Auf einer Mauer mit Ziegelsteinen zeigt ein gelber Pfeil auf ein nicht definiertes Ziel nach links. Auf ihm steht: One way. Stop. Turn

Der Weg aus dem Burnout war dramatisch. Ein Ziel gab es nicht.

Das Leiden war ebenso dramatisch wie der Weg

Mein Leiden war überwunden, dann kam die wahre Herausforderung. Mein Leben und ein neues Ziel.


Wir kennen alle diese Momente, die wir nie vergessen werden. Dramatische oder schöne Momente die sich mehr oder weniger auf den weiteren Verlauf unseres Lebens auswirkten. Bei mir waren es unter anderem die Geburt meines Neffen, der erste Sprung ins Meer, der letzte Schultag, als größtes Ziel meiner Jugend, der Zeitpunkt, an dem ich beschloss, mir das Leben zu nehmen.

Diese Zeilen gelten als Beleg, dass ich den Gedanken nicht in die Tat umsetzte. Ebenso bedeutsam ist, dass dieser Moment einer von vielen war, die sich auf meinem Weg aus dem Burnout ergaben. Es war ein Marathon, kein Sprint.

Dieser Weg war kein geradliniger, folgte keinem Plan, aber einem Ziel. Der Schmerz sollte aufhören, sofort. Was für eine naive Vorstellung. Das Einzige, was mein Leiden hätte beenden können, wäre der vollzogene Selbstmord gewesen.

Was ich stattdessen bekam war überraschend, damals unvorstellbar und das Beste was mir passieren konnte: Ich fand auf einen Weg zu mir selbst, zu meiner wahren Natur und einer völlig neuen Sichtweise auf das, was ich seither mit Überzeugung mein echtes Leben nenne.     

Der Ausweg war zuerst ein Leidensweg, ich bezeichne ihn als burn. Dann kam der Abschnitt der Erkenntnisse und des Übergangs |. Zuletzt der Abschnitt, in dem ich mich nach wie vor befinde und für immer sein werde, outside.

Ich log meine Freunde an

Mein vorherrschender Gedanke war damals, dass dieses Leben nicht lebenswert ist. Es macht keinen Sinn, ständig diese zermürbenden Depressionen* zu spüren und zu versuchen, über den Tag zu kommen.

Die Sinnfrage war allgegenwärtig und führte einerseits dazu, dass ich alles beurteilte, ob mein Leben dadurch schöner oder noch schlechter wurde. Freude empfand ich keine, also nahm ich alles um mich herum als negativ wahr.

Andererseits spielte ich den Menschen in meiner Umgebung permanent etwas vor. Ich lachte, wenn es mir angemessen erschien, ich tat, als hörte ich zu, wenn mir jemand etwas erzählte. Ich log, um einer Einladung aus dem Weg zu gehen oder eine vereinbarte Erledigung auf später zu verschieben.

Die Frage, wie es mir ginge, beantwortete ich mit einem künstlich erzeugten danke, gut und wechselte das Thema. Ich wurde im Laufe der Zeit erfinderisch, wenn es darum ging, mein tatsächliches Befinden zu verbergen.

Dieser Weg führte in den Abgrund

Mir war klar, dass dieses Verhalten, die Sinnfrage und das Verschweigen meiner Depressionen, zu nichts führte. Ebenso redete ich mir ein, dass das wieder weggehen wird und ich, wie immer, alles im Griff habe. Ich machte mir etwas vor, und ich spürte es.

Die Depressionen wurden schlimmer, die Schübe kamen heftiger über mich und ich verlor zunehmend die Kontrolle. Selbst einfachste Tätigkeiten wie den Müll raustragen waren nur noch situativ möglich.

Einen Weg, der aus diesem Dilemma hätte rausführen können, sah ich nicht. Einen Arzt aufzusuchen war zu diesem Zeitpunkt keine Option. Im Grunde war ich hilflos, spürte, dass mich etwas Gewaltiges in seinen Fängen hatte, dachte aber immer noch, dass sich das wieder einspielen werde.

Der trügerische Lichtblick

Ich nahm mein widersprüchliches Verhalten nicht als solches wahr. Hatte ich einen schlechten Tag, brachte ich nichts zustande. An guten Tagen konzentrierte ich mich darauf, anstehende Erledigungen so schnell wie möglich hinter mich zu bringen.

Ich war damit beschäftigt, einerseits gegen diese Gefühlsschübe zu kämpfen und andererseits nach außen hin den Schein zu wahren. Einen Weg zu suchen, diesem unbekannten, mächtigen Etwas zu entkommen, dazu fehlte mir die Kraft.

Es gab kurze Lichtblicke. Stunden, Minuten, in denen ich klar dachte, entspannt einen Kaffee trank oder konzentriert in einem Buch las. Dann dachte ich, „okay ich hab’s geschafft, das war’s, jetzt ist alles wieder gut“.

Diese guten Momente wurden seltener, kürzer und die Depression kehrte heftiger als vorher zurück. Ich sehnte diese Lichtblicke herbei, hielt mich an ihnen fest, wie ein Ertrinkender an einem löchrigen Schwimmreifen.

A Beautiful mind

Ich begann meine Gedanken aufzuschreiben, was sich anfangs als schwierig erwies. Wie hältst du etwas fest, dass rasend schnell an einem vorüberzieht und der nächste Gedanken schon da ist, und ein weiterer Gedanke gedacht werden möchte? Ich blieb dran, weil es das Einzige war, was mir vernünftig erschien.

Ich schrieb alles auf was daherkam. Kindheitserinnerungen, bestimmte Momente oder Begegnungen mit Menschen aus längst vergangenen Tagen. Ich versuchte meine Gefühle zu beschreiben, formulierte kurze Briefe an Menschen, in denen ich festhielt, was ich ihnen schon immer sagen wollte.

Notierte zu erreichende Ziele. Haus, viel Geld, Status, eine Weltreise. Dazu kamen noch Peinlichkeiten und Geheimnisse, die ich niemals jemandem erzählte. Stichwortartig schrieb ich Fehler auf, die ich glaubte gemacht zu haben. Ich formulierte streng, als würde ich mir selbst Vorhaltungen über mein verdammtes Leben machen.

Überall lag Papier herum. Alles vollgeschrieben, manches mit nicht näher nachvollziehbaren Zeichnungen. Kein Wunder, ich zeichne nicht halb so gut wie ein Kind im Vorschulalter. Ich war beinahe wie Russel Crow, alias John Nash in „A Beautiful Mind“.

Masochismus pur

Ich erinnere mich, dass ich bei manchen Texten hemmungslos zu weinen begann. Dann wieder beschäftigte mich eine Erinnerung stundenlang. An einer anderen Stelle entdeckte ich ein als schweren Fehler gekennzeichnetes Ereignis, das sich jedoch bei genauerer Betrachtung als unbedeutend herausstellte.

Ein als doppelt unterstrichener Wunsch erschien plötzlich irrelevant und an einer richtungsweisenden Entscheidung entdeckte ich Gründe für meinen Abstieg in diese unbefriedigende Existenz. Das ging monatelang. Abgrundtiefe Depressionen, lichte Momenten und der Konfrontation mit allen möglichen Bereichen meines Lebens.

Zu Beginn war das wie Salz in eine eitrige Wunde streuen und mit dem Finger fest rein drücken. Eine längst fällige, verdiente Strafe. Aber wofür? Muss ich bis ans Ende meiner Tage für einige Fehler und Verirrungen büßen? Fuck nein!

Büßen, eine Leben lang

Natürlich verdiene ich das nicht. Ich bin nicht mit einer Pumpgun in eine Schule gelaufen, um dutzende Kinder und Lehrer niederzumetzeln. Oder habe eine Bank ausgenommen, für deren Sanierung nun Milliarden an Steuergelder herangezogen werden müssen. Und keine Flüchtlinge, unter dem Vorwand ihnen zu helfen, in einem LKW verrecken lassen.

Ich machte Fehler, orientierte mich an dem einen oder anderem falschen Ziel, traf falsche Entscheidungen und hielt zu lange an diesen Entscheidungen fest. Niemand anderer erlitt deshalb bleibende Schäden. Weil ich vermutlich etwas sensibler bin als der durchschnittliche Kerl, spürte ich die Konsequenzen intensiver als manch anderer. Na und?

Dafür soll ich büßen, ein Leben lang? Verantwortung übernehmen, ja. Scherben aufsammeln und entsorgen, klar. Mich den zahlreichen Facetten meines Lebens stellen, wenn es noch so weh tut, her damit. Mich selbst verurteilen, bestrafen, leiden, sowas von verdammt nochmal, nein!

Aussteigen ist eine Entscheidung

Mein Burnout, und die damit einhergehenden Depressionen, also das Leiden zu überwinden, in dem ich mir ein Ziel setzte, war unmöglich. Das hätte lediglich dazu geführt, meine Einstellung zu dem Leben zu ändern, das ich gegenwärtig führte.

Ebensowenig hätte ich heute kein vernünftiges Leben, hätte ich nicht damit begonnen, mich meinem wahren Selbst zu stellen. Auch nicht, würde ich mir immer noch für meine früheren Verfehlungen die Peitsche geben. Und schon gar nicht, wenn ich mich auf den Spruch verlassen hätte, dass die Zeit alle Wunden heilt. So ein Schwachsinn, die Zeit heilt keine Wunden.

Mein Burnout war ein Weg voller Drama, schlechtem Schauspiel, hinfallen, aufstehen, wieder hinfallen und der bewussten Entscheidung zum Ausstieg aus diesem unaufrichtigen, mühsamen Leben.

Es dauerte bis ich soweit war, Entscheidungen zu treffen, ab dann verbesserte sich mein Dasein grundlegend. Das bedeutet nicht, dass das innerhalb kurzer Zeit passierte und nicht, dass heute alles völlig entspannt ist und ich nur noch gute Tage erlebe. Vermutlich wird es noch länger dauern, mein Ziel zu erreichen: Mein Burnout vollständig zu überwinden.

Die wahre Herausforderung

Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass ich Burnout gar nicht überwinden kann. Das Leiden, die Depressionen hörten auf, aber Burnout ist wie Herpes. Das Virus ist in mir, ich sorge dafür, das es nicht ausbricht. Wenn doch, weiß ich, wie ich damit umgehe.

Das Leben mit all seinen Herausforderungen, Verlockungen, Gefahren, Chancen und Risiken. Die zunehmende Geschwindigkeit, mit der sich alles entwickelt, zerbricht, verändert, die Anforderungen am Arbeitsmarkt, die gesellschaftlichen Zwänge und die unfassbare Informationsflut, die täglich über uns hereinbricht.

Das alles zu bewältigen und ein entspanntes, zufriedenstellendes und sinnvolles Leben zu führen, das ist meine Herausforderung, mein Ziel. Achte ich auf meinem Weg nicht darauf, wie ich diesen Anforderungen begegne, wie es meiner wahren Persönlichkeit entspricht, wird das Virus ausbrechen und das Leiden zurückkommen.

Du musst nicht gläubig sein, um dieses Buch als eines der Wertvollsten überhaupt zu erleben. Absolute Leseempfehlung: Der Weg: Wenn Gott Dir eine zweite Chance gibt*


Titel des nächsten Artikels:

Die Welt hat Burnout, es besteht Ansteckungsgefahr


Was ich von meinem Burnout lernte

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11 Gedanken zu “Der Weg aus dem Burnout war dramatisch. Ein Ziel gab es nicht.

  1. Wow!!! Wirklich ergreifend geschrieben – man merkt, dass du viel durchgemacht haben musst. Ich würde mir nicht erlauben, meine mit deiner Situation gleichzusetzten. Dennoch: Trennung, neue Wohnung, neue Leute… Ich kann das alles ein wenig nachvollziehen. Aber deshalb auch Danke für viele gute Tipps und Weisheiten. Gerne gelesen und ich komme gerne wieder vorbei! =)

    LG
    Matthias von http://www.power-blog.at

    1. Das freut mich Matthias, danke!

      Situationen zu vergleichen ist eh müßig. Jeder empfindet das eigene Erlebte als belastend oder erfreulich. Das gilt es immer zu respektieren und seinem Gegenüber mit Empathie zu begegnen!

      Beste Grüße
      Roland

  2. Ein sehr offener Artikel, meinen größten Respekt dafür! Ich werde deine Geschichte weiter beaobachten, wenn Du Rat und Hilfe benötigst melde dich! Alles gute!

    1. DANKE!

      Vielleicht magst du deine Website hier veröffentlichen, oder eine andere Kontaktmöglichkeit. Wenn du Rat und Hilfe anbietest, ist das bestimmt auch für andere Leser meines Blogs interessant.

  3. Ein sehr offener Bericht- danke dafür.
    Ich habe oft das Gefühl, dass Burnout noch immer falsch gesehen wird- das hatte wir ja im letzten Artikel schonmal- denn Burnout gilt entweder als chic oder aber wird wie eine Erkältung bagatellisiert („Stell dich nicht so an“ „gibt es da keine Medikamente, die du nehmen kannst, damit du weiterarbeiten kannst“ „ich hab auch viel stress“). Darum sind Artikel wie deiner sehr wichtig- nur wenn man zeigt, was ein Burnout für folgen haben kann- und wie sehr betroffene in der Falle hängen (zwischen außenwirkung, funktionszwang, Normen, Ansprüchen und dem eigenen Selbst) kann sich ein neues Verständis entwickeln.

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