Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit

AUFMERKSAMKEIT SOLLTE ALS WARNUNG - WIE BEI ZIGARETTENPACKUNGEN - AUF MANCHER STIRN STEHEN

Es ist wieder Zeit die Samthandschuhe auszuziehen und sie in die Schublade mit der Aufschrift „Dinge, die wir Menschen nie erfinden hätten sollen“ zu verfrachten. Beim Thema Aufmerksamkeit, vor allem bei dessen Defizit, bleibt keine andere Wahl als Klartext zu schreiben.

Vorsicht: Dieser Artikel könnte dich aus deiner Komfortzone reißen und zur nachhaltigen Verbesserung deiner Lebensqualität führen!

Gib mir Aufmerksamkeit

Ich verrate dir ein Geheimnis, bitte nicht weitersagen!

An den Tagen, an denen ich an einem Artikel arbeite, halte ich oftmals inne und denke darüber nach, wie du, also die Leserin/der Leser, spontan darauf reagierst, wie ich manche Passagen formuliere.

Dann überlege ich hin und her, bastle oft stundenlang an einem einzigen Satz herum, schwäche ihn ab oder gebe noch mehr Pfeffer rein obwohl mir der Chili bereits in den Augen brennt.

In diesen Phasen des Schreibens möchte ich nichts Geringeres, als deine volle Aufmerksamkeit für diesen einen Satz gewinnen, für diese eine bestimmte Botschaft. Ich möchte sie dir dermaßen klar unter die Augenlider kleben, dass du in den nächsten Tage immer wieder darüber nachdenkst und meine Leidenschaft, die ich in diese paar Wörter steckte, ebenso intensiv erlebst wie ich.

Mach damit was du willst

Und dann passiert etwas, was vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre: Ich entspanne mich mit dem Gedanken „Mehr, als das Ehrlichste was ich zu geben habe, ist nicht drin. Mach damit was du willst“.

Mach damit was du willst klingt etwas arrogant, aber hey, die Gedanken sind frei und letztlich ist dieser Spruch ein Zeichen von Ehrlichkeit …

In diesem Moment löst sich mein Wunsch nach Aufmerksamkeit, wie die Überreste einer fiesen Flatulenz, in Luft auf.

Aufmerksamkeit: Wenn dein Ego Blut leckt

Ende der 80iger konntest du als Typ mit dauergewellten Haaren, einem Ohrring und Death Metal noch richtig einen auf Revoluzzer machen. Mittlerweile sind sämtliche Tabus gebrochen. Umso erstaunlicher, wie viel Aufwand mancherorts betrieben wird, um ein wenig Aufmerksamkeit abzukassieren.

Ich brauchte damals Aufmerksamkeit
Ich, Ende der 80iger. Lassen wir die Vergangenheit ruhen, okay?

Allerdings geht es im Folgenden nicht um äußerliche Auffälligkeiten, die den Wunsch nach einem Happen Aufmerksamkeit befriedigen sollen. Möge sich jeder Mensch kleiden, anmalen, behängen, durchstechen, entstellen oder aufmotzen dürfen wie immer er mag und wir leben in einer guten Welt.

Ich meine jene Aufmerksamkeit, mit der dich deine Ego vor sich hertreibt wie ein Rudel Bluthunde seine keuchende Beute.

Das hat nichts mehr mit dem oft Gehörten „Hey, schaut mal her welch geiles Intim-Tattoo mir ein senegalesischer Türsteher mit Migrationshintergrund gestochen hat“ zu tun. Das ist jener Sumpf, in dem du eines frühen Tages mit deinen Depressionen einen ungleichen Ringkampf austragen wirst.

Nimm mein Gift oder verrecke

Dieses beißende, in dir aufsteigende Gefühl, wenn du denkst, die gesamte Menschheit blickt durch dich hindurch, an dir vorbei, über dich hinweg.

Jener Punkt, an dem du dieses Gefühl nicht länger zurückhalten kannst und beginnst, dem dir am nächsten Stehenden mitzuteilen: „Jetzt befriedige jenes Bedürfnis, das ich selbst nicht beschreiben kann“.

Damit eröffnest du ein Spiel, bei dem es in der Menschheitsgeschichte noch nie einen Gewinner gab. Stattdessen bleiben frustrierte und zermürbte Verlierer mit der unbeantworteten Frage zurück: Was ist passiert?

Am Ground Zero der Aufmerksamkeit

Der angerichtete Schaden könnte katastrophaler nicht sein:

Derjenige, der Aufmerksamkeit einfordert …

… erzwingt damit eine Reaktion, die niemals freiwillig oder gar von Herzen kommt. Er bekommt im besten Fall eine Art Kapitulationsgeschenk, damit die Situation nicht weiter eskaliert. Im Schlimmsten Fall beißt er bei seinem Gegenüber auf Granit und leidet noch heftiger unter dem Mangel an Aufmerksamkeit.

Derjenige, von dem Aufmerksamkeit eingefordert wird …

… fühlt sich ungerecht behandelt, vergewaltigt und gezwungen etwas zu tun, das den Anschein der Freiwilligkeit und Herzlichkeit in sich trägt. Er soll sein Verhalten dahingehend ändern, um eine Schwäche seines Gegenübers zu kompensieren und wird dadurch selbst schwach.

Beide, die nun um die Aufmerksamkeit als Kriegsbeute verhandeln …

… kommen nicht unbeschadet aus der Nummer raus. Ihre Beziehung bekam einen Riss, der sich im Laufe der Zeit immer weiter ausdehnen und eines Tages zu einem Erdbeben führen wird. Beide fühlen sich ungerecht behandelt, spüren, dass selbst ein erzielter Kompromiss nichts weiter als eine bittere Niederlage und die nächste Eskalation lediglich eine Frage der Zeit ist.

Was steckt nun hinter diesem negativen Aspekt von Aufmerksamkeit?

Aufmerksamkeit + Defizit = Mangel - Befriedigung

Der Begriff Aufmerksamkeitsdefizit, dieser hinterhältige kleine Mistkerl, vermittelt den bescheiden daherkommenden Anspruch darauf, dass deine Bedürfnisse, wann immer dir danach ist, ein Recht auf Befriedigung haben.

In Wahrheit ist er ein Angriff ohne Kriegserklärung auf einen unvorbereiteten Gegner, der bis dahin nicht wusste, einem Feind gegenüberzustehen.

Da kommen keine höflichen Ansuchen daher, nach dem Motto „Könntest du mir bitte ein wenig die Kniekehlen mit Feuchtigkeitscreme durchwalken“. Keine Bittgesuche, bei denen ein „Nein“ als Option vorhanden ist.

Und schon gar nicht existiert eine Verhandlungsbasis, bei der am Ende der mit dem Aufmerksamkeitsdefizit einsichtig zurücksteckt und es gut sein lässt.

Nein, hier wird das gesamte Waffenarsenal, ohne einmal mit der Wimper zu zucken, eingesetzt. Wutanfälle, längst ausdiskutierte Vorwürfe, Unterstellungen, die perfide Verdrehung von Tatsachen und nicht zuletzt Tränen im Überfluss und die altbekannte Bestrafung durch tagelanges Schweigen.

Aufmerksamkeit kann hässlich sein
Das andere, unerwartete Gesicht von Aufmerksamkeit

Von der Aufmerksamkeit deines Egos zum Burnout

Lebe ich in der Erwartung, dass andere Menschen für mein Lebensglück verantwortlich sind, bin ich zum Scheitern verurteilt.

Noch schlimmer: Je mehr ich von anderen Menschen einfordere, dass sie mir ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, desto mehr werden sich diese Menschen im Laufe der Zeit von mir entfernen.

Das ist Burnout in seiner reinsten Form:

  • Ich investiere eine Menge Energie, um irgendwie und irgendwo mein Lebensglück zu erzwingen.
  • Eine Weile funktioniert das ganz gut. Erste Rückfälle ignoriere ich.
  • Ich bin gezwungen, immer mehr Energie für immer weniger Erfüllung zu investieren.
  • Meine Geduld und meine Kräfte schwinden. Wie jene der Menschen in meinem Umfeld. Die Situation spannt sich zunehmend an.
  • Ich kann nicht mehr, fühle mich als Opfer, ausgebrannt und leer.
  • Ich bin bereits in einer Burnout Phase die sich in die Länge zieht. Zu einem klaren Gedanken bin ich längst nicht mehr bereit.
  • Die Depressionen warten bereits auf mich, wie die Aasgeier auf in der Sonne liegende Innereien.

Damit das absolut klar ist: Am Beginn stand meine Entscheidung, dass andere Menschen für mein Lebensglück verantwortlich sind! Die Erwartung, dass sie sich an mich anpassen müssen und nicht die Einsicht, dass ich bei mir selbst beginnen muss zu suchen, wo dieses verdammte Aufmerksamkeitsdefizit herkommt.

Jetzt wird’s richtig spannend …

Eine Mauer zum Schutz vor Aufmerksamkeit
Eine Mauer als Selbstschutz

Los, sei ehrlich

Trittst du mir offenherzig, ehrlich, authentisch und selbstreflektiert mit all deinen Schwächen, Stärken und Bedürfnissen gegenüber, erhältst du meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

Nicht, weil ich ein gutherziger oder jovialer Mensch bin. Nein, weil ich ein Teil dessen sein möchte, was unser aller Ziel ist - und somit auch deines: Persönliche Entwicklung!

Durch Interaktion, Kommunikation und Reflexion unterstützen wir uns gegenseitig auf dem Weg zu einer besseren Version von uns selbst.

Das bedeutet: Gibst du mir einen ehrlichen Einblick in deinen Gefühlszustand, werde ich dir zuhören, mich für dich interessieren. Forderst du von mir allerdings vehement etwas ein, das ich mache, damit du zufrieden bist oder gibst mir gar die Schuld an deinem Unglück, werde ich mich emotional von dir entfernen und eine Mauer zwischen uns aufbauen.

Das ist keine Drohung. Das ist Selbstschutz.

Und komm mir jetzt bloß nicht mit dem Killerargument: „Ich bin dir nicht wichtig, du ignorierst mich!“ Dazu folgende Frage:

Was ist das Gegenteil von Aufmerksamkeit?

Sagst du das, bist du dir selbst nicht wichtig und ignorierst, was in dir nach Klärung schreit. Anstatt diesem Mangel, diesem Defizit an Aufmerksamkeit auf den Grund zu gehen, versuchst du dir mit Gewalt zu holen, was du nur bekommst, damit dein Gegenüber nicht weiter in deinen Abgrund mitgerissen wird.

Was du spürst, ist die Ignoranz gegenüber deinen Bedürfnissen und fühlst dich im Recht, dieser empfundenen Ignoranz Ausdruck zu verleihen.

An diesem Punkt passiert der entscheidende Fehler in deiner Denkweise:

Das Gegenteil von Aufmerksamkeit ist nicht Ignoranz!

Aufmerksamkeit und Ignoranz sind die beiden Seiten der gleichen verdammten Medaille.

Während Aufmerksamkeit, respektive dessen Defizit, als Hilfeschrei deines Egos daherkommt, ist Ignoranz nichts anderes als die Missachtung dieser Tatsache. Ignoranz ist in weiterer Folge deine Unwissenheit darüber, dass du am Ende des Tages für dein Lebensglück selbst verantwortlich bist.

Starker Tobak, nicht? Bevor du mich nun an den Marterpfahl stellst und mit stumpfen Äxten nach mir schmeißt, lass mich dir ein versöhnliches Ende dieses Artikels mitgeben.

Das Gegenteil von Aufmerksamkeit

Arthur Spooner, der liebreizende alte Mistkerl aus „King of Queens“, sagte in einer Folge mal zu seiner Tochter: „Wusstest du, dass ich es bin der mir Weg steht?“

Keine Ahnung, warum mir dieses Zitat aus einer amerikanischen Sitcom immer wieder in den Sinn kommt. Vermutlich, weil es auf unfassbar zutreffende Art und Weise die Grundlage dessen auf den Punkt bringt, wie wir unser Leben gestalten sollten: Absolut selbstreflektiert!

Mit diesem Zitat vor Augen, würde sich uns bei einem Anfall eines Aufmerksamkeitsdefizits unmittelbar jenes geeignete Hilfsmittel offenbaren, mit dem wir zurück auf die richtige Spur finden: Achtsamkeit!

Das Gegenteil von Aufmerksamkeit ist Achtsamkeit

Mit Achtsamkeit erkennst du, wenn dein Ego nach Aufmerksamkeit schreit. Dieser Zustand kommt dem genüsslichen Zug an einer Zigarette gleich. Ebenso könntest du eine Line Koks ziehen oder dir einen LSD-Trip nach Nimmerland geben. Bringt kurzfristig Befriedigung, langfristig allerdings Schäden an allen Ecken und Enden.

Achtsamkeit führt dich weg von der Opferhaltung und hin zu jener Ehrlichkeit dir selbst gegenüber, mit der du Selbstbewusstsein gewinnst und deinem echten Lebensgefühl einen entscheidenden Schritt näher kommst.

Nebenbei beendest du das Martyrium, mit dem du die Menschen in deinem Leben in den Wahnsinn treibst.

Aufmerksamkeit - und dessen Defizit - ist oft angelernt. Achtsamkeit hingegen müssen wir uns selbst beibringen. Hier ein geeignetes Hilfsmittel in Buchform. (Anzeige)

Achtsamkeit oder Aufmerksamkeit?

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