Burnout live: Ein Rückfall

Ein Rückfall im Leben kommt vor

Das Virus ist wieder ausgebrochen. Ein schmerzhafter Rückfall. Ich gebe mich ihm hin, bin chancenlos. Wird schon wieder werden, aber nicht jetzt.


Am Freitag war wieder so ein Tag. Eine Episode der x-ten Burnout-Staffel. Folgende Zeilen (burn) schrieb ich spontan. Es ist die Beschreibung von Gefühlen und Gedanken die daherkamen. Das zu veröffentlichen fällt mir nicht leicht, es ist sehr persönlich. Allerdings ist es es ein wesentlicher Teil meiner Geschichte und gibt einen Einblick, was Burnout ist und wie es sich äußert. Wer A sagt, also einen derartigen Blog beginnt, der muss auch B sagen und über alles schreiben. Auch über einen Rückfall.

Mein gegenwärtiges Leben ist nicht das Leben, das ich leben sollte. Mein gegenwärtiges Leben ist kein Leben. Ich spüre eine unendliche Sehnsucht nach etwas anderem. Ich habe Fernweh, ich will weg. Weg von mir.

Bestimmt ist es nur ein weglaufen. Weg von etwas, das mich wieder einholt. Aber besser weglaufen, als in dem verharren was ist. Alles ist besser als in diesem etwas zu verharren, das ich abgrundtief hasse.

Was habe ich getan?

Ich spüre, dass etwas anderes auf mich wartet. Dieses Etwas, dieses Andere nicht benennen zu können ist furchteinflössend. Ich habe Angst. Angst, dass ich es niemals herausfinden werde. Angst, weiterhin im Augenblick zu verharren. Dieser Augenblick, der nicht vergeht. Der Rückfall, der nicht endet. Als stünde die Zeit still, dass der Schmerz ewig schmerzt. 

Es ist eine Strafe. Wofür? Ich habe nichts getan. Wahrscheinlich ist genau das der Grund für die Strafe. Ich habe nichts getan.

Das was ich tue, passt nicht zu mir. Dort wo ich bin, gehöre ich nicht hin. Wie ein Fisch der auf einem Baum sitzt. Was soll ich auf einem Baum? Ich muss schwimmen, und sitze auf einem verdammten Baum?

Das bin ich also: Ein Sklave meiner Lebensumstände die ich selbst schuf. Ich will raus, kann aber nicht. Als würden zwei Magneten aneinander prallen und sich voneinander abstoßen. Ich probiere es. Immer wieder. Es geht nicht. 

Was ich denke ergibt keinen Sinn. Was ich spüre ist echt, bringt mich aber nicht weiter. Meine Beine sind in Beton gegossen. Was fehlt ist tiefes Wasser und jemand, der mich hineinwirft.

Vielleicht ist das mein Leben. Ja? Vielleicht muss das alles so sein. Nein? Vielleicht muss alles zu nichts führen. Eventuell. Vielleicht ist es Statistik und ich bin auf dem unteren Balken, der wegen Bedeutungslosigkeit unbeachtet bleibt. Unwahrscheinlich. Vielleicht.

Ich gehe ein

Okay, kapiert. Ich bin für dieses Leben nicht geschaffen. Alles klar. Ich bin bereit. Stehe in den Startlöchern. Bin für alles zu haben. Los geht’s. LOS!

Nichts geschieht. Wie auch. Hat der nächste Schritt keinen Boden, keine Energie, keinen Raum, löst er sich in Luft auf. Er ist nicht einmal eine Utopie, eine Hoffnung, nicht einmal ein Gedanke. Nichts.

Seltsamerweise fühlt es sich an, als stünde ich kurz vor einem Durchbruch. Aber ich bin gefangen, ich kann nicht durchbrechen. Etwas hält mich fest, hält mich klein. Wie eine Pflanze, die in einer Kiste steckt. Ohne Sonnenlicht, ohne Platz. Sie wächst nicht, sie geht ein. Ich gehe ein.

Diese Ausweglosigkeit ist das Schlimmste was ich mir vorstellen kann. Ich muss sie mir nicht vorstellen. Es ist viel schlimmer. Ich lebe diese Ausweglosigkeit.

Dieses etwas, was ist das? Was hält mich zurück? Warum dieser Rückfall? Zeig dich, du verdammter Mistkerl. Stell’ dich mir, damit ich mich dir stellen kann. Lass’ uns die Sache ein für allemal klären. Jetzt. Runter mit der Maske, zeig’ mir mein Spiegelbild. Es ist okay, wenn ich verliere. Ich will es versuchen, Klarheit schaffen, alles was ich habe, alles was ich bin in die Schlacht werfen. Es geht um alles oder nichts.

Dieser verdammte Konjunktiv

Seit Jahrzehnten geht das so. Da steckt mehr dahinter. Eine Botschaft, ein Zeichen, ein Tipp wo ich hin muss, was ich tun soll, was meine Aufgabe in diesem Leben ist. Ich bin zu blöd die Hinweise zu erkennen. Sie sind da, ich spür’s, das hält mich am Leben.

Seit Jahrzehnten geht das so. Es reicht. Das ist anstrengend. Mein Verstand sagt „Los, mach was, komm’ in die Gänge, das gibt’s doch nicht, du bist ein erwachsener Mann, was soll das.“

Klingt einleuchtend, ich will machen, nicht schwach, sondern erwachsen sein. Was zum Teufel soll ich machen? Mehr vom Gleichen, weniger vom Selben, alles von Irgendwas oder nichts von etwas Anderem? Ich weiß es nicht.

Ich fühle mich verloren, finde mich nicht, weiß nicht wo ich mich suchen soll. Es ist verwirrend, irre. Ein Therapeut, oder ein Freund, würde mich an das Gute in meinem Leben erinnern. Ich würde ihm sagen, dass ich es nicht sehe und ihn geistig gegen die Wand klatschen. Er meint es nur gut. Fuck you.

Völlig neu beginnen, ganz von vorne. Das wäre die Lösung. Ich hasse den Konjunktiv. „Ich beginne ein neues Leben“ wäre die richtige Einstellung. Da ist er wieder, dieser verdammte Konjunktiv. Er offenbart meine Feigheit, meine Schwäche, mein Nichts.

STOP

Heute, einen Tag später, bin ich entspannt. Lese ich jetzt diesen Text von gestern, stellt sich mir die Frage, ob ich das tatsächlich schrieb.

Gestern war nicht einfach nur ein schlechter Tag. Der Zustand, das Gefühl ist wie früher, als ich noch richtig in den Depressionen steckte. Der Unterschied ist, heute kann ich damit umgehen, kann den Rückfall stoppen.

Es baut sich über mehrere Tage auf und hat mich dann ein bis zwei Tage voll im Griff. Mich dagegen zu wehren hätte keinen Sinn, es ist zu stark. Vor Jahren begann ich damit, meine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben. Es hilft mir, alles was daherkommt, ungefiltert auszusprechen und loszuwerden.

Hier kann ich mit absolut ruhigem Gewissen eine Empfehlung aussprechen: Hast du wiederkehrende, verwirrende und belastende Gedanken und/oder Gefühle, schreib diese auf. Es ist sehr befreiend. Denk nicht viel darüber nach, schreib spontan auf, was daherkommt. Achte nicht auf Formulierung, Rechtschreibfehler oder darauf, dass es jemand liest.

Es ist stets das Gleiche. Lese ich diese spontanen, ungefilterten Texte einige Tage später neuerlich, ist mir völlig unverständlich, dass diese Zeilen tatsächlich von mir stammen.

Nein, ich bin nicht schizophren. Ich bin hypersensibelauch  hochsensitiv genannt. Das ist keine Diagnose, es besteht diesbezüglich keine wissenschaftliche Klarheit. Es ist nichts Besonderes, es führt dazu, dass ich die Welt, und was darin passiert, überdurchschnittlich intensiv wahrnehme.

Burnout ist ein Teil von mir

Auch wenn das, was ich gestern schrieb, heute schon wieder weit weg ist, ist es doch ein Teil von mir. Ich will und kann diesen Teil nicht leugnen. Es ist ein Teil meiner Psyche, meiner Persönlichkeit.

Wichtig ist, mich dem zu stellen, den Auswirkungen einen Raum  geben und sie nicht mit Medikamenten betäuben. Burnout gehört zu mir*. Ich bin nicht stolz darauf, benutze es nicht als Ausrede, bitte nicht um Verständnis, aber auch nicht um Verzeihung. Ich akzeptiere es und versuche trotzdem, oder gerade deshalb, ein zufriedenes Leben zu führen. Auch, wenn ich manchmal einen Rückfall erlebe.

Kaum ein anderes Buch beschreibt auf derart beeindruckende Art und Weise was es heißt, immer und immer wieder aufzustehen. Man muss kein Tennis- oder Sportfan sein, um in dieser Biografie von Andre Agassi den Wert des „sich nicht unterkriegen lassen“ zu erkennen. Ein Muss in jedem Bücherregal: Open: Das Selbstporträt*


Titel des nächsten Artikels:

Burnout vermeiden. Oder, es muss immer erst etwas passieren


Ich bin wie ich bin

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3 Gedanken zu “Burnout live: Ein Rückfall

      1. Genau solche Tage kenne ich auch! Ich bin hochsensibel und sehe es genau wie du: „Es gehört zu mir!“ …und ich will keine Medikamente! Ich war auch nicht beim Arzt damit, habe aber vor einigen Jahren eine Langzeittherapie gemacht. Ich suche immer mehr nach mir selbst, dabei hilft es mir enorm Astrologin zu sein und im voraus zu wissen, wann ich mit Tiefs rechnen kann.

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