Erfahrungen mit Psychotherapie

Bin ich der Fehler im Bild oder hängt es bloss schief?!

RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN VON PSYCHOTHERAPIE UND EIGENVERANTWORTUNG

Burnout, Erschöpfungsdepressionen, Angst- und Panikstörung (...) - was braucht's, um (sich) zu verstehen, welche Formen und Methoden psychotherapeutischer Interventionen können helfen, wie läuft das alles in Deutschland - und wie steht's mit Eigenverantwortung in diesem ganzen Chaos?! Die hat ja zu Unrecht, wenn wir ehrlich sind, gerade in nem fetten Burnout - ähnlich wie "nett"- ein bisschen den Ruf, die kleine Schwester von "Scheisse" zu sein.

Lasst uns ein bisschen rumkramen - in Moe's ganz persönlichen (bisherigen) Antwortfundus.

Die Erklärbärin mit der Hornbrille

Ja, falls es Dir im folgenden so vorkommen sollte, dass die Tante, die hier so umfangreich mit fetten Brocken Kluggescheisse um sich wirft, sowohl total arrogant ist als auch dazu noch mächtig einen am Dach hat ... könnte das daran liegen, dass Du - schlicht Recht hast.

Glückwunsch, Deine Wahrnehmung funktioniert - so weit sind nicht alle in Deiner Situation.

Wie ich, bist Du vielleicht grad in der eher ungeilen Situation, Dich mit einem fetten Burnout, Erschöpfungsdepris (ich auch) und/oder einer ziemlich unsexy Angststörung (jepp!), gerne auch im individuellen Mix, herumzuschlagen - wobei, sehr normal wäre auch, wenn Dich allein das Lesen des Wortes "herumschlagen" allein schon mehr Kraft kostet, als Du (momentan/noch) hast oder erübrigen magst. Auch das ist voll okay. Lass das so. Das gehört jetzt erstmal ne Weile dazu.

Aber da ich - hoffentlich im Gegensatz zu Dir - schon über eineinhalb Jahre dieses Themenkomplexes hinter mir hab und Dir versprechen kann, DASS es wieder heller wird, mach ich hier einfach mal den lebenserfahrenen Erklärbär mit der dicken Hornbrille.

Gleich ist was los in deinem Wohnzimmer

Falls Du Dich dazu aufraffen kannst, versuch vielleicht schonmal, Dir Deine Symptome zu Kumpels zu machen und biete ihnen ein Bier an oder so - wenn nicht, geht auch das klar. Glaub mir, die Spassvögel sind eh gekommen, um erstmal zu bleiben - und kennen sich ganz gut aus bei Dir, bleib also ruhig liegen, die kommen erstmal allein klar.

Allerdings: solltest Du sie dauerhaft ignorieren wollen in der Hoffnung, dass die sich ne andere Bleibe suchen, wenn Du Dich nur lange genug tot stellst ... Ähhh ... nee, vergiss das. Die sind nämlich nicht blöd und werden definitiv anfangen, rumzuquengeln und aus lauter Langeweile und Frust Deine (innere) Butze erst so richtig auseinander zu nehmen - ich sag das nur, damit es hinterher nicht heisst ... Genau.

Weil ich aber nicht nur arrogant, sondern darüber hinaus auch noch voll nett bin, kippe ich die nächsten paar (kucknwamal) Zeilen lang (kann dauern bei mir, sorry...) einfach mal eine meiner prall gefüllten Erfahrungskisten in Dein Wohnzimmer (nutzt Du ja höchstwahrscheinlich grad eh nicht so, also mach ich mich mal breit ... und keine Sorge: ich räum' auch wieder auf!).

Was Du gleich mal einsehen musst

Die Junx wollen spielen! Also könnte es sein, dass der eine oder Andere in Dir während der folgenden Zeilen hier und da irgendwie aufspringt und Dir von innen ins Ohr brüllt:

"DadadaDA! Alter, nochmal kurz zurück! Das war nich totaal schlecht!"

In dem Fall - und weil Du Dich grad in Deinem Zustand vielleicht eh ein bisschen hypochondrisch fühlen dürftest und Dich gut möglich vorrangig über alles definierst, was grad NICHT mehr funktioniert in und an Dir, beruhige ich Dich gleich:

Nee, das is kein Tinnitus oder Apoplex-Vorbote - das ist dann lediglich Deine Intuition.

Sie ist so ziemlich das, was am allertiefsten verschüttet sein dürfte in Dir - aber auch das, was für Deine Heilung die allergrößte Ressource sein kann - wenn Du irgendwo in Dir Kraft überhaben solltest: setze die bitte unbedingt dafür ein, Deine Intuition so oft wie möglich wahrzunehmen, auch wenn es zwischendurch Zeiten geben wird, da Dir das einfach nicht möglich scheint - sie ist nämlich im weiteren Verlauf Deine gute Fee, die die nervigen Symptom-Junx ab und zu in den Arsch treten wird, dass Party schön und gut ist, es aber erst dann mehr kaltes Bier gibt, wenn einer mal mitm Sauger durch die Butze gegangen ist, wenigstens Trockenshampoo und bisschen Deo benutzt hat und den Müll rausbringt.

Du wirst sehen

(und ja, misstrau mir ruhig, Skepsis = wichtige Ressource, weil Abgrenzung = sehr gut!): es wird. Nur eben wie in dem grandiosen Lehrstück "Was ist los mit Bob?" mit Bill Murray, wahrscheinlich in Babyschritten.

Verabschiede Dich also bitte schonmal von den Worten "Vergleichen" und "schnell". Zeit ist in unserem Fall … nunja: so dermaßen relativ, wie nichtmal Einstein das damals gemeint hat.
Sooooo....

Nur, um das schonmal für beide Seiten abhaken zu können

Was ist nun drin in dieser Kiste, ähm, diesen Artikel

Angesichts des weitere Artikel füllenden Umfangs dieser Unterthemenbereiche spare ich mir Griffe in die Kisten "Detaillierte Schilderung meines Burnoutweges von Anfang bis heute", "Liste all dessen, was mir in Eigeninitiative bisher so alles geholfen hat und warum und weshalb", "UNbedingt Fingerweg von...!!!" und "Was ist alles zutiefst beschissen an unserer kranken Gesellschaft" sowie "Alles an mir bekannte Theorien und Praxis zu Trauma, Epigenetik/Familienerbe aus dem Systemischen Blickwinkel"...

Ach Mann... obwohl da echt RICHTIG schöner Krimskrams drin ist... Aber gut. Oh, und die Kiste "Entscheidungsschwierigkeiten und Prokrastination" lass ich auch mal lieber im Keller, sonst platzt Dir noch der Kopp und Du schmeisst mich raus, bevor... Okay.

...was haben wir nu hier in meiner Krumpelinfoerfahrungsschätzeanekdötchenkiste "Risiken und Nebenwirkungen von Pschotherapie bei BO/Depris/Ängsten/was und wie - und was davon mit wem und wann alleine" ...? *schütt*

Aaah, gut. Erstmal ne grobe Definition, auf die wir uns für alles Weitere als Ausgangsbasis einigen sollten (is nur für jetzt, kannste später weghauen! Du wirst selber sehen, zwischendurch musst Du immer mal wieder aussortieren):

Deine aktuelle Zustandsbeschreibung

Jetzt (!) gerade ist man leider nicht NUR (aufgrund des schmerzhaften Erkennens der Tatsache, dass "alles bis hierher wohl einfach nur totale Scheisse war und nix mehr funktioniert") Der-mit-dem-ultimativen-Durchblick - sondern entsprechend den medizinisch-kathegorisierend-diagnostischen Messinstrumenten (ICD-10 und DSM-5 hätten wir im Angebot) nach leider auch erstmal "krank" ist. Mit anderen Worten:

Seelisch - trotz ggf. guter Anlagen und bisherig bester Absichten - jetzt einfach mal so schlicht wie komplett ganz gepflegt im Arsch!

Was Du jetzt neben jemandem, der Dir die wichtigste Grundlage für die kommende Zeit, nämlich selbige (also ZEIT) verschafft, brauchst, sind: Infos.

Vielleicht bist Du wie ich einer dieser Hochsensiblen, dieser perfektionistischen und hirntechnisch 24/7 hochaktiven Dauerdenker, erschrickst manchmal zwischendurch angesichts der Erinnerung, dass da - Huppala! - am Kopf ja noch dieser ganze Körper mit dran ist - und denkst Dir: Och neeee, nich NOCH mehr denken! Aber: durchatmen und stark sein - das braucht's jetzt einfach.

Ich weiss, dass ich nichts weiss

Woher kriegst Du Infos.

Wichtige Frage.

Kommt auf die Schwere Deines Zustandes an, darauf, was Du Dir aktuell zumuten kannst und willst.
In Deutschland hast Du theoretisch Einiges an Auswahl.

Da auch DAS hier viiiiiel zu sehr vom Hundertsten ins Tausendste führen würde, zuppel ich Dir wie angekündigt lediglich ein paar meiner ganz persönlichen Erfahrungen, Weggabelungen, Entscheidungen aus dem Mein-bisheriger-Weg-Berg, den ich freundlicherweise auf Deinem Teppich verteilen durfte.

Der Klassiker: Nichts geht mehr

Nach einer sich laaaange aufbauenden Vorgeschichte sitze ich Ende 2016 zum ersten Mal mit einer RICHTIGEN Panikattacke und der Überzeugung, jede Sekunde einen Herinfarkt plus Schlaganfall zu kriegen, bei meinem Hausarzt und werde für das EKG verkabelt. Bereits nach ca 40 Minuten komme ich wieder runter.

Dass dies in Minuten möglich ist, werde ich in den folgenden Monaten, in denen mein Inneres nun erst richtig Gas gibt und mir teils stundenlange Angstzustände über Tage hinweg beschert, noch zu schätzen lernen (- und NEIN, Panikattacken müssen definitiv NICHT schon nach 30-45min zuende sein, wie der psychologisch weit verbreitete Irrglaube nach wie vor behauptet!)

Je voller der Topf, desto mehr Druck unterm Deckel. An sich keine Überraschung.

Psychotherapie ist voller Irrwege
Verwirrende Wege. Überall ...

Krankschreibung

(gewöhn Dich gleich an die Diagnoseschlüssel-Zahlen mit dem fetten "F" davor, ich glaube ja, das steht für "Freak").

Weil Hausarzt auf Dauer mit Krankschreibung wegen Panikattacken nich so viel anfangen kann, kriege ich die Nummer eines Psychiater-Kumpels, der hat da eine entspanntere Berechtigungsgrundlage, einen so lange aus dem Verkehr zu ziehen, bis gesichert ist, dass man sein Fahrzeug wieder größtenteils autonom steuern kann.
Glücklicher Zufall: der hat bereits Tage später einen Termin frei und eine psychotherapeutische Zusatzausbildung. Sofort beantragen wir eine Kurzzeittherapie bei meiner Krankenkasse.

Wir einigen uns beim Thema "Medikamente" auf ein hochdosiertes Johanniskrautpräparat (nicht verwechseln mit den niedrigdosierten aus der Drogerie), weil ich bereits knapp 15 Jahre zuvor (Agoraphobie/"Platzangst") eher uncoole Erfahrungen mit der Chemiekeule gemacht habe.

(Fettes ABER an dieser Stelle: Medikation sollte nicht per se verteufelt werden - zwar kritisch betrachtet, aber wenn es Dir so mies geht, dass gar nichts mehr geht, kann das ein nötiger wie sinnvoller Übergang zu anderen/weiteren Therapie-Angeboten sein!)

Ein weiteres Fischlein in der Burnout-Suppe / wen fragen, der sich auskennt

Es folgen (Tipp Psychiater, aber googele einfach Angebote in Deiner Stadt oder Region) - mir ist mittlerweile fast alles recht, nur möchte ich gern zuHause schlafen können - elf Wochen Tagesklinik (Schwerpunkt) Verhaltenstherapie, spezialisiert auf Burnout, Depressionen und Ängste.

Einweisung vom Arzt, anrufen, anmelden, hingehen.

Das Prinzip hinter "sowas":

Man ist von morgens bis nachmittags in einer Art seminar-atmosphärischen Gruppensituation mit etwa 12-17 Erwachsenen, Männlein wie Weiblein, aus den unterschiedlichsten Berufen und privaten Konstellationen zusammen. Alles haben ungefähr "das Gleiche", man lernt im Laufe der Zeit, sich zumindest diesbezüglich etwas zu entspannen. Akzeptanz des für Dich gerade Unabänderlichen sollte eines Deiner ersten Ziele sein.
Oh, "Ziele":

Eingestreut sind Einzelangebote, die mit der Bezugstherapeutin abgesprochen werden

Es gibt einen individuellen Wochenplan, der genau durchgetaktet ist, Struktur soll wichtig sein bei Depressionen. Jeder muss vor allen freitags seine Wochenziele evaluieren und neue planen. Leben geht ja weiter. Also, findet man zwar nicht, überraschenderweise isses aber tatsächlich so. Aber keinen Stress, lernst Du alles.

Das Konzept ist auf 6 Wochen angelegt, die Inhalte und Handouts wiederholen sich, somit ist sichergestellt, dass, egal, wann man aufgenommen wird, am Ende sämtliche Infos und Inhalte erhalten und mitgemacht hat.

Obligatorisch sind Morgen- und Abschlussrunde, Psychoedukation, also Info-Sets zur eigenen Erkrankung/Symptomatik, Soziale Kompetenz, Gruppenpsychotherapie, Systemik (hochspannend!), Achtsamkeit (nicht meins), etc (Gruppen) sowie wöchentliche Einzelgespräche mit der Bezugstherapeutin, bei Bedarf oder wenn dies als hilfreich erachtet wird, auch Kunsttherapie (extrem gut!) oder Entspannungsverfahren (muss jeder selber rausfinden, was für ihn geht).

Optional ist ein tägliches "freies" Angebot; dies soll bezwecken, wieder bewusste Entscheidungen hinsichtlich eigener Bedürfnisse treffen zu lernen. Zur Wahl stehen u.a. Freie Spaziergänge, Achtsamer Spaziergang in einer Gruppe (hm, naaaja...), Ohrakupunktur (Offenbarung!), Yoga, Muskelrelaxation nach Jacobsen, Kunsttherapie-Gruppe (leider immer gleich voll), Hallensport...

Super, dass es solche Agebote überhaupt gibt, auch das recht breit gefächerte Angebot ist für sich genommen klasse und ein an sich stimmiges und nachvollziehbares Gesamtkonzept.
(Für die, denen es schlechter geht, halten derlei Anbieter/Konzerne auch die vollstationäre Variante in einer ihrer stationärenr Einrichtungen vor. Tagesklinik bedarf einer gewissen Grundstabilität des Patienten, aber das besprich mit Deinem Arzt.)

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Da ich mich einfach schon seit frühester Kindheit, "Sesamstraßen"-geschädigt, mit allen möglichen "WiesoWeshalbWarums?" des Lebens beschäftigt habe und mit Begeisterung lese, lerne, erfahre - besonders mit allem Möglichen aus den Bereichen Psychologie/Psychiatrie, Therapiemethoden/-hintergründen/-wirkweisen, Komplementärmedizin, Naturheilkunde, zeitweise auch Spiritualität und weitestgehend unter "Esoterik" zu Findendem..., kam ich nicht völlig "unbedarft" in die Klinik; ich wusste einfach bereits eine Menge über das, was ich nun "hatte", zumindest in der Theorie und aus vielerlei Blickwinkeln betrachtet - hatte nur leider blöderweise verlernt, "mich" überhaupt selbst als Individuum noch wahrzunehmen - und mich ergo auch bis dato mit meinem ganzen gespeicherten Wissen überhaupt nicht selbst in Verbindung gebracht.

In einer der Psychoedukationsgruppen (Depression) werfe ich ohne großes Nachdenken (WENN man mal ne Ausnahme macht!...) zum Thema Medikamente eines Tages die Binsenweisheit ein, dass eine beachtenswerte Besonderheit von Antidepressiva ja sei, dass dooferweise vor der Stimmung der Antrieb steigt - was bekanntermaßen nicht selten zu Suiziden führe, wenn nicht therapeutisch begleitet verabreicht und überwacht.

Tags drauf sitze ich im Einzelgespräch und kassiere meine Watsch'n. Es sei ja schön, das ich mich so aktiv einbringe - aber auf meine Aussage hin habe die Therapeutin in der Gruppensituation in "lauter entsetzte Gesichter geblickt". Was ich verstehen müsse:

"Über 90% der Leute, die hier sind, haben absolut KEINE Ahnung, warum. Die haben Worte wie 'Depression' oder 'Burnout' noch nie gehört und können bloß seit Wochen nicht mehr schlafen oder haben panische Angst, nen Herzinfarkt zu kriegen. Wenn Sie sowas raushauen hier, dann kommen die alle an und wollen ihre Tabletten abgesetzt haben."

Ich kann das kaum glauben, entschuldige mich aber und halte mich in der folgenden Zeit mit aktiver Mitarbeit etwas zurück.

Psychotherapie oder Achtsamkeit?
Achtsamkeit ist jetzt nicht sooo mein Ding ...

Ungeeignet für das Hype-Thema "Achtsamkeit"

In einer Achtsamkeitsübung sollen wir eines Tages "einfach so ohne jedes Ziel" durch den Raum gehen; nichts sagen, nichts werten, nur wahrnehmen.

Als mein Blick durchs Fenster auf ein Plakat von Andreas Gabalier fällt, bin ich raus. Da kann ich nicht NICHT werten.

Ebenso bei dem Stück steinharte Bitterschokolade, die wir 20 Minuten im Mund behalten sollen. Nicht lutschen, nicht schlucken, nicht bewerten. Meinem aufsteigenden Brechreiz kann ich leider einfach nichts Neutrales abgewinnen.

Als ich das in der Rückmeldungsrunde sage, bin ich "nicht ernst genug bei der Sache". Ich fühle mich missverstanden.

Aber gut, auch hier: weniger ehrliche Rückmeldung, mehr Zurückhaltung sind gefragt.

Allerdings stelle nicht nur ich - aber besonders ich - fest, dass all das "ganz entspannte" Nicht-Werten, Nicht-Denken, Nicht-nicht-Denken-nicht-Verurteilen und krampfhafte "wache" Alles-kann-nichts-muss-nur-hier-und-jetzt-in-diesem-Moment auch nach Monaten in all seinen Varianten eher ene zusätzliche Perfektionismus-Falle für mich zu sein scheint und mich und mein Hirn erst RECHT komplett wahnsinnig macht - aber das akzeptiere ich jetzt mal ganz wertfrei.

(Und seit wir uns einmal als Hausaufgaben-Übung daheim ganz achtsam eine Alltags-Tätigkeit in all ihren Details und total bewusst vergegenwärtigen sollen, fällt mir bis heute absolut nicht mehr ein, wie herum ich ursprünglich mal das Kabel meines Föhns aufgewickelt hab! Scheisse...)

Risse im perfekten Psychotherapie-Lack - verwirrt nicht die Verwirrten!

Insgesamt profitiere ich zwar wirklich von einigen der Angebote (Ressource: Dankbarkeit, echt jetze!), erhalte eine Menge neuer Impulse - allerdings scheint da so viel Unterbewusstseins-Eisberg in mir zu sein, dass ich - obwohl ich mich echt für geübt-reflektiert halte - mit meiner inneren Titanic in dieser Zeit erst so richtig ins Schlingern komme. Ich hatte echt nicht die allerfuckinggeringste Vorstellung, WIE beschissen, ohnmächtig und panisch man sich fühlen kann (und ich bin Einiges gewohnt und nicht so leicht zu beeindrucken), wenn an den eigenen "Deckelungs-weil-für-alle-funktionieren-müssen-Mechanismen" gekratzt wird, von denen man nichtmal wusste, dass man sie hat!

Aber gut, man will die ganze Kacke verstehen und loswerden - also: deal.

Was allerdings auch auffällt im Laufe der Zeit:

Das - quasi an der Info-Quelle sitzende - therapeutische Personal ist sämtlichst ein wenig zu offensichtlich bemüht, sich peinlich genau an ein ganz bestimmtes allgemeingültiges Konzept zu halten; gut, das ist nunmal so in Großkonzernen des Gesundheitswesens.

Dennoch muss ich angesichts einiger unübersehbarer Widersprüche aber auch immer öfter an die kritischen Worte eines in der Geschäftsführung eines kleineren sozialpsychiatrischen Hauses Tätigen denken, der vor geraumer Zeit meinte, es stelle sich für ihn immer mehr die Frage, wie viel ernsthaftes Interesse an der Gesundung der dort behandelten Patienten, zumal im Hinblick auf immer mehr in den Hintergrund tretende Wertigkeit der Individualität des Einzelnen, in einem psychiatrischen, expandierenden Großkonzern überhaupt noch vorherrschen kann in unserem Gesundheitssystem sowie Gesellschaft?

Hm.

Irritierend finde ich zB solche Begebenheiten:

In einer der wöchentlichen Visiten von der psychotherapeutischen Leiterin bekomme ich vorgeworfen, ich würde für alle boebachtbar auf ein gepflegtes Äusseres achten. Dies sei falsch und ein Problem - da ich vielmehr lernen müsse, "den Mitmenschen auch nach aussen zu zeigen, dass es Ihnen schlecht geht. Da müssen Sie ganz bewusst lernen, dass Sie sich nicht mehr schminken und die Haare zusammenhaben."

Unkontrolliertes Gesunden als Gefährdung des Konzepts?

Äh...?! Aha...

Verwirrung auf meiner Seite.

Wir hatten - btw - kurz zuvor in der Ressourcen-Gruppe erst ganz gezielt erarbeitet (Konzept des Hauses), wie wichtig es sei, so denn möglich, bewusst auf sich, seinen Körper, das, was man an sich mag, zu achten, dies ggf zu betonen, gut zu sich zu sein, indem man sich auch körperlich pflegt.

Abgesehen davon ist allen in der Visite mich anstarrenden Fachleuten bekannt, dass ich ein Riesenthema mit "Abgrenzung" habe, weil lebenslang unter Strafe verboten.

Nun dachte ich ja ganz naiv, es sei etwas Gutes, dass ich dies wenigstens in Form eines gepflegten Äusseren tue - und mir selbst ein wenig Privatsphäre für mein Inneres erlaube und mir nicht jeder sofort mein intimstes inneres Chaos ansehen soll und muss. Hat ja auch irgendwie Sinn, Unterwäsche zu tragen.

Eine Form des Sich-selbst-gut-tuns also, das einige Mitpatienten erst wieder erlernen hier.
Mitleidiges Lächeln seitens der Fachleute, neinein, das sei falsch. Aber ich sei "ja noch eine Weile hier".

Eine meiner persönlichen Thesen zu diesem komplexen psychotherapeutischen Grundproblem in diesem Land:

Ein Patient, dessen bisheriger Einsatz im Aussen zu gross war, um noch gut zu sich selbst zu sein, ja, das Selbst komplett aufgefressen zu haben scheint im BO-Extremfall, muss natürlich zunächst akzeptieren, ein Patient, ergo "krank" zu sein.

Wie UN"gesund" "die da draussen" auch immer sind (und somit die EIGENTLICH Behandlungsbedürftigen!)

Allein das Burnout als Ende dieser gesellschaftlich akzeptierten und sich durch hirnverbrannte Normen und Social-Media-Antriebe in diesem psychotischen Hamsterrad und somit zuverlässig selbsterhaltende Selbstvergewaltigungs- und Selbstverleugnungsspirale, müsste eigentlich bereits als Master-Ressource der eigenen Psyche abgefeiert werden!

Also, finde ICH.

Was aber perfider- wie widersinnigerweise stattdessen passiert:

Der Patient wird in ein blödes Duble-Bind geschubst. Double-Binds sind superwirksame Psycho-Fallen in Form von Situationen, in denen man nur zwischen Pest und Cholera wählen kann - wie man's macht, ist es falsch und schlecht für einen.

Das D-B hier:

man soll akzeptieren, krank zu sein. Soweit, so gut.

WENN man denn einen der raren Psychotherapieplätze (ambulant Wartezeiten von mehreren Monaten) ergattert hat - und somit wen gefunden, der einem das sagt.

Seele in Diagnoseschlüsselschubladen aufzudröseln, ist jetzt an sich nicht sooo das Sinnvollste - aber hey, ab irgendnem Benehmen oder Befinden muss man ja auch irgendwie sagen können, also huiiii... DAS...äh... is jetzt nicht mehr sooo gesund (für Dich/mich/xy).

Psychotherapie als Einbahnstrasse
... wie man's macht, ist es falsch und schlecht für einen.

Seelenpein kontra maues Angebot an Linderung

Und um Hilfe zu bekommen, die ja irgendwer, am besten die Krankenkasse, bezahlt, muss ja irgendein System her, nachdem das nachvollziehbar möglich ist.

Und abzurechnen. Was als Fachperson nur geht, wenn man eine spezialiserte 5-jährige Fachausbildung zusätzlich zu seinem Psychologiestudium absolviert hat.

In einem von im durchbürokratisierten, vorsichtigen Deutschland leider genau nur drei anerkannten Verfahren:

Tiefenpsychologie, Verhaltenspsychologie und Psychoanalyse.

Europäischer Vergleich Anzahl zugelassene Verfahren (Auszug):

Unsere niederländischen, schwedischen und britischen Patienten-Bros können immerhin zwischen 4 bis 5, in Österreich aus über 25 Verfahren wählen (heisst aber leider auch NICHT, dass davon abgeleitet dort "genügend" Therapeuten zur Verfügung stünden, das nur am Rande...).

Aus diesem Missstand erwächst seit geraumer Zeit nun ein gar nicht so übles Phänomen:

Weil die Zahl der Hilfebedürftigen in einem eher reziproken Verhältnis zum Angebot von Therapeuten mit Kassenzulassung steht, gibt es eine Regelung (§13 Abs. 3 SGB V, meine ich), die per Kostenerstattungsverfahren - unter der Voraussetzung, sich "angemessen lange" und oft (im Schnitt etwa 5mal) erfolglos um einen Therapieplatz bei kassenzugelassenen Psychotherapeuten"beworben" zu haben - im somit entstandenen Notfall auch übergangsweise Therapiestunden bei alternativen Therapeuten, so Heilpraktikern für Psychotherapie, finanziert (klar gibts auch hier noch wichtige Voraussetzungsdetails, aber immerhin die Möglichkeit an sich).
Was den positiven Nebeneffekt hat, dass die qua nicht existenter Kassenzulassung meist viel breitgefächerte Angebotspalette dieser alternativen Therapie-Anbieter ein wenig ins Sichtfeld und Bewusstsein der breiteren Bevölkerung gelangt.

Hier gibt es tolle, oft sehr gut spezialisierte und umfassend ausgebildete und langjährig berufserfahrene Fachleute, die leider im Allgemeinen privat zu zahlen sind, 80-120€/Stunde als grober Durschnittswert. (Nicht behandelt werden dürfen von ihnen allerdings auch klar geregelt Krankheitsbilder, für die sie über keine entsprechende Methoden- und Behandlungskompetentz verfügen, allerdings geibt fast jeder HP-Psych auf seiner Seite/Anzeige sein/e Fachgebiet(e) an, falls Du unsicher sein solltest.)

Was daraus abgeleitet so unbefriedigend wie tragisch für beide Seiten ist:

Abseits eines Kostenerstattungsverfahrens haben Menschen, die dringend psychologischer Intervention und Behandlung bedürfen, oft kaum die finanziellen Mittel - zumal oft auf das ab der 6. Arbeitsunfähigkeitswoche greifende Krankengeld angewiesen -, sich Linderung ihres massiven Leids schlicht leisten zu können.

Nicht kassenzugelassene Fachleute, die gerne helfen würden, werden meistenteils fast ausschliesslich mit besser situierten bzw privatversicherten Patienten arbeiten (müssen).

Geld - wieder einmal - als ethisch absolut inakzeptable, für viele unüberwindbare Hürde zur Aussicht auf Heilung.

Big Brother is watching you!

Zurück zum Double-Bind für psychisch Erkrankte bzw eher Aus-ihrer-Balance-Geratene:

BIST Du nun offiziell "psychisch krank", hast das verstanden und akzeptiert, dann..könnte man meinen, dass jeder Fortschritt auf Deinem Genesungsweg, jede Kraftquelle/Ressorce, Deine sich hoffentlich zumindest zaghaft wieder hervorlugende Intuition, Dein Vertrauen in DEINE Wahrnehmung, langsam aber beständig wachsen dürfen - und dies therapeutischerweits bestärkt wird.

Wird es aber eher...nicht. Nicht so gern zumindest. Nicht dann, wenn Du ZU gesund, ZU stark, ZU selbstbewusst zu geraten drohst - und somit das therapeutische Konzept, innerhalb dessen Du nach Plan und weit weniger individuell als nach aussen "verkauft", zu gesunden hast, irgendwie infrage stellst.

Nichtmal absichtlich, es muss DIR nichtmal bewusst sein - gehe aber davon aus, dass dies der Fachseite nicht entgehen wird.

Gerade in Bereichen, in denen die Patienten mit (das eigene gesamte Sein in den Grundfesten erschütternden und realitivierenden, jede vermeintliche bisherige "Sicherheit" mit Sicherheit unterm Arsch wegreissenden) Formen von Burnout, Depressionen und Ängsten zusammen kommen, braucht Psychotherapie (immer, aber hier besonders) drei Dinge:

Herz, Hirn (Fachwissen/Kompetenz) und DEMUT

An letzterer fehlt es Fachpersonal aber viel zu oft. Und das gar nichtmal aus niederen Beweggründen, wenn sie sich argumentativ in ihre "professionelle Distanz" oder das automatisierte Verhalten flüchten, jede noch so kleine positive Regung im Verhalten des zutiefst verunsicherten, in sich völlig navigationslosen Patienten als Symptom und Ausdruck seiner Krankheit umdeuten.

Ein solcher Mensch ist führbar. Gesundet er, re-empowert er, wackelt dieser für das gruppentaugliche Umsetzen nicht allzu individueller Psychiatrie-Konzepte unerlässliche Aspekt - und sei es nur kaum merklich und in Nuancierungen.

Was schlimm für die Betroffenen sein kann: zweifelst Du eh schon an Deiner Wahrnehmung oder Deinem klaren Menschenverstand, und hast Du per Diagnose die offizielle Bestätigung, das Du das auch nicht ohne Grund tust, benötigst Du eigentlich ein Gegenüber, das klar, stark und erfahren genug ist, Dich da angstfrei und wertschätzend, Dich bestätigend abzuholen.

Wie das fix und alltäglich gründlich misslingen kann, hat zB eine Ergotherapeutin besagter Tagesklinik eindrucksvoll unter Beweis gestellt:

Als "Krankheitsvertretung" stellt sich uns eine mimisch verschlossene und merklich bewusst dominant geprägt auftretende junge Frau vor, sie leite heute die Ressourcengruppe.
Im Laufe der Stunde sollen wir per brainstorming Aspekte nennen, die Ressourcen darstellen können, auf die ein Mensch zurückgreifen, aus denen er Kraft schöpfen und positive Erlebnisse zu ziehen vermag.

Irgendwann sagt einer: "Wut."

Das Ergo-Mädel verzieht irritiert das Gesicht. "Äääh... nee."

Der Patient erläutert näher, naja, wenn man erkenne, dass einen jemand schlecht behandelt und man deswegen Wut verspüre, könne man diese Emotion doch im Positiven als Hinweis sehen, sich abzugrenzen.

Zustimmende Blicke, Nicken, Geraune selbst sonst eher apathischer Mit-Insassen.

Ergotherapeutin: "Nee - hab ich doch schon gesagt, Wut ist falsch, das ist keine Ressource. Wut ist aggressiv, und das ist was Schlechtes."

Trotz Zurückhaltensollen versuche nun ich zu "übersetzen", wir alle nehmen hier noch an, das Problem sei inhaltliches Missverstehen.

Ich interpretiere, dass Aggression für sich erstmal nichts Negatives ist und es auf die Wertung und die Form des Kanalisierens oder Einsetzens von Wut ankommt - eben eine Ressource, für sich einzustehen.

Katzen brauchen keine Psychotherapie
Aggression ist eine Ressource!

Die Fachkraft rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, stöhnt

Man beginnt unwillkürlich zu mutmaßen, ob Magen-Darm oder Probezeit ihr Problem...?! (...wie sich einige Zeit später herausstellen sollte: Probezeit. Der sich absurderweise ein Festvertrag anschloss.)
"Boah, NA-HEIIIN, Wut undso ist KEINE Ressource - ich kann so echt nicht mit dieser Gruppe arbeiten, ey!"

Mittlerweile scheint die Groteske der Situation die Lebensgeister einiger Patienten zu reaktivieren, amüsierte Blicke gehen durch den Raum, Gemurmel, einer wiederholt, "Wut" klasse zu finden.

Der einseitig verbissen um seine Machtposition ringende Ergo-Mops motzt nun laut:

"Sie können ja alle denken und finden, was Sie wollen hier - aber WUT gehört NICHT zum Konzept des Hauses und steht auch NICHT in meinen Unterlagen und den Hand-Outs!", sprang auf und lief mit einem "Stunde früher beendet!" aus dem Raum.

Was ham wa gelernt?

Immer schön krank bleiben und freundlich nicken. Was wir alle witzigerweise ja so lange gemacht haben, das wir irgendwann hier gelandet sind. Aber gut, Haarspalterei.

Der Patient als Fehler im Bild? Gefährlicher Widersinn

Aber weil das grad so'n Spass macht:

Was ist mit all denen unter uns, derer solche Fachkräfte mangels Sozialkompetenz, Selbstkritik usw einfach nicht "Herr" werden?

Weil sie mit unserer Tiefe, Kreativität, unserem Intellekt, der uns angeborenen und uns zutiefst individuell ausmachenden Komplexität (...) schlicht überfordert sind? 🙂

Was ist die Antwort auf das widersinnige Faktum, dass Menschen, die einerseits erkennen sollen, wie sinnfern sie gelebt haben, wie gesellschaftlich mitlaufend Lemming-artig in jeden Abgrund gehüpft sind, den irgendein Influencer auf "Insta" oder FB gehyped hat, wie ausbeuterisch und lebensfeindlich sie sich haben von Job und falschen Idealen, überanspruchsvollen, destruktiven Partnern, energievampiresken Freunden aussaugen und fast komplett fressen lassen - und am Ende aber bitte doch wieder genau so agieren sollen:

Einzig das psychotherapeutische Fachpersonal beansprucht, um ihren (BOlern, Depressiven usw) "wahren" Zustand und was "wirklich" ist wissen zu können - einfach qua Position - weil: Patienten heissen so, weil sie ja "krank" sind und können das selbst mangel Distanz "gar nicht beurteilen".

Beeindruckend raffiniert. Wieder die Intuition zertrampeln lassen - nur diesmal von den "Guten" - um des eigenen "Besten" willen.

Nicht aufmucken, keine Informationen oder Interventionen, Methoden infrage stellen, schön sich selbst misstrauen. Gesunden ja - aber nur in dem kleinen Laufstall, der einem zugestanden wird.

Der Psycho ist und bleibt verdächtiges Subjekt

Und selbst, wenn es einem irgendwann wieder gut geht, gilt der Stempel des "Dauer-verdächtig-Seins (s.a. neues Psychotherapie-Gesetz in Bayern!), was mir der leitende Facharzt der Klinik bereits am Aufnahmetag als Allererstes in gelangweiltem Tonfall entgegen wirft - noch BEVOR er von meiner Akte auf- und mir überhaupt ins Gesicht sieht oder mir "Guten Tag" wünscht oder die Hand gibt:

"Soooo, da ham die Frau X, jaja, ich lese hier.. jaja, das ist eindeutig, also Sie müssen auf jeden Fall Antdepressiva einnehmen und das mindestens die nächsten zwei Jahre, danach sehen wir weiter."

Wohlgemerkt: DANACH begrüsst er mich und schaute mir kurz ins Gesicht.

Ich erläuterte meine Gründe, warum ich zunächst bei meinem pflanzlichen Präparat bleiben wollte - worin er mich unterbricht und in seinem monotonen Tonfall meint: "Joa, auch gut, mir egal, gehört halt zum Konzept des Hauses. Sie können sich ja zwischendurch melden, wenn was ist."

Joa. Oder so.

Macht zu viel Weissbierfrühstück auf Dauer paranoid?

In Bayern wäre ich spektakulärerweise ab nächstem Jahr - als Hommage an den von mir hochverehrten John Rambo - offiziell und für mindestens FÜNF Jahre (JAHRE!!!) quasi vogelfreie, zum jederzeitigen Abschuss durch irgendeinen bayerischen Behörden-DonTrump freigegebene "potentielle Gefährderin".

Voll fett! :)))

Ich habe Beavis&Butthead vor Augen, wie sie mir auf Knien und mit aufgerissenen Augen ein ergebenes "Cooooooooooool!!!!!..." respektvoll entgegenhauchen würden, während ich unberechenbares, wildgewordenes Psycho-Monster... Gottwerweisswas alles anstellen könnte...!

Aber glücklicherweise würden mich die bajuvarischen Paranoiker ja rechtzeitig meiner sämtlichen Menschenrechte berauben und... weg vom Fenster. Oder halt Fussfessel.

Auch ne Option.

Träumen vom Sieg des menschlichen Fachverstandes

In einem Themen-Film auf Arte sagte ein langjähriger Psychiater vor vielen Jahren einmal den faszinierenden Satz, er sei in seinem Beruf immer dann am besten gewesen, wenn er sich komplett zurückgenommen habe dem Patienten gegenüber - "und erstmal gedacht habe:

Okay, ich hab absolut KEINE Ahnung, was ich jetzt mit dem machen soll".

Das meine ich mit der erforderlichen Demut, sich wirklich und fokussiert in die individuelle Therapiesituation zu geben, sich nicht vorschnell von eigenen Eitelkeiten, Schemata, Fachschubladen die Sicht verstellen lassen, sondern wirklich Kontakt möglich machen - sich von dem, was ist, zur möglichen Lösung geleiten lassen - und den Patienten als für Kompetenz für sich selbst anerkennen zu können, in seiner aktuellen Gesamtheit.

Nie ist ALLES "weg", was Orientierung in einem Menschen geben kann - fast immer hat man nur zu lange alles getan, auf diese kleine Flamme immer wieder Sand zu schütten. Mit etwas Geduld erkennt man aber oft doch irgendwann, dass sie meist eine dieser renitent-robusten Geburtstagskerzen ist, die immer wieder angehen, egal wie oft man sie ausgepustet hat - und noch aus dem Mülleimer quietschigverzerrt "Happy Birthday" plärren.

Klinik - Variante 2: Reha

Ähnlich, nur wesentlich "ausgedünnter" und oberflächlicher bezüglich der Therapiebausteine und Angebote war das Konzept der stationären Reha-Einrichtung, Fachklinik für Psychosomatik und Psychokardiologie.

BOler, Depressive, traumatisierte Soldaten, deren Seelen irgendwo in Afghanistan zerschossen wurden und jetzt wieder "zivil" funktionieren sollen, Herzinfarktversehrte...

Eine stationäre Reha bekommt man in "unserem" Fall insofern recht schnell, als einen zeitnah anhand der Akte des einweisenden/ behandelnden Arztes/Therapeuten der MDK der Krankenkassen für in der "Erwerbsfähigkeit erheblich gefährdet" einstuft - und einen auffordert, den entsprechenden Antrag zB beim Rententräger zu stellen.

Immer mehr Menschen brauchen Psychotherapie
"Zivil" wieder funktionieren ...

War in meinem Fall die nächste externe "Therapie-Station" - und bürokratische Compliance-Voraussetzung meinerseits, um nicht aus dem finanziellen Netz zu fallen.

Guter Ansatz, durchaus sehr nette Fachleute - nur: Schwachstellen dieselben.

Was nicht nur mir im Laufe der Zeit auch noch massiv aufgestossen ist, ist ein weiteres Relikt des sozialpsychiatrischen Absurditätenkabinetts:

Das selbe Brett, nur in Komplementärfarbe andersrum vor die Stirn genagelt

Auffallend und viel zu viele therapeutisch Tätige, egal ob Pflegekräfte, Ergos, Psychologen, Sporttherapeuten usw wirkten extrem angespannt, ängstlich-unsicher, was mögliche Konsequenzen "zu individueller" Interaktion mit Patienten angeht, zudem massiv unter Druck, oft gehetzt und dies nur mühevoll verbergend.

In der Rehaklinik äusserten einige Angstellte sogar ganz offen während großer Massen-Info-Veranstaltungen den teils iriitierten Patienten gegenüber, dass sie zunehmend kaum noch ihr Arbeitspensum schafften, dass gerade im psychotherapeutischen Bereich eine massive Arbeistverdichtung stattgefundne habe in den vergangenen Jahren; Psychologinnen kamen sichtlich arbeitsunfähig mit grippalen Infekten zum Dienst ("Naja, stimmt schon, soll man eigentlich ja nicht machen - aber mein Chef...!") - und all das wohlgemerkt in auf Burnout spezialisierten Facheinrichtungen!

Eigenwillige Interpretation des Begriffes "Vorbildfunktion"...

Und das solls jetzt schon gewesen sein?!

Nee. Natürlich nicht. Ich war nur kurz auf Klo.

Last but not least - das

Zitronencrémebällchen zum Schluss

Was fehlt uns noch?

Genau. The Goddes-of-sexyness:

Eigenverantwortung!

Please give her a warm hand, Ladies and Gentleman!

Da dieses schöne Thema aber ebenfalls ein für sich genommener Artikelfüller ist, hier nur ein paar kurze Notizzettelabrisse.

Die Psychotherapie-Situation ist in Deutschland, wie sie nunmal ist. (Achtsamkeit und radikale Akzeptanz!)

Da es hier aber um DICH und DEIN Leben geht, hast Du es nicht nur irgendwie in der Hand, sondern auch die Pflicht (das Wort lässt sich leider nicht vermeiden, sorry!), selbst wenigstens in Baby-steps den Hintern hoch zu kriegen - und aktiv zu werden.

Das muss nicht viel sein und nicht 24/7. Wär für einen BOler ja auch Quatsch, auch wenn Dir grad allein vom Klang des Wortes "aktiv" schon wieder ganz anders wird, ist auch das okay. Du übst ja erst.

Nimm Dir so viel Zeit, wie Du brauchst und kriegen kannst. Nur: TU selbst, was Dir möglich ist!

Übernimm Verantwortung ...

... für die Tatsache, dass, EGAL, wie krass, "falsch", übel mitspielend, ungerecht oder traumatisierend Dein Leben bisher gewesen sein mag, DU ALLEIN der bist, der die Aufgabe hat, neugierig zu werden und zu bleiben! Stell (Dir) unbequeme Fragen, lies Bücher, Blogs, Fachzeitschriften, egal - aber erweitere unbedingt Deine Infosammlung über Dich selbst, um zu kapieren!

Beschäftige Dich auch mit für Dich neuen, ungewöhnlichen Ansätzen, Sichtweisen, Therapiemethoden, Entspannungsverfahren; googele Experten zu Deinen Themen, erweitere Deinen Horizont - und VERTRAUE da unbedingt Deiner Intuition (Du weisst schon, die Junx, die Dir bei was Interessantem von Innen ins Ohr brüllen):

Das, was für DICH ganz persönlich hilfreich sein kann, kann durchaus etwas sein, wofür Dich Dein Umfeld irritiert beäugen kann - egal!

Orientiere Dich bei aller verständlichen Verwirrung in Dir bitte NICHT ausschliesslich an dem, was "Studien nach wirksam" oder "wissenschaftlich belegt" sein soll - klar sollst Du Dich nicht in halsbrecherische Drogen- oder esoterische Experimente stürzen oder Dich bescheuert gekleideten Grüppchen aus der Fussgängerzone anschliessen - aber mach was Neues, nimm ernst, wenn ein Teil von Dir sich einfach komplett querstellt, was "vernünftig-Sein" angeht und ne Weile nur noch spielen und sich ausprobieren will.

Nimm diese Teile endlich ernst, schenk Ihnen Aufmerksamkeit und Respekt, denn SIE sind es, die Dir letztlich vielleicht den Arsch retten - WENN Du nett zu ihnen bist - bevor sie sich beleidigt für immer von Dir abwenden, weil Du Dich langfristig in Selbstmitleid vergräbst.

Oh - und, ganz wichtig aus meiner Sicht:

Hab Geduld - und bitte nicht nur mit Dir selbst, sondern v.a. Deinem Umfeld!

Manchmal ist der Teufel ein Eichhörnchen.

Denn nicht auch, sondern besonders hier geht's um Eigenverantwortung:

Auch, wenn es - vielleicht therapeutisch durch Validation "angestachelt" ("Also, ICH an Ihrer Stelle wäre über so ein Verhalten meine/r/s Mutter/Freundin/Partners ja totaaaal wütend!") - da diesen kindlichen Trotzteil gibt, der jetzt mal total auf die Kacke hauen und sich allem und jedem gegenüber querstellen will und SEINE "Bedürfnisse" in den Vordergrund stellt:
Das ist zwar so menschlich wie normal wie verführerisch - ABER:

Psychotherapie als Alternative

für deren Erfüllung und Befriedigung bist allein DU - und NUR DU!!! - verantwortlich.

Dein Partner sollte sich spätestens jetzt endlich für Deine Gedanken, Gefühle, Deine Persönlichkeit und Dein Inneres interessieren und Dich mehr schätzen und respektieren?

Dann mach's ihm vor! Aus eigener Erfahrung und Prägung weiss ich nur zu gut, wie sehr man es sich im Geheimen auf dem flauschigen Ego-Sofa gemütlich machen und manchmal total gerne erlauben würde, all das einfach einzufordern.

Und wie doof, wenn er (oder sie)'s dann partout nicht "einsieht"!

Und warum?
Weil es verdammt nochmal MEINE (DEINE) Aufgabe ist, NCHT seine, sich für mich (Dich) zu interessieren! Wenn Du kriegst, was Du gerne hättest: Strike und Glückwunsch - aber wenn nicht: dann sieh Dich aufgefordert, Dich dieses, DEINES Bedürfnisses, näher anzunehmen.

Und vielleicht geniesst Du von einem so gepolten Menschen aber gleichzeitig ganz andere Unterstützung? ZB "drängelt" er nicht mit Diskussionen über Deine Zukunft, lässt Dich einfach sein - und ist, wie er immer ist - und gibt Deinem inneren Chaos so wertvolle Stabilität;

Du wirst nicht "geschont", aber auch nicht angetrieben - ist doch super!

Ich würde beim Weiterwühlen jetzt noch gaaanz viele weitere Zettelchen zu dem Thema finden - aber das Wichtigste haben wir uns nun rausgepopelt, schätze ich.

Ausserdem muss ich ja auch noch wieder aufräumen hier.

Fazit für heute

Sei gut zu Dir - und verzeih Dir und dem Leben kommende Rückschläge, wenn nach einem Schritt vor zwei zurück kommen - das ist ein Zeichen für Entwicklung! So wie diese russischen Ineinander-Stapelpuppen aus Holz - nur klemmt halt manchmal noch die Fassung, bevor Du die nächstkleinere auspacken kannst - und des Pudel's Kern immer näher kommst..

Hier noch ein, wie ich finde, extrem schlauer Spruch einer Systemtherapeutin, die mir zu genau dieser Problematik letztes Jahr gesagt hat:

"Je besser es mir geht, desto schlechter geht es mir."

In diesem Sinne.

Oh - und bei Bedarf kuck'ich mit Dir natürlich auch noch in die anderen Kisten 😉

Aber vielleicht platzt Dir auch längst der Kopf - und Du weisst zumindest, was Du nicht willst. Glückwunsch! 🙂

Die Autorin stellt sich vor

Moe, 40, Letzte-große-Ausfahrt-vor-Bielefeld


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Harald
Gast
Harald

Ich musste mir diesen Artikel ausdrucken, um ihn in Ruhe im Sessel lesen zu können. Am Computer oder Smartphone war er mir zu lang und auch zu sprunghaft im Stil. Doch es hat sich gelohnt. Der Einblick, den die Autorin in die Welt der Therapien gibt, ist – auch wenn es sich natürlich „nur“ um ihren subjektiven Blickwinkel handelt – sehr erhellend sowie verstörend und bestätigend zugleich. Die geschilderten Erlebnisse decken sich mit Geschichten anderer Patienten, die mir zu Ohren gekommen sind, und auch mit meinen eigenen sehr begrenzten Erfahrungen. Das ist bestürzend, weil es ein grundsätzliches Problem im deutschen… Weiterlesen »

Moe
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Moe

Hallo Harald! Hey – ein Kommentar – und so ein differenzierter wie konstruktiver – die Autorin freut und bedankt sich! :))) Ja, die Sprunghaftigkeit im Stil… das stimmt – liegt rückblickend aber echt auch am Thema; ich konnte weder NOCH mehr kürzen noch eine derart „gerade“ rote Linie bieten, weil sie einfach so auch im „echten Leben“ (meiner Erfahrung nach) nicht existiert… Und alle „weiteren“ Artikel, die ich in Rohform so in mir trage, wäre dann auch bedeutend kürzer umreissbar… ;))) Nochmal Ja: Was die Widersinnigkeit in unserem Hilfs-System/Therapie-Sektor angeht: Ich für meinen bescheidenen Teil bin gespannt, wie sich diese… Weiterlesen »

Harald
Gast
Harald

Hallo Moe,
Danke für das Feedback zum Feedback. Das hat mich ebenso gefreut. 🙂
Viele Grüße
Harald

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