Ein Mann kann alles, weint aber heimlich

Ich wollte ein Mann sein und wurde zum Versager

Ein Mann sein ist mit vielen, teils widersprüchlichen Erwartungen und Klischees verbunden. Erfüllst du diese Anforderungen nicht, bist du schnell als Versager abgestempelt.

Soll ein Mann weinen dürfen, muss er stark sein und wissen, was eine Frau gerade von ihm erwartet? Und was, wenn er plötzlich nicht mehr annähernd in der Lage oder bereit ist, diesen Erwartungen zu entsprechen?


Hast du dir schon dieses Interview angehört? Ich empfehle es dir, wenn du dich mal entspannt berieseln und dabei einiges über Burnout und Depressionen erfahren möchtest.


Zum Mann sein erzogen

Als Kind bekam ich von meinen Eltern zu hören, „ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Dieser Spruch fiel mir in jenem Moment ein, als ich vor Jahren in einer Depression hing.

Das schau ich mir an, wenn ein Indianer (heute politisch korrekt: Native American) mit einem Pfeil im Oberschenkel, einer Kugel in der Brust und gezogenen Fingernägeln unter seinem Pferd kauert.

Auch wenn er ein harter Kerl ist, wird er vor Schmerzen winseln, wie ein Baby mit Verstopfung.

Meinen Eltern mache ich heute keine Vorwürfe. Sie taten ihr Bestes, wußten es als junge Eltern nicht besser und bereiteten mich auf ein Leben vor, in der ein Mann stark sein muss um nicht als Versager zu enden.

Ein Mann, ein Klischee

Neben dem „keinen Schmerzen kennen“, lese ich häufig, was Männer heute noch alles sein müssen oder sein wollen:

– Männer sollen körperlich und mental stark sein und gleichzeitig ihre Gefühle zeigen,

– Machos und Frauensteher sein,

– sich im Job hierarchisch unterordnen, aber zu Hause partnerschaftlich und kompromissbereit sein,

– werden über ihre Arbeit definiert, ernten aber Vorwürfe, wenn sie zu wenig in der Familie präsent sind,

– wollen mehr Zeit für sich, wissen aber wenig damit anzufangen,

– im Bett sollen sie zärtlich und einfühlsam sein, aber wissen, wann es Zeit für die Fesseln ist,

– positionieren sich als Macher und sind doch für die meisten Katastrophen dieser Welt verantwortlich,

– sollen auf alles eine Antwort wissen und werden als Sprücheklopfer abgestempelt,

– sollen das Geld nach Hause bringen und sind verantwortlich, dass Frauen weniger verdienen,

– sollen sagen, wo es lang geht, aber wissen, wann die Klappe zu halten ist,

– sollen aussehen wie George Clooney, aber keinen anderen Frauen nachstarren,

– sich selbstbewusst von ihren Müttern lösen, werden aber von ihren Frauen ähnlich behandelt, und

– sie sollen beschützen, aber der Emanzipation der Frauen nicht im Wege stehen und so weiter und so fort …

Die eierlegende Wollmilchsau

Ich muss kein Mann sein, ich bin ein Mann. Ich definiere mich allerdings nicht über die Tatsache, dass ich im Stehen pinkle.

Niemand soll mir sagen, was ich tun oder nicht tun soll, um der Definition Mann zu entsprechen. Es sind Klischees, die über die Jahrtausende entstanden sind. Klischees, die sich in jenem stumpfsinnigen, menschlichen Verhalten manifestieren, in dem wir eigene Erwartungen und Vorstellungen jemand anderem umhängen.

Dummerweise erkannte ich diese Falle viel zu spät und machte bei diesem gesellschaftlichen Wahnsinn mit. Versuchte jahrelang „aus mir etwas zu machen“, „kein Versager, sondern ein echter Mann“ zu sein, anstatt herauszufinden wer ich bin.

Wollte einen besseren Status durch die Jobbezeichnung und durch die Höhe meines Einkommens erlangen. Kleidete mich, dass ich als selbstbewusster, dynamischer Mann wahrgenommen werde.

Der Versager in mir

Dazu kam, dass ich mir den Nimbus eines coolen Typen aneignen wollte. Überlegte mir klug klingende Sätze und gab mir niemals die Blöße, etwas nicht im Griff zu haben.

Erstaunlicherweise funktionierte diese Strategie. Allerdings wurde ich zu einem überheblichen Mistkerl, der sich einen Heiligenschein aufsetzte und vorgab, der Himmel sei seine natürliche Grenze.

Stattdessen war es die Hölle. Mein Burnout zwang mich in die Knie und die Depressionen gaben mir den Rest. Plötzlich war ich ein Versager und meine Männlichkeit schrumpfte auf die Größe eines gespaltenen Atoms. Und das war gut – sage ich heute.

All die oben angeführten Klischees empfand ich plötzlich wie einen hinterhältigen Giftgasanschlag. Zusammengekauert wie ein frisch geschlüpftes Küken, sind die Anforderungen, stark, entscheidungsfreudig und cool zu sein, wie das ein erwachsener Mann sein soll, so weit weg, wie Justin Bieber von einem anerkannten Künstler.

Erwartungen erwarten Verzweiflung

Schwäche. Was für eine bittere Eigenschaft. Was ist ein Mann, der den allgemein gültigen Erwartungen nicht entspricht? Ein Versager, eine gescheiterte Persönlichkeit, ein Individuum, das seine Chance, ein akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft zu sein, verwirkt hat?

Diese Gedanken ließen mich verzweifeln, bis sie mir einen Ausweg eröffneten, der heilsamer, echter und bedeutender nicht sein konnte.

Wer bin ich?

Als nichts mehr von dem vorhanden war, womit ich mich bisher identifizierte, bot sich mir die einmalige Möglichkeit, meinen Kern anzuschauen.

Sind alle Anforderungen, Erwartungen, Hoffnungen, Vorurteile und Klischees erst einmal weg, bleibt ein winzig kleiner Rest übrig. Dieser Rest – das bin ich.

Dann ist da nichts mehr von wegen „ich bin derjenige, der die Reifen wechselt“, „ein Macher, der es allen zeigen will“, „ein Arschloch, der seine Kraft oder Macht einsetzt, um Schwächere klein zu halten“.

Dieser Rest lässt mich mehr und mehr spüren, was ich in jener Situation beitragen kann, in der ich mich gerade befinde. Ob ich einer Frau oder einem Mann in den Mantel helfe, das Klo putze, einer Frau auf Augenhöhe begegne oder meinen Gefühlen freien Lauf lasse und heule wie ein kleines Mädchen, spielt keine Rolle mehr.

Mann sein heißt Mensch sein

Das hat nichts mehr mit Männlichkeit zu tun. Es geht nur noch darum, wie unaufgeregt und emphatisch ich durchs Leben gehe.

Und das fühlt sich richtig stark an, echt und ehrlich. Das lässt meine Schultern nach hinten gehen, mein Brust raus und meine beiden Beine stehen fest auf dem Boden.

Ob ich als Mann gelte der Eier hat, ist dermaßen unwichtig geworden wie der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umgefallen ist.

Ich bin ein Mann, das bestätigen diverse körperliche Merkmale. Jede Definition darüber hinaus überlasse ich den vielen gscheiten Leuten, die mit dem Finger auf Andere zeigen und denken, dass sie sich dadurch auf ein Podest stellen.

Ich habe meine Erwartungen, Vorstellungen, Klischees und Vorurteile zu Mann sein an den Nagel gehängt und euch, und euer Podest, gleich dazu.

Ein Buch, das von einem Mann erzählt, der plötzlich alle seine Überzeugungen auf den Prüfstand stellen musste und dabei zu sich selbst fand. Prädikat: Absolut empfehlenswert: Der Pfad des friedvollen Kriegers *


Titel des nächsten Artikels:

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