Ein kleiner, schwarzafrikanischer Junge schaut und zeigt mit dem Zeigefinger direkt in die Kamera. Er lebt in Armut und hat echten Stress.

Du hast keinen Stress, du hast Wünsche

Dein Stress, dein Burnout sind schlimm. Wie es dem Kind auf dem Foto wohl geht?

Was hat die Armut der dritten mit dem Stress und Burnout der ersten Welt zu tun? Alternativlosigkeit und Wahlfreiheit prallen aufeinander.


Die zehnjährige Sena aus Äthiopien muss zwei Mal täglich einen 6 Kilometer weiten Fußmarsch mit einem 20 Kilogramm schweren Wasserkanister auf dem Rücken absolvieren. Stress ist für sie und ihre Familie eine Sache des Überlebens.

Der vierzigjährige Max aus Österreich muss zwei Mal täglich einen 10 Kilometer langen Stau in einem klimatisierten Mittelklassewagen ertragen. Stress ist für ihn ein tägliches Ärgernis.

Der Vergleich hinkt?

Natürlich tut er das. Du bist nicht schuld daran, in der sogenannten industrialisierten Welt auf die Welt gekommen zu sein und dieses Gesellschaftsspiel von Geld, Besitz und Status mitspielen zu müssen.

Die hungernden Menschen in der sogenannten dritten Welt tun dir leid und du gibst Geld- und Sachspenden. Davon, deinen Lebensstil* zu ändern, hätten diese armen Menschen nichts.

Burnoutside: Stress ist relativ. Drei Punkte, damit die UN eine Hungersnot als solche anerkennt.
Quelle: „Verzweifelte Nomaden winken mit leeren Wasserkanistern“

Außerdem empfindest du es unfair und anmaßend, mit diesem Vergleich konfrontiert zu werden. Du bist nicht für das Leid der Welt verantwortlich. Und, was hat das überhaupt mit Stress zu tun?

Stress ist relativ

Vor zehn Jahren, ich leitete ein wichtiges Projekt als Angestellter eines großen Unternehmens, kippte ich eines Tages um und war einige Minuten bewusstlos. Ich ging über eine lange Zeit ans Limit, verlor meine Kraft und war mit einem harten Schlag am Boden der Tatsachen aufgeschlagen.

Die Folge war ein Gehörsturz und ein Tinnitus, der seither als treuer Begleiter mit mir durchs Leben pfeift. Mein Chef schickte mich nach Hause und als ich nach zwei Wochen ins Büro zurückkehrte passierte Erstaunliches.

Nichts

Die Erde drehte sich noch, das Unternehmen stand nicht vor dem Ruin, das Projekt lief weiter. Vorerst unbewusst, veränderte sich meine Einstellung zur Schufterei grundlegend.

Ich kämpft noch jahrelang dagegen an und hetzte wie ein Schwachsinniger umher. Erst mein Burnout und die folgenden Depressionen lehrten mich die wichtigste Erkenntnis meines Lebens:

Meine Leidenschaft, Engagement und meine Zeit für Bereiche einzusetzen, bei denen ich spüre, dass es mir wirklich wichtig ist und diese meinen wahren Bedürfnissen entsprechen. Also nicht für Geld, Besitz und Status.

Wir wünschen uns Probleme

Stress kommt

– vom Markenemblem auf meiner Kleidung,

– dem Stern an meinem Auto,

– dem Apfel auf meinem Smartphone,

– von der Restlaufzeit meines Kredites,

– der Anerkennung meiner Mitmenschen

– und so weiter und so fort.

Wir leben in einer Welt des Überflusses, an einem Ort, an dem niemand hungern muss, jeder ein Dach über dem Kopf hat. Im Winter können wir die Heizung aufdrehen und im Sommer im Schwimmbad abschalten. Jeder!

Alles Andere ist optional, eine Zu- oder Draufgabe. Wünsche, die wir haben sind legitim. Ob sie es wert sind, dafür durchs Leben zu hetzen, oder ob sie mehr Probleme als Lösungen verursachen, sind die Fragen, die es schnellstens zu klären gilt.

Geben wir unseren vielen kleinen und großen Problemen eine Bedeutung, indem wir sie zum Beispiel als stressig empfinden und benennen, entwickeln sie ein Eigenleben. Sie tragen das Potential in sich, uns in den Wahnsinn zu treiben, weil wir den Widerspruch, dass es uns im Grunde gut geht, erkennen.

Du machst dir Stress und du hast Stress

Wenn diese Hektik ein fixer Bestandteil meines Alltages ist, war ich es, der sich für diese Lebensweise entschied. Den Job, bei dem ich nicht weiß, was ich zuerst tun soll, der aus unzähligen Überstunden besteht und der mich Abends völlig fertig ins Bett fallen lässt, habe ich mir ausgesucht.

Nicht nur das. Ich entschied mich, den Druck, den beispielsweise ein Vorgesetzter ausübt, anzunehmen. Das ist leicht zu überprüfen. Wenn deine Kollegen die gleiche Tätigkeit ohne Stress erledigen, tun sie das für sich Richtige.

Sena hat keine Wahl, wir schon

An diesem Punkt wird der Eine oder Andere einen roten Kopf bekommen und mir virtuelle Sprüche an die Wange knallen: „Ich brauch den Job, ich brauch das Geld, ich kann nicht einfach kündigen“, oder „ich muss das jetzt ertragen, damit es mir später besser geht“, und „so ist das Leben nun einmal, ich habe keine Wahl“.

Wir leben im absoluten Überfluss. Wir haben die Wahl, was uns am Besten gefällt, was am Besten zu uns passt. Kleidung, Reiseziele, Lebensmittel, Fernsehgeräte, Freizeitaktivitäten und Jobs.

Klar, mit Jobs ist es nicht so leicht, allerdings gibt es Sozialleistungen, die Möglichkeit in manchen Bereichen einzusparen oder eine Ausbildung zu machen. Alles eine Frage des Willens, des Mutes und der Einsicht, dass wir nur dieses eine Leben haben werden.

Sena hat von alledem nichts. Das hilft dir nicht weiter, könnte dich jedoch auf den einen oder anderen neuen Gedanken bringen.

Aber Vorsicht, darüber nachzudenken könnte dazu führen, aus deiner Komfortzone auszubrechen, der Stressfalle zu entkommen und dir deine wahre Berufung zeigen.   

Es gibt auch bei uns Armut

Dass es Hungertot gibt, ist eine Schande für die gesamte Menschheit. Geradezu lächerlich erscheint, dass eine Tür weiter, Menschen am absoluten Existenzminimum dahinvegetieren.

Rentner, die den Grundstein für unseren heutigen Wohlstand legten, alleinstehende Mütter, die oftmals dem Vorwurf ausgesetzt sind, ein Kind auf die Welt gebracht zu haben.

Jugendliche, für die es keine Arbeitsplätze gibt, ältere Langzeitarbeitslose, die nicht mehr gebraucht werden, Familien, die durch einen Schicksalsschlag von Spenden abhängig sind.

Du hast keinen Stress

Und dann sehe ich dich, nein, nicht dich. Den Anderen, der abwechselnd auf seine Rolex und sein Smartphone gafft und sich über die vielen Termine beschwert, die er noch zu absolvieren hat.

Nimm dir sieben Minuten Zeit und schau dir dieses wunderbare Video an.

Oder sie, die in High Heels mit roten Sohlen durch den Supermarkt hetzt, zwei Kinder im Schlepptau, den Einkaufswagen in der einen, das Telefon in der anderen Hand. Ihrer Freundin erzählt sie, dass sie kurz vor einem Burnout steht.

Die Einen rennen für noch mehr Geld, Besitz, Status und jammern über Stress. Die Anderen haben keine Zeit zu jammern, weil ihre ganze Energie damit aufgeht, über die Runden zu kommen.

Ich bewundere die kleine Sena aus Äthiopien

Sie tut was sie tun muss um zu überleben. Jammern ist für sie sinnlos, weil ihr niemand zuhört. Ich frage mich, was sie denkt, würde sie sehen, wofür wir tagtäglich durchs Leben hetzen.

Ein Buch, das auf den ersten Blick nicht zum Thema passt. Allerdings beschreibt es wie kaum ein anderes Werk, wofür es sich wirklich zu kämpfen lohnt. Die Geschichte von Nelson Mandela. Pflichtlektüre und spannend bis zur letzten Seite: Der lange Weg zur Freiheit: Autobiographie*


Titel des nächsten Artikels:

Sex und Depression. Die weiche Härte


Die Welt hat Burnout, es besteht Ansteckungsgefahr

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