gejagt zu werden, würde erzählen, welche Gestalt sie annehmen, nur um mich zu täuschen, würde erzählen, wie es ist, wenn einem die Luft wegbleibt. Wenn man sich wehrt, trotz dem innigen Wunsch, loszulassen. Würde erzählen, wie es ist, den Schmerz zu lieben, weil er der Einzige ist, auf den ich mich verlassen kann. Er ist immer für mich da.

Weißt du, wie es ist, innerlich tot zu sein, aber zu lebendig, um zu sterben? Weißt du wie es ist, zu lächeln, wenn dich der Schmerz in deinem Inneren zum Wahnsinn treibt? Du am liebsten einfach nicht da wärst, unsichtbar. Willst du das alles wissen? Oder willst du nur ein »Es geht mir gut hören?« »Ich bin okay.« Dann kannst du mich mit beruhigtem Gewissen verlassen. Ich lächle dich an, doch ich weine innerlich.

Verschwinde, geh weg ...

... denke ich. »Lass mich in Ruhe. Du kannst mich nicht verletzen, nicht mehr. Mein Herz schlägt zwar, doch ich bin innerlich schon längst gestorben. Bevor das Leben mich tötet, töte ich mich selbst. Ich schließe meine Augen. Es ist ein dunkles Paradies. Es blühen schwarze Rosen. Der Himmel versteckt sich hinter dunklen Wolken. Ich muss keine Angst haben, dass die Sonne hervorkommt. Hier gibt es keine Sonne. Nicht hier in meiner Welt.

Ein zarter Nebelschleier liegt über der grauen Wiese. Ich berühre eine Rose. Sie ist so schön. So unwahrscheinlich schön. Ich merke nicht, dass die Blüten scharf wie Rasierklingen sind. Blut tropft auf den Boden und verschmilzt mit der dunklen Erde. So schön. Sie brauchen kein Licht, um zu leben, sie sind einfach da, sie sind einfach nur schön, sie haben keinen anderen Grund, sie brauchen keine Daseinsberechtigung. Keine Erklärung, warum sie anders sind. Sie sind einfach da und wunderschön. Niemand fragt nach dem Warum. Und es ist gut so.

Wie sind wir doch anders, wie wünschen wir uns doch, normal zu sein

Nur um dann zu merken, dass wir doch nicht normal sind. Und wir wollen es nicht: dieses Normalsein. Wir wollen wir selbst sein. Normal? Eines meiner persönlichen Unwörter. Dicht gefolgt von eigentlich. Nicht, wenn das als normal gilt, was um mich herum geschieht. Nicht, wenn die Leute da draußen sich die Frechheit herausnehmen, um über normal und nicht normal zu bestimmen. Wir sind nicht abnormal. Also eigentlich normal? Da fällt mir ein, ich könnte alsoebenso zu einem meiner Unwörter erklären.

Hey, wir haben die Gabe, den Wald zu sehen, auch wenn uns die Bäume den Blick versperren. Wir sehen, was dahinter steckt, wir sehen, dass dort noch etwas ist, außerhalb der stupiden sogenannten Normalität, wir haben die Fähigkeit, der Welt um uns ihre Maske herunterzureißen. Mittlerweile können wir dem Schrecklichen in die Augen schauen und ihm ein lautes »Fick dich« entgegen brüllen. Nicht, dass es etwas nützen würde. Aber wir könnten es, wenn wir wollten.

Wir sind alle Überlebenskünstler, wir fallen tief und stehen doch wieder auf, wir zerren uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf, wir sind es gewohnt, allein zu gehen. Es wird nie jemand verstehen. Nicht bevor er selbst ein Teil unserer Welt wird. Die Menschen, die uns am lautesten mit Sprüchen zutexten, sind es, die uns nie ihre Hand reichen würden, wenn wir fallen. Denn sie merken es nicht.

Sie wollen es gar nicht wissen

»Es wird nie so heiß gegessen wie gekocht.«

»Nach jedem Regen folgt Sonnenschein.«

»Du schaffst das schon, du bist stark.«

»Anderen geht es noch viel schlimmer.«

»Schau endlich, dass du deinen Arsch hochbekommst.«

»Stell dich nicht so an.«

»Du bist nur faul.«

»Bist nur egoistisch

»Du denkst nicht an andere.«

»Reiß dich endlich zusammen.

Jedes Wort ist wie ein scharfes Messer, das mich tief verletzt

Jede dieser Aussagen macht mich wütend und zornig. Sie zwingen mich dazu, mich zurückzuziehen, zu verzweifeln. An mir zu zweifeln. Doch ich will mich nicht rechtfertigen. Nicht mehr. Vielleicht haben die Stimmen ja auch Recht. Ja, was ist, wenn sie Recht haben? »Es ist alles in deinem Kopf!«

Ja, mein Gott, natürlich ist alles in meinem Kopf. Nur es ändert nichts, weil es NUR in meinem Kopf ist. Ich weiß, dass die Monster sich nicht unter meinem Bett verstecken. Sie lauern in meinem Kopf.

Als Kind war ich überzeugt davon, dass es mir nur dann gut gehen konnte, wenn es den anderen gut ginge. Doch es hat nie geklappt. Immer wieder habe ich alle enttäuscht. Nie habe ich etwas auf die Reihe bekommen. Ich mache nie etwas perfekt. Ich bin immer an allem schuld. Es ist einfach hoffnungslos mit mir. Wie kann man so einen Versager lieben? Jemanden, auf den man sich nie verlassen kann, jemanden, der sich nie freuen kann, jemanden, der als Kind am liebsten unter einer Birke saß und sich mit einem Kater unterhielt?

Und heute?

Tja, ohne Zweifel. Es ist vieles schief gelaufen

Verdammt schief. Und ja, es gibt diese paar Menschen, die ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Doch nur weil ich mich verstecke, wird es nicht besser.

Ich will kein Mensch sein, der von Komplexen und Minderwertigkeitsgefühlen zerfressen wird. Keiner von denen, die auf der Suche nach der Schuld das Wichtigste längst vergessen haben: zu leben.

Ich wollte nie meine Verantwortung abgeben, ich wollte Selbstbestimmung, hatte aber keine Ahnung, wo und womit anfangen. Wusste nur, ich musste anfangen. Und lernen. Schnell lernen. Vor allem auch wegen meinen Kindern. Wir haben ein liebevolles und respektvolles Miteinander gefunden. Ich unterstütze meine Kinder, soweit es in meiner Macht steht. Ich will, dass sie zu verantwortungsvollen und eigenständigen Erwachsenen werden. Frei von Vorurteilen und Schuldzuweisungen. Unabhängig und stark in ihrer Persönlichkeit.

Ich bemühe mich nach Kräften, ihnen Geborgenheit und Schutz zu bieten. Es ist nicht alles perfekt, nicht alles eitel Wonne wie vielleicht bei normalen Familien oder der Illusion, die wir dafür halten. Aber ich habe eine stabile Struktur geschaffen. Fixe Punkte, zwischen denen wir uns flexibel bewegen können. Und ich kann ruhigen Gewissens stolz darauf sein, was ich geleistet habe und leiste.

Ich selbst habe lange mit der Schuldfrage gekämpft

Es gab diese Zeitspanne, in der ich mir für alles und jedes die Schuld gab. Wäre ich bloß anders, wäre ich stärker, wäre ich bloß nie geboren worden. Diese leidige Schuldfrage - sie zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Doch es liegt und lag nur an mir, es besser zu machen. Es gut zu machen, es zu versuchen - es liegt an mir, immer und immer wieder auf die Beine zu kommen und meinen Weg zu gehen, es ist ein zäher Weg. Schlamm. Morast. Wüsten.

Die Sonne scheint deswegen nicht länger oder heller für mich, nur weil ich jetzt meinen Weg kenne. Mein Leben verläuft weder perfekt noch normal in den Augen anderer. Doch für mich ist es stimmig. Die Wolken und die Nebelfelder verschwinden nicht über Nacht. Sie bleiben. Aber ich kämpfe immer wieder dagegen an. Und hey, zu viel Sonne ist auch nicht gut.

Ich bestimme über mein Leben.

Und auch jene, die auf die Butterseite des Lebens gefallen sind, auch sie können weinen. Und oftmals passiert es, dass der Hund das Butterbrot frisst. Einfach so. Und zurück bleiben ein paar Brotkrumen.

Die Autorin stellt sich vor

Svea Kerling, geboren als Sonntagskind in den 70ern. Die 80er überlebt, 90er gelebt; Wien. Die Kindheit, verbracht in einer kleinen Gemeinde inmitten der hügeligen Landschaft im österreichischen Weinviertel.

Kontakt zu Svea

Buchempfehlung (Anzeige)

Schwarz oder weiß: Borderliner kennen kein Grau (von Svea Kerling)

„Sie lieben diejenigen ohne Maß, die sie ohne Grund hassen werden.“
Ein Zitat von Thomas Sydenham aus dem 17. Jahrhundert über das Borderline-Syndrom, das 1938 erstmals so benannt wurde.

Ängste. Todessehnsucht. Selbstverletzung. Wut. Depression. Für die Borderline-Störung gibt es keine immer geltenden Regeln. Die Krankheit ist immer so unterschiedlich, wie jeder davon Betroffene unterschiedlich ist.

Lesen Sie dazu die bewegende Geschichte von Svea Kerling. Authentisch. Selbstmitleidslos. Ehrlich.

Borderline ist eine harte Nummer

Svea hat noch zwei weitere Bücher geschrieben:

S. Kerling meets E. A. Poe

Die Equipe: Der letzte Sitzkreis

Die tiefste Tiefe von Elend, das Äußerste an Qual trifft immer den Einzelnen, nicht eine Anzahl von Menschen. Das unheimliche Schmerzensübermaß des Todeskampfes muss der Mensch einzeln ertragen, nie wird es der Masse der Menschen zuteil.

Edgar Allan Poe

Svea erzählt von E. A. Poe

In ihrem Roman Die Equipe richtet sich die Autorin Svea Kerling nicht nach der Identitat der Darsteller, sondern bringt eine Darstellung in den Raum, die sich nach dem Handeln der einzelnen Darsteller richtet.

Die Autorin Svea KErling

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich zu:
Melde dich jetzt für meinen Newsletter an!