Die Welt hat Burnout, es besteht Ansteckungsgefahr

Psychische Erkrankungen nehmen auf der ganzen Welt zu

In Österreich, in Europa, auf der Welt: Negative Entwicklungen und wie wir damit umgehen, könnten ein Grund für psychische Erkrankungen sein.


Die Schlagzeilen aus der Welt der letzten Tage sind ähnlich jener vor zehn oder zwanzig Jahren. Wahlen, Kriege, Flüchtlinge, Armut, Klimawandel, Terror, Song Contest, die Wirtschaft erholt sich, die Arbeitslosenzahlen nicht, Champions League Finale und, es wird über ein neues iPhone spekuliert.

Die Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, die Probleme, die auf uns zukommen, werden ebenso beschrieben, wie geniale, technische Neuerungen. Spektakuläre Ereignisse aus Sport, Film, Mode und sensationelle Enthüllungen diverser A-, B- und C-Promis brechen minütlich über uns herein, wie Shitstorms in sozialen Medien.

Grundsätzlich kommen alle diese Nachrichten entweder mit einem negativen Unterton daher, oder vermitteln die Botschaft, sie wären wichtig. Der vermittelte Eindruck ist, alles geht den Bach runter, es kommen schwierige Zeiten auf uns zu und alles andere ist bedeutsam, weil … Ja, warum eigentlich?

Hören wir noch auf unsere innere Stimme?

An diesem Punkt beginnt die Epidemie auszubrechen. Alle diese Schlagzeilen lösen Emotionen aus. Und weil uns diese Informationen meist negativ und als besonders wichtig verkauft werden, nehmen wir diese Gefühle als negativ und wichtig wahr.

Ist es nicht auffällig, dass Diskussionen immer hitziger geführt werden? Ist es nicht eigenartig, dass sich der Planet immer noch dreht, wir immer noch da sind, obwohl uns in der Vergangenheit mehrmals das Allerschlimmste prophezeit wurde? Und, sagt uns unsere Erfahrung nicht eindeutig, dass all der Ärger und emotionale Stress noch nie zu etwas geführt hat? Sind wir Menschen nicht eine eigenartige Spezies.

Ich bin die moralische Instanz

Ich war ein Fall für die AN, die anonymen Nachrichtensüchtigen. Bereits in den Fängen der Depressionen, schränkte ich den Konsum von Nachrichten nicht etwa ein, im Gegenteil. Ähnlich einer Hyäne knabberte ich an jedem Knochen, an dem noch ein Fetzen Information hing.

Ich war zwanghaft auf der Suche nach Antworten, um sämtliche Ereignisse zu verstehen. Warum ist das passiert, wer ist daran beteiligt, wer steckt dahinter, wem nützt es, was wird sich daraus entwickeln?

Bücher, Zeitungen, Online-Medien, Nachrichten- und Diskussionsrunden im Fernsehen, Dokumentationen – mein Gehirn war randvoll mit Daten und Fakten. Aufgerüstet mit Argumenten, wie Rambo in den Bergen von Afghanistan.

Bis an die Zähne bewaffnet, trieb ich mich in sämtlichen Foren rum und schoss auf alles, was sich mir in den Weg stellte. An heftigen Debatten beteiligte ich mich ebenso, wie ich zynische, teils untergriffige Kommentare hinterließ. Mir ging es darum Recht zu haben und andere von meiner Meinung zu überzeugen. Ich war die einzige moralische Instanz und alle anderen hatten sich dieser zu fügen.

Aus Unsicherheit wird Wut wird Hass wird Angst

Ich fühlte mich, als würde die gesamte Last der Welt auf meinen Schultern liegen. Dieses ganze Leid, die negativen Entwicklungen und die Ohnmacht, in die die Menschheit zu verfallen schien, es machte mich fertig. Ich machte mich fertig.

Ich wollte die Welt retten, war aber immer weniger in der Lage mir selbst zu helfen. Anfangs war ich häufiger schlecht gelaunt, zweifelte an meiner Einstellung zum Weltgeschehen, war auf Menschen in meinem Umfeld grundlos wütend und entfernte mich immer mehr von ihnen. Ich befand mich bereits in einem Burnout, wußte es aber noch nicht.    

Angst und Hass schlichen in mein Leben. Meine Wut begann weh zu tun. Passierte etwas, das nicht meiner Vorstellung entsprach*, spürte ich, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Wie bei einem Vulkan staute sich die ganze Energie in mir auf. Körperliche Verspannungen und eine innerer Unruhe, als hätte ich eine Überdosis Koffein in mir, waren die Konsequenzen.

Ich bin nicht für das ganze Leid der Welt verantwortlich.

Ich war verunsichert und sprach nicht aus, was ich mir dachte oder fühlte und fraß den ganzen Hass in mich rein. Mehr und mehr zog ich mich zurück und sah zu, wie mein Leiden begann und meine Fähigkeit zur Gegenwehr endete.

Das Unheil kam in mein Leben, breitete sich aus und ließ mich nur noch Negatives wahrnehmen. Egal ob es sich um Ereignisse weit draußen in der Welt oder in meiner unmittelbaren Umgebung handelte. Ich hatte mich angesteckt.

Fakten sind wie Moskitos

In diesem ekelerregenden Sumpf gedeihen Depressionen prächtig. Ich empfand sie als eine explosive Mischung aus gedanklichen und emotionalen, nicht enden wollenden Schleifen. Sie wucherten unkontrolliert und ich nährte sie regelmäßig.

Es war nicht diese eine Sache, die mich ins Burnout führte und Depressionen auslösten. Der exzessive Nachrichtenkonsum und die Bedeutung, die ich all den Ereignissen gab, waren ein Teil davon. Schwirrten Gedanken ohnehin wie tausende Moskitos in meinem Kopf umher, kamen die vielen Fakten noch hinzu.

Es war auch nicht diese eine Sache, die es zu klären galt um diesem Abgrund zu entfliehen. Ich erkannte den Zusammenhang zwischen dem, was da draußen passierte und meiner Reaktion darauf. Ich gab Ereignissen eine Bedeutung, die weder in meinem Einflussbereich standen, noch wichtig für meine aktuelle Situation waren.

Die Welt kann ich nicht verstehen

Ich wollte die Welt verstehen und scheiterte. Wie kann ich etwas derart komplexes und undurchsichtiges wie die Welt, also die Menschheit, verstehen? Eine Entwicklung über mehrere tausend Jahre mit einigen Informationen zu begreifen, seien sie noch so umfangreich, ist unmöglich. Im Übrigen eine Beschreibung, die auch auf Burnout zutrifft.

Mein Leben war längst aus den Fugen geraten und nun sah ich, dass mit der Welt das Gleiche passierte. In meinem Wahn, in all den Nachrichten eine Lösung für die Probleme dieser Welt zu finden, fand ich – nichts. Was sich allerdings in meinem Leben breit machte, war Angst vor der Zukunft. Vor meiner Zukunft.

Mir wurde klar, dass wir Menschen uns gegenseitig anstecken. Jemand artikuliert, in einem Medium oder im persönlichen Umfeld, ein Thema mit plausibel oder provokant formulierten Argumenten. Sofort beginnen wir uns damit auseinanderzusetzen, bilden uns eine Meinung und geben dem Thema eine Bedeutung.

Was ist wichtig

Je nach Charaktereigenschaft gehen wir unterschiedlich damit um. Ich bewundere Menschen, die in allen Lebenslagen gelassen bleiben und nichts und niemandem einen überhöhten Stellenwert geben. Hier hat Burnout kaum eine Chance.

In einem philosophisch ausgearteten Schriftverkehr über psychische Erkrankungen und Prioritäten in unserem Leben, meinte kürzlich ein sehr guter Freund: „Nichts ist für die Welt wichtig. Es ist für einzelne Personen eine Hilfe, oder interessant oder wichtig. Wenn das viele Personen interessiert, ist es was Großes und für mehr Menschen auf der Welt wichtig. Für die Welt ist es dennoch nicht wichtig“.

Wie erwähnt, sehr philosophisch, bringt das Thema aber gut auf den Punkt. Geben viele Menschen einer Sache eine Bedeutung, wird diese zu etwas Großem. Das heißt aber nicht, mich eingehend damit beschäftigen zu müssen.

Schimmel kannst du nicht überdecken

Ich brauchte lange, um das zu kapieren und noch länger um damit klar zu kommen. Zuerst hörte ich radikal auf, Nachrichten zu konsumieren. Kam dennoch etwas an mich heran, nahm ich die Informationen lediglich zur Kenntnis.

Es wäre unsinnig gewesen, mich zum Ausgleich mit schönen Dingen zu beschäftigen, positive Texte zu lesen und nur noch angenehme Gespräche zu führen. Mich zuerst vom Negativen zu trennen, ihm den Nährboden entziehen, das war wirkungsvoll. Negatives mit Positivem überdecken, ist wie weiße Farbe auf eine schimmelverseuchte Wand zu schmieren.

Die Welt, die Menschheit hat Burnout. Alles ist zu viel, zu schnell, zu unübersichtlich und zu kompliziert. Mich davon zu lösen, war Teil davon, ein burn|outsider zu werden.

Ich bin nicht für psychische Erkrankungen und das Leid der Welt verantwortlich. Das macht mich nicht zu einem Ignoranten, im Gegenteil. Als entspannter Mensch ist es mir möglich einen Beitrag zu leisten, damit wir nicht den Bach runter gehen.

Einer, der die Welt sehr gut beschreibt ist Roland Düringer. In seinem Buch
Weltfremd?* bleibt einem manchmal das Lachen im Hals stecken. Sehr empfehlenswert!


Titel des nächsten Artikels:

Burnout und Depressionen. Modeerscheinung oder Schauspiel?


Du hast keinen Stress, du hast Wünsche

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