Erste Hilfe bei Depressionen. Kampf gegen Windmühlen

Meine persönlichen Akutmaßnahmen bei Depressionen

Dieser Artikel ist wesentlich länger als alle Bisherigen. Erste Hilfe bei Depressionen ist ein sensibles Thema. Es wäre unseriös, und Betroffenen gegenüber unfair, würde ich bei den hier angeführten Akutmaßnahmen auf die Textlänge achten. Ich bitte um Verständnis.


Der Artikel entstand durch einen Aufruf an meine Facebook-Fans, sich ein Thema auszusuchen. Vielen Dank für die zahlreichen E-Mails, in denen dieses Thema am Häufigsten genannt wurde.


Brauchst du Erste Hilfe bei Depressionen, ist bereits viel passiert

Am Beginn einige wichtige Hinweise:

– Die hier angeführten Maßnahmen beruhen auf meinen persönlichen Erfahrungen. Ich möchte ihnen nicht den Status einer allgemeinen Gültigkeit geben.

– Es ist gut, wenn du zur Selbsthilfe bereit bist, begib dich dennoch in ärztliche Betreuung. Es gibt zahlreiche Ursachen für deine Depressionen, genetische, physische oder psychische. Lass’ dich umfassend untersuchen, bestehe auf einen umfangreichen Bluttest (Vitamin B12, Vitamin D, Serotonin usw.).

Alle angeführten Akutmaßnahmen sind auf Dauer sinnlos, wenn du z.B. unter einem Serotoninmangel leidest.

– Leidest du an einer Krankheit oder hast du gerade viel Stress? Diese Unterscheidung ist wichtig, sprich mit einem Arzt darüber.

Bist du vorübergehend enormen Stress ausgesetzt, helfen diverse Entspannungsübungen oder Tabletten wie z.B. Vitango *. Ein pflanzliches Arzneimittel, das hilft, Stress besser zu bewältigen. Lass dich in jedem Fall in der Apotheke und/oder von einem Arzt beraten.

– Du hast die ersten Anzeichen für deine Depressionen nicht erkannt oder bewusst beiseite geschoben. Nutze die Phasen, in denen es dir besser geht, dafür, deine Lebenssituation zu hinterfragen.

Was spürst du, wenn du an deinen Job denkst, deine Beziehung, deinen Wohnort, an die Konflikte mit anderen Personen, an Ereignisse aus deiner Vergangenheit? Du wirst zahlreiche Hinweise finden, die mit ein Grund für deine Krankheit sind, bzw. sein können.

Sei brutal ehrlich zu dir selbst! Damit beginnt dein Weg raus aus diesen schmerzhaften Depressionen.

Akutmaßnahmen bei Depressionen

Die schlechte Nachricht zuerst: Ich kenne keine Akutmaßnahmen, die dafür sorgen, dass Depressionen sofort verschwinden. Wie bei allen anderen Krankheiten, ist die Linderung der Schmerzen das erklärte Ziel.

Das zu akzeptieren führt zur guten Nachricht: Depressionen selbst, die Schmerzen, sind Teil der Heilung. Ich vergleiche es vorsichtig mit Fieber. Erhöhte Temperatur ist unangenehm, Ärzte empfehlen jedoch Fieber zuzulassen, weil es zur Abwehr von als fremd erkannter Stoffe dient (z.B. Viren, Entzündungen usw.).

Die, meiner persönlichen Erfahrung nach, wichtigste Erste Hilfe bei Depressionen ist:

Akzeptiere, dass du krank bist und verhalte dich nicht wie ein gesunder Mensch

Wie bei Fieber und Schnupfen. Du legst dich ins Bett und dir ist klar, dass es einige Tage braucht, damit Heilung stattfinden kann. Medikamente einwerfen, Unmengen an Tee in dich reinschütten und ätherische Öle inhalieren unterstützen diesen Prozess. Dennoch dauert es, bis du wieder fit bist.

Dein Verstand zeigt dir Windmühlen wo keine sind

Das Gedankenkarussell in deinem Kopf ist eine verwirrende und schwachsinnige Ansammlung von Unwahrheiten.

Don Quijote führte einen sinnlosen Kampf gegen Windmühlen, die er für mächtige, vielarmige Riesen hielt. Depressionen sind wie mächtige Riesen. Glaube mir, du willst nicht Don Quijote sein, diesen Kampf gewinnst du nicht.

Mach dir folgendes klar: Deine Gedanken während einer Depression sind falsch. Schreib sie auf und du wirst, spätestens wenn es dir wieder besser geht, ihre Falschheit und Absurdität erkennen.

Stop

Stell dir vor, ein Betrunkener läuft mit wild fuchtelnden Armen, wirres Zeug schreiend und irre Grimassen schneidend vor dir rum. Was würdest du tun?

Dein Verstand ist jetzt, während deiner Depression, dieser Betrunkene. Schrei ihn an: „STOP“. Von mir aus: „Stop, du verdammtes Arschloch! Halt die Klappe und mach dich hier nicht zum Affen, verdammt nochmal“. Fluche, was das Zeug hält, bring diesen Mistkerl zum Schweigen.

Du hast einen fiesen Kritiker in dir. Einen hässlichen Kerl mit fettigen, zerzausten Haaren und Eiterpickel im Gesicht. In dreckigen Kleidern stinkt er wie eine Mülltonne, dessen verfaulter Inhalt seit Wochen in der Sonne steht. Der Typ hat nichts in seinem Leben auf die Reihe gekriegt und redet dir mit einem verschmitzten Grinsen ein, dass du ein Versager bist.

Du bist verzweifelt, nutze die Kraft deiner Verzweiflung und diese ganze Wut und weise dieses Arschloch in die Schranken. Du bist der Boss, auch wenn du gerade am Boden liegst.

Atme

Eine Technik, die mir half, diese verfickten Gedanken zu stoppen, war Ablenkung. Indem ich mich auf etwas Anderes fokussierte, wurde der Verstand ruhiger.

Konzentriere dich auf deine Atmung. Langsam und tief über die Nase einatmen. Nimm sowohl die einströmende Luft in deiner Nase wahr, als auch wie sich dein Bauch hebt.

Halte die Luft einige Sekunden an und spüre den Druck in deiner Brust. Atme anschließend die Luft über den Mund aus. Lass dir dafür zehn Sekunden Zeit. Wiederhole diesen Vorgang mehrmals.

Gewinnen deine Gedanken die Oberhand, verurteile dich nicht. Beginne mit der Atemübung von vorne.

Spüre dich

Eine weitere Technik, aus deinem Gedankengebilde, und somit aus dem Leiden auszusteigen, ist die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. Zwinge dich nicht, wie bei allen anderen Aktivitäten, die bei Depressionen empfohlen werden, dazu.

Hast du keine Lust, dann lass’ es. Schau dir das Video an, vielleicht ist diese Technik etwas für dich.

Du bist am Abgrund, weiter geht es nicht

Egal was du getan oder nicht getan hast, es spielt jetzt keine Rolle, es ist geschehen. Dir jetzt Vorwürfe zu machen ist, als würdest du bei der Geburt deines Kindes über Verhütung nachdenken.

Im Zustand deiner Depressionen hast du jegliche Objektivität verloren. Du beschimpfst dich, wie unnütz und welch ein Versager du bist, klar, dass dich niemand liebt, du kannst nichts usw.

Hör auf damit, sofort. Das ist kein Ratschlag, das ist ein Befehl. Es stimmt nicht, dass du ein Versager oder irgendetwas in diese Richtung bist. Du bist ein Mensch. Menschen machen Fehler, verirren sich gelegentlich im Leben.

Aber, du bist immer noch da. Auch wenn du gerade nichts fühlst oder dich deine Gefühle überrennen, wie eine Horde wild gewordener Büffel. Du bist lebendig wie nie zuvor, du weißt es nur noch nicht. Dein Leben verändert sich gerade und Veränderungen verlaufen manchmal dramatisch. Lass diese Veränderungen zu.

Verfalle bloß nicht in die Opferrolle

Ich weiß, die Versuchung ist groß. Nimm alle Gedanken und Gefühle zur Kenntnis, bewerte sie nicht. Jegliche Bewertung wird während einer Depression negativ ausfallen. Beginne erst gar nicht damit.

Hör auf, Anderen die Schuld für dein Leiden zu geben und denke nicht in Kategorien wie, ich muss, ich sollte, ich habe nicht, ich kann nicht. Das bringt dich nicht weiter, du bist bereits am Abgrund angekommen.

Du bist ein lebendiger Mensch, der jetzt schwach ist. Das ist okay, du bist nicht der Erste dem das passiert und vor allem: Du bist nicht alleine in deinem Leiden. Das glaubst du nicht? Ich schreibe gerade diese Zeilen für dich ganz alleine und #ichfühlemitdir!

Bitte nicht um Hilfe, es kann dir niemand helfen

Bitte stattdessen jemanden, sich zu dir zu setzen. Dieser Jemand ist einfach da, liest die Zeitung oder lackiert sich neben dir die Fingernägel.

Schaut euch gemeinsam einen Film oder eine Dokumentation an. Nichts extrem Lustiges, Dramatisches oder Schweres. Vielleicht einen alten Film * wie Manche mögen’s heiß mit der wunderbaren Marylin Monroe oder Ziemlich beste Freunde.

Mach dem Anderen klar, dass du nicht reden, dich nicht erklären möchtest und keine Hilfe in Form von Ratschlägen oder Trost erwartest.

Wenn zwei Menschen zusammen sind, fühlt sich stets jemand gezwungen etwas zu sagen. Überwindet diesen Zwang und verbringt schweigend Zeit miteinander. Wenn ihr es nicht bereits seid, werdet ihr dadurch vielleicht Freunde für’s Leben.   

Die Sonne scheint immer

… sie ist nur manchmal von Wolken * verdeckt. Deine Depressionen sind wie Wolken.

Du denkst „Ich komme da nie wieder raus“! Sei dir darüber im Klaren, dass das eine Lüge ist, die dir dein Verstand mit seiner fies grinsenden Fratze unterjubelt.

Ich habe es geschafft, viele Andere schafften es, du schaffst es. Es ist eine Frage der Zeit und keine des Kampfes. Was willst du machen, wenn Wolken die Sonne verdecken? Sie zur Scheite schieben, mit einer Pumpgun auf sie schießen? Vergiss es, die Sonne, das Schöne in deinem Leben wird das regeln.

Ergib dich erhobenem Hauptes

Es gibt tausende Ratschläge zu Erste Hilfe bei Depressionen. Die Meisten davon erscheinen mir absurd, weil sie irrigerweise davon ausgehen, dass du die Kontrolle über dich und dein Verhalten hast.

„Liebe dich selbst“ oder „werde dir den schönen Dingen in deinem Leben bewusst“ klingt nett, hat aber mit Erste Hilfe bei Depressionen nichts zu tun. Genauso könntest du einem schwer verletzten Autofahrer, der gerade die Bekanntschaft mit seinem Airbag gemacht hat darauf hinweisen, dass sein linkes Bein eh noch ganz gut aussieht.

Akzeptiere was ist, schäm dich nicht dafür. Auch wenn du dich in Embryonalstellung unter einer Decke versteckst, bist du immer noch ein Mensch. Dich dem hinzugeben was ist, ist keine Schwäche. Es ist der Schlüssel, den du bewusst betätigst und der das Tor aus deiner Dunkelheit zu deinem Licht öffnet.

Leiden ist Erleuchtung

Schon klar, dieser Spruch kommt spirituell daher. Ich hörte ihn letztens in einer Dokumentation über buddhistische Mönche und er ließ mich nicht mehr los, weil er – in meinem Fall – absolut zutrifft.

Natürlich betrachte ich mich nicht als Erleuchteter. Leiden ist Erleuchtung beschreibt allerdings exakt das, was ich erlebte, was ich aber bisher nicht treffend beschreiben konnte.

Ich musste Leiden, sonst würde ich noch heute einer Illusion nachlaufen. Dieses Leiden, die Depressionen, spülten diese langjährige Selbsttäuschung weg (Wolken) und schufen Platz für etwas Neues in meinem Leben (Sonne).

Mir ging tatsächlich ein Licht auf, weil ich den Zusammenhang zwischen meinem früheren Leben, dem daraus resultierenden Leiden und meinem wahrem Ich erkannte. Das bringt mich zur letzten Akutmaßnahme, die ich dir vermitteln möchte:

Versuche dein Leiden zu lindern und halte Ausschau nach dem Licht. Es wird kommen!

Hast du einen Depressionsschub überwunden, lies eher einfache Bücher die eine zuversichtliche Botschaft vermitteln. Ein Buch, das absolut in diese Kategorie fällt ist der Klassiker von Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg *


Titel des nächsten Artikels:

Sich Sorgen machen: Die imaginäre Wirklichkeit


Depressiv ist ein Gefühl wie verliebt, dankbar oder heiter

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