Genesung beginnt im Kopf

Wie ich beginne, den Prozess und nicht das Ziel zu lieben.

Gedankenverloren starre ich aus dem Fenster einer psychosomatischen Klinik. Erschöpft lasse ich mich in meinem Zimmer auf die Matratze fallen. Mir fehlt es an Gesundheit. Ich fühle mich nicht mehr sicher. Mein Beruf bringt mir nicht das, was ich gerne hätte, vom Erfolg ganz zu schweigen.

Ein bisschen Gefühlskonfetti und «alles wird gut» reichen nicht mehr aus. Ich schlage meine Hände vors Gesicht und schluchze drauflos. Sein Leben kann man also mehr als einmal verlieren.


Die Autorin stellt sich vor:

 

Ich heisse Noémie, bin 27 Jahre jung und wohne in Frasnacht am Bodensee, Schweiz. Schon früh setze ich mich mit den Bewältigungsstrategien psychischer Krisen auseinander. Nach einem erfolgreich abgebrochenen Studium zur Sozialpädagogin arbeite ich als Logistikerin in einer Firma mit Naturprodukten. In meiner Freizeit blogge ich über mein liebstes Hobby: die psychische Gesundheit.


Was zum Teufel habe ich nur mit meinem Leben gemacht, damit es mir so mies geht?

Um jeden Preis möchte ich meine Lebensqualität steigern, ohne darüber nachzudenken, weshalb sie so niedrig ist. Gleichzeitig akzeptiere ich meine Lebensplanung beinahe als gescheitert, bevor ich überhaupt das dreissigste Lebensjahr erreicht habe.

«Na dann, herzlich Willkommen in meiner Welt», sage ich zu mir selbst. Mein Sarkasmus ist unangebracht und verletzend. Zwar kann ich mir nicht mehr einbilden, vollkommen im Reinen mit mir zu sein. Trotzdem kann ich mir diese Krise nicht leisten. Nicht hier und nicht jetzt.

Der Schmerz verlangt eine Kursänderung

Obwohl ich mühevoll gelernt habe zu verdrängen, zwingt sich eine gründliche Noémie-Inventur auf. Durch die gnadenlose Ehrlichkeit wird mir klar: Es sind nicht die Ziele, die mich glücklich machen. Es kann sogar sein, dass sie mich mehr geschwächt haben als gestärkt. Der Aha-Moment war gestern. Das hier ist ein unglaublich tiefer und wichtiger Augenblick für mich.

Weder eine qualifizierende Arbeitsstelle, das Finishen eines Marathons, die Likes auf einem Bild, noch teure Schuhe oder eine niedrige Zahl auf der Körperfettanzeige können dazu beitragen, langfristig zufrieden zu werden.

Meinen Selbstwert auf Zielen aufzubauen ist beunruhigend, vor allem als leistungsorientierter Mensch. Nach deren Erreichung muss subito ein grösseres Ziel her, ansonsten droht eine Krise. Die Energieturbulenzen, die eine solche Verhaltensweise mit sich bringt, ist meiner Gesundheit zu teuer. Nun brauche ich dringend eine Kursänderung – der Jojo-Effekt meiner bisherigen Lebensplanung fühlt sich gefährlich an.

Kein Wunder fühle ich mich so erschöpft, wenn mir etwas fehlt, das mich erfüllt. Ich verspreche mir, zukünftig nie mehr so dermassen an mir vorbei zu leben, damit ich zu einem Häufchen Elend schrumpfe. Ich will spüren, dass mein Handeln und Fühlen wieder zusammenpassen. Ich will im Gleichgewicht sein, nicht nur auf dem Balancebrett im Fitnessstudio.

Bei diesen Gedanken meldet mein Kopf eine erhöhte Angstneigung. Denn das Begreifen ist die eine Sache. Die weitere Vorgehensweise eine andere.

Der besagte Moment auf der Matratze hilft mir dabei, ins Handeln zu kommen. Einerseits sitze ich ohne Gesundheit, ohne Erfolg und ohne funktionierende Beziehungen in meinem Zimmer. Andererseits begegne ich genau in diesem Moment mir selbst. Mir und meinen Werten.

Ich fühle mich unangenehm nackig – und plötzlich auch so echt. «Na endlich» höre ich meine Seele flüstern. Die Tränen fliessen erneut, doch diesmal fühlt es sich gut an.

Das Ziel ist also nicht das, was mich erfüllt

Aber was ist es dann? Wenn ich darüber nachdenke, verbringe ich viel mehr Zeit damit, etwas zu werden, als den Zustand im Ziel tatsächlich zu geniessen. Aus diesem Grund geht es um die Entwicklung und den Weg zu einem Ziel – all die Rückschläge, Hindernisse und erfolgreichen Momente inbegriffen.

Der Prozess ist keine Tschakka-Motivation, sondern nachhaltig. Es ist die Art, wie ich Dinge tue und über sie denke. All das ergibt schlussendlich einen Stil im Leben. Meinen persönlichen Lebensstil.

Es sagt mir wenig zu, heute mit Vollgas zu arbeiten, um mit fünfzig in Rente zu gehen – um dann all die Dinge zu machen, die ich mir für ein zufriedenes Leben erhoffe. Vielmehr möchte ich die Rente in mein jetziges Leben holen.

Es braucht haufenweise Mut, ein Leben mit meinen Werten neu zu gestalten, wo um mich herum die Start-Ups aus dem Boden schiessen, nach Statussymbolen gestrebt werden und Weiterbildungen im Lebenslauf aufgelistet werden wie die Lebensmittel auf dem Einkaufszettel.

Allerdings ist der Gedanke, den eigenen Lebensstil so anzupassen, dass es mir wieder gut dabei geht, deutlich aufregender. Ich bin frei, das zu tun, was ich wahrhaftig möchte. Klingt beinahe kitschig, doch der Satz ist keine nebensächliche Floskel mehr. Schlimm genug, dass ich für diese Erkenntnis meine Gesundheit verlieren musste. Jetzt bin ich dran.

Den eigenen Lebensstil feiern

Vielleicht muss ich wieder mehr zu der Noémie werden, die ich war, bevor ich begann, die Geschichte über meine Ziele zu erzählen. Wenn es einen richtigen Zeitpunkt dafür gibt, dann ist er jetzt.

Ich miste radikal aus – eingefleischte Glaubenssätze, Menschen, Wohnort, Arbeit und meine Denkweise müssen daran glauben. Es geht dabei nicht um Verluste, sondern um Loslassen. Das verdammte Leer-Sein beginnt endlich Sinn zu machen: es hat Platz für Neues.

Neue Routinen, neue Denkmuster, neue Verhaltensweisen. Sie bilden in der Summe meine tägliche Gewohnheit. Das Gesamtpaket für einen neuen Lebensstil sozusagen, welches nicht mehr so zwickt und kneift wie das bisherige. Es erleichtert, Gestalter meines eigenen Lebens zu sein und keine Vorsätze mehr zu brauchen.

Ich muss mir immer weniger vorgaukeln, bloss etwas zu sein, wenn ich Ziele erreiche. Es ist mein Recht, mich in mein Leben zu verlieben. Die Schmetterlinge im Bauch flattern wegen der Art, wie ich mich auf den Weg mache und den Prozess bewusst geniesse. Wenn der berühmte Weg das Ziel ist, dann bin ich ja bereits da.

Es ist auch heute nicht alles schön in meinem Leben

Dennoch fühle ich mich mental nicht mehr im Rollstuhl. Durch die grundlegende Haltungsänderung komme ich mir und meiner «Mitte» immer näher. Zur Sicherheit übe ich trotzdem engagiert auf dem Balancebrett. Schaden kann’s ja nicht.

Im Endeffekt möchte ich in meinem Leben einfach eine gute Zeit haben. Mit milderen Krisen. Mit Humor. Mit Dankbarkeit. Mit lieben Menschen. Mit lehrreichen Prozessen. Und mehr emotionaler Stabilität.

Die grosse Umstrukturierungsphase in der psychosomatischen Klinik vor zwei Jahren hat mich gelehrt, wie wichtig es ist, den Prozess und nicht das Ziel zu lieben. Gesundwerden ist ein tolles Vorhaben. Gesundbleiben auch.

In diesem Sinne, bleiben wir dran – es lohnt sich!

Noémie


Hier erfährst du mehr über Noémie und kannst mit ihr in Kontakt treten:

Blog: https://noemie-erzaehlt.ch/
Instagram: www.instagram.com/noemie_erzaehlt/

E-Mail: kontakt@noemie-erzaehlt.ch


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Genesung beginnt im Kopf, der Prozess ist das Ziel, den eigenen Lebensstil feiern … Was Noémie schreibt, könnte ebenso aus dieser Pflichtlektüre von Anthony Robbins stammen: Das Robbins Power Prinzip: Befreie die innere Kraft *


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