Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen

Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen ist selten. Dieser Brief eines Insiders soll helfen, die Hilflosigkeit zu überwinden.

Angehörige von Depressiven leiden. Die Familie leidet, Freunde auch. Sie machen sich Sorgen und die eigene Hilflosigkeit zermürbt sie. Ihnen wird viel abverlangt und bekommen kaum etwas zurück. Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen wird kaum angeboten. Sie fühlen sich alleine gelassen und erhalten meist Ratschläge von Menschen, die selbst nie eine Depression erlebten.

Mit dem folgendem fiktiven Brief wende ich mich an die Familie und Freunde. Ich schreibe ihn auf Basis meiner eigenen Erfahrungen mit Depressionen und aus den Erkenntnissen, wie meine Angehörigen damals mit mir umgingen. Erfahre die wichtigsten Punkte wie du einem Depressiven am Besten helfen kannst.


Mein lieber Freund,

(„Freund“ kann ersetzt werden durch Bruder, Vater, liebe Mutter, liebe Schwester, Freundin oder durch einen Namen etc.)

diesen Brief schreibt, stellvertretend für mich, der Typ von Burnoutside. Ich selbst wäre dazu nicht einmal ansatzweise in der Lage. Er überwand diesen Abgrund namens Depression und macht jetzt einen auf Ich-hab-meine-Depressionen-überwunden-und-erzähl-euch-wie-es-war-Spacken.

Wie auch immer, das was ich habe nennt man Depressionen. Mir ist egal wie das Zeug heißt, obwohl ich mit der Erwähnung dieser Diagnose meist etwas Zeit schinden kann. Die Leute reagieren anfangs zurückhaltend, wissen nicht wie sie damit umgehen sollen und schalten erstmal in den Stand by-Modus.

Nachdem ich gefühlte sieben Sekunden herausgeholt habe wird mir klar, dass eine detaillierte Beschreibung meines Zustandes eingefordert wird. Es ist, als hätte ich eine neue Küchenmaschine und nun wird von mir erwartet, dieses Ding zu beschreiben, erklären, wie es funktioniert und wie toll es ist.

Hilflosigkeit an allen Ecken und Enden

Ich verstehe das. Ich verstehe, dass du eine Erklärung möchtest. Schließlich bist du es gewohnt deine Hilfe anzubieten, wenn du weißt worum es verdammt nochmal geht.

Allerdings werde ich es dir nicht erklären. Nicht, weil ich Spaß daran habe dich zu ärgern oder du mir egal bist. Hey, wir sind Freunde. Ich erkläre es dir aus zwei Gründen nicht.

1. Hilfe bei Depressionen ist allerdings eine ganz andere Nummer. Um dir meinen Zustand zu beschreiben, fehlen schlicht die Begriffe. Ich meine, wie würdest du Unendlichkeit beschreiben, Lichtgeschwindigkeit oder Leere? Klar, du kannst Worte dafür finden, greifbar wird der jeweilige Zustand dadurch nicht.

Was würdest du von der Erklärung halten, dass ich mich fühle als würde ich unendlich fallen? Beschreiben, dass Milliarden von Gedanken mit Lichtgeschwindigkeit durch mein Gehirn schießen und am Ende eine absolute, emotionale Leere in mir übrig bleibt?

2. Der Versuch dir meinen Zustand zu beschreiben, würde bedeuten, dass ich dir helfe. Sorry, ich habe genug mit mir selbst zu kämpfen. Akzeptiere, dass ich mir nicht auch noch dein Problem umhängen kann. Das klingt brutal, aber je früher wir die Rahmenbedingungen klären, desto schneller können wir uns um die alles entscheidende Frage kümmern:

Freundschaft heißt Vertrauen

Was ist Freundschaft?

Vor uns liegt eine harte Zeit. Das war nicht meine Absicht. Das gemütliche Zusammensein, das unbeschwerte Lachen und die kleineren Konflikte – das alles musst du dir in nächster Zeit bei jemand anderen holen.

Die Frage „Wie geht’s?“ ist ab sofort keine vor sich hin gesagte Floskel mehr, auf die ohnehin nie eine ehrliche Antwort folgte. Jetzt kommt diese Frage daher, als würdest du mir mit einer Zange einen Fingernagel herausreißen.

In den nächsten Monaten, vielleicht Jahren, wird sich herausstellen, ob wir jemals wahre Freunde waren. Nicht, weil unsere Freundschaft auf eine Probe gestellt werden müsste. Auch nicht, weil es an dir liegt, dich auf mich und meinen Zustand einzustellen. Daran führt – leider – ohnehin kein Weg vorbei.

Lass uns Tugenden leben. Du zuerst

Nein, jetzt haben wir die Möglichkeit, unsere Beziehung von der Oberfläche in die Tiefe zu bringen. Ist es nicht so, dass wir uns meist über belangloses Zeug unterhalten, die wirklich wichtigen Fragen nicht stellen und das, was wir im Grunde antworten wollen, unterdrücken? Das ist kein Vorwurf, das ist der natürliche Lauf von Beziehungen.

Nicht, dass ich der Depression etwas Gutes abgewinnen möchte, aber, wenn wir diese Ausnahmesituation gemeinsam durchstehen, wird unsere Freundschaft eine andere sein als vorher.

Es ist schade, dass vor allem du jetzt gefordert bist. Ich kann nicht viel beitragen. Letztlich ziehe ich mich ungewollt auf den Standpunkt eines bemitleidenswerten Menschen zurück. Darin steckt keine Absicht, ICH KANN NICHT ANDERS.

Bedingungslosigkeit, Geduld, Verständnis und vieles mehr wirst du nun aufbringen müssen. Ich werde mich dafür eines Tages nicht nur bedanken. Diese Erfahrung wird mich lehren, wie existenziell diese Tugenden für Beziehungen sind und ich werde sie dir künftig ebenso bewusst entgegenbringen.

Selbst Familie und Freunde wissen nicht alles über mich

Wir haben zu allem eine Meinung und sprechen diese meist unbedarft aus. Ich habe zum Beispiel keine Kinder. Erzählen mir Eltern allerdings von ihrem schreienden, ungehorsamen und Süßigkeiten in sich reinstopfenden Nachwuchs, gebe ich automatisch meine Einschätzung ab.

Sachlich mögen meine Argumente richtig sein, aber ich bin nicht in diesen vielen Situationen die Eltern täglich erleben. Ich spüre weder die Herausforderung, noch das Scheitern der zahlreichen Versuche, Herr der Lage zu bleiben.

Du bist nicht ich. Du spürst nicht, was ich nicht spüre. Dich in meine Lage zu versetzen gleicht dem Versuch nachzuvollziehen, was in einem Selbstmörder vorgeht, kurz bevor er von der Brücke springt. Vergiss es. Denn …

Reiche mir deine Hand, aber erwarte keine Reaktion

Angebotene Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen ist meist Bullshit

Ich möchte dich stattdessen um etwas bitten und dir damit ein Werkzeug in die Hand geben, das dir den Umgang mit mir etwas erleichtert:

– Stell’ mir bitte keine Fragen über das Notwendigste hinaus. Fragen wie „Hast du Lust auf einen Spaziergang?“, „Wie geht es dir?“, „Was denkst du gerade?“ oder „Was würde dir jetzt gut tun?“, sind wie Nadelstiche in eine infizierte Wunde. Lass’ es!

– Bitte keine Ratschläge. „Schau dir mal diese Website an“, „Iss viel Obst und Gemüse“, „Geh raus in die Sonne“ oder „Hör auf, dir Sorgen zu machen“. Du meinst es gut. Letztlich sagst du das aus deiner Hilflosigkeit heraus und um dir nicht vorwerfen lassen zu müssen, nichts zu tun.

– Motivation bringt gar nichts. Sprüche wie „Das wird wieder“, „Du hast schon Schlimmeres erlebt“, „Eines Tages wirst du mit einem Lächeln auf diese Zeit zurückblicken“ oder „Was dich nicht umbringt, macht dich härter“, wirken auf mich wie der Applaus für einen Jungen, der sich vor der gesamten Klasse in die Hosen machte.

– Setz’ dich zu mir. Sei einfach da. Sag gar nichts. Schau dir einen Film an, löse ein Kreuzworträtsel, lies in einem Buch, stopf deine Socken oder mach, was du sonst gerne tust. Deine Anwesenheit und die damit verbundene Möglichkeit dich jederzeit anzusprechen, gibt mir Sicherheit. Wenn ich möchte, dass du gehst, nimm das nicht persönlich und geh.

– Achte bitte auf dich selbst! Weil ich wie ein nasser Hund in der Ecke kauere heißt nicht, dass du dein Leben aufgeben und dich ständig um mich sorgen solltest. Lebe dein Leben, hab Spaß und mach weiterhin dein Ding.

– Äußere ich ernsthafte Selbstmordgedanken, reagiere unmittelbar und konsequent. Egal was ich dazu sage oder wie sehr ich mich wehre, bring mich zu einem Arzt oder alarmiere die Rettung.

Denk‘ nicht darüber nach, welche Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen du dir wünschen würdest. Halte dich so gut wie möglich an diese Punkte und wir werden wesentlich entspannter durch diese schwierige Situation kommen.

Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen hat nichts mit Logik zu tun

Ich führe einen Kampf mit einem unsichtbaren Gegner dem ich nur begegne, wenn ich in den Spiegel blicke. Was sich in mir abspielt, ist weit entfernt jedweder Normalität und Logik.

Mein Wunsch zu leben stirbt mit jedem Schub, der jedesmal auf’s Neue heftiger und unerbittlicher zurückkommt. Was nach einem beschissen inszenierten und maßlos übertriebenen Drama eines von Kritikern verrissenen Kinofilms klingt, ist genau das.

Je früher du verstehst, dass du mir mit deinen Erfahrungen und deinen dir logisch erscheinenden Methoden nicht helfen kannst, stattdessen ein Gespür für diese absurde Situation entwickelst, desto wertvoller wird dein Beitrag für meinen Ausbruch aus diesem Abgrund sein.

Dafür danke ich dir mit dem Wertvollsten das ich habe. Mit einem Gefühl, mit dem du mir bereits in dieser schwierigen Zeit am allermeisten hilfst: Liebe!

Ich liebe dich! Wenn ich dir das derzeit auch nicht zeigen kann – du wärst sonst nicht hier bei mir!

Dein Freund

PS: Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen ist sehr individuell. Deshalb biete ich dir an, mir eine E-Mail an hello@burnoutside.com zu schreiben. sofern du dich über deine Erfahrungen austauschen möchtest. Vielleicht kann ich dich ein wenig unterstützen …



Diese authentische Geschichte von Tobi Katze gibt zwar keine direkte Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen, liefert aber einen guten Einblick in das, was bei einem Betroffenem abgeht: Morgen ist leider auch noch ein Tag. Irgendwie hatte ich von meiner Depression mehr erwartet. *


Titel des nächsten Artikels:

Gastartikel von Steffi: Wie ich durch Schicksalsschläge meine Stärke fand


Depressiv ist ein Gefühl wie verliebt, dankbar oder heiter

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2 Gedanken zu „Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen&8220;

  1. Was ich nach vielen Jahren an der Seite eines depressiven Partners sagen kann. Argumente und Logik dringen nicht durch und sind keine Hilfe. Antidepressiva sind hochgefährlich und heilen nicht und stellen keine Lösung dar. Nähe und Gelassenheit scheinen zu beruhigen. Wenn ich auch Panik bekomme oder stark reagiere dann wird es besonders schlimm. Fühle mich nach wie vor hilflos und auch genervt von einem Partner der glaubt in Kürze sterben zu müssen und das seit vielen Jahren …

    1. Liebe Beate,

      es ist absolut bewundernswert, aber auch tieftraurig, dass du seit Jahren dieser Situation ausgesetzt bist. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du diese „Nähe und Gelassenheit“ sehr bald wieder unter normalen Bedingungen geben kannst.

      Bezüglich „langjähriger Depressionen“ werde ich demnächst einen Artikel schreiben. Vielleicht magst du mal wieder hier vorbeischauen.

      Alles Gute!

      Liebe Grüße
      Roland

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