Ich muss nichts

Ich muss gar nichts müssen

WENN ES IM KOPF GANZ LAUT ´ICH MUSS´ SCHREIT

Müssen wir eigentlich etwas müssen? Oder müssten wir mehr wollen? Oder sollten wir mehr Wollen wollen? Hä? Die Antwort ist eigentlich relativ einfach: Wenn es uns gelingt, mehr ich will anstatt ich muss in unser Leben zu integrieren, kann das ein wesentlicher Schritt dazu sein, sich freier und selbstbestimmter zu fühlen.

Muss ich die Ich muss-Nuss knacken?

Ob ich einen Gastartikel schreiben möchte, hat mich Roland schon vor einigen Monaten gefragt. Da das Thema Burnout Prävention nicht nur in meiner Praxis immer wieder präsent ist, sondern auch in meinem Umfeld immer mehr an Bedeutung zu gewinnen scheint, habe ich gerne zugesagt.

Doch je intensiver ich mich mit der Thematik auseinandergesetzt habe, umso weniger wusste ich plötzlich, worüber ich eigentlich schreiben möchte. Denn das Topic ist unfassbar vielseitig.

Ich überlegte:

  • Soll ich vielleicht darüber schreiben, wie der Begriff Burn-out heute inflationär als Synonym für Müdesein oder Urlaubsreife missbraucht wird – und wie diese sprachliche Unschärfe dafür sorgt, dass tatsächlich Betroffene belächelt werden?
  • Soll ich vielleicht darüber schreiben, wie so manche psychologischen Modelle das Thema Burn-out in Stufen kategorisieren?
  • Soll ich vielleicht darüber schreiben, warum Entspannung so wichtig ist und wie man sich diese auch in erhöhten Stressphasen ermöglichen darf und kann?
  • Soll ich vielleicht darüber schreiben, wieso – systemisch betrachtet – Menschen manchmal heimlich im Einklang mit ihrem eigenen Unglück sind?

Keine dieser Herangehensweisen hat mich begeistert. Denn erstens ist keiner dieser Zugänge in einer überschaubaren Länge abzuhandeln und zweitens würde die Ausarbeitung dieser Themen einen recht theoretischen, fachlichen Ansatz erfordern, der mir auf diesem Blog irgendwie Fehl am Platz scheint.

Das Wörtchen „Muss“ ist die härteste Nuss

Darum habe ich mich stattdessen zu einem ganz privaten Ansatz entschlossen und mir über ein Wort Gedanken gemacht, das mit verantwortlich ist für das Gefühl der Überforderung:

Das Wort „Muss“

Immer wenn ich dieses Wort bewusst höre, dann denke ich unweigerlich an den Stammbucheintrag von meinem Volksschul-Sitznachbarn Matthias. Ich hab die Seite dieses längst verlorenen Büchleins aus Schultagen noch ganz genau vor Augen:

Ein – offensichtlich von seiner größeren Schwester liebevoll gezeichnetes und ausgemaltes – Eichhörnchen hält eine verschlossene Walnuss in der Hand und in den krakeligen Lettern eines sich außerordentlich bemühenden 8-Jährigen steht daneben mit Buntstiften geschrieben: „Von all den harten Nüssen, die Menschen knacken müssen, ist wohl das Wörtchen Muss die allergrößte Nuss.“

So hübsch die Seite auch gestaltet war, sie hat mir Unbehagen bereitet – schon damals in der zweiten Klasse. Zu dieser Zeit konnte ich das Gefühl nicht einordnen.

Heute weiß ich, dass es mich irritiert hat – und übrigens nach wie vor irritiert – die Muss-Nuss überhaupt knacken zu „müssen“.

  • Ich muss die Hausaufgaben machen
  • Ich muss lieb sein
  • Ich muss ruhig sitzen bleiben
  • Ich muss gut in der Schule sein
  • Ich muss mein Zimmer aufräumen
  • Ich muss den Spinat aufessen
  • Ich muss mich jetzt reinhängen
  • Ich muss die Überstunden machen
  • Ich muss die Wohnung noch putzen
  • Ich muss den Chef beeindrucken
  • Ich muss noch diese Bekannte treffen
  • Ich muss eine gute Mutter sein
  • Ich muss mit dem Hund Gassi

Wieso denn eigentlich? Muss ich die Muss-Nuss überhaupt knacken?

Bei dieser Überlegung kommt mir sofort ein weiterer Satz in den Sinn. Wahlweise im jeweiligen Dialekt skandiert und beliebt bei rebellischen Teenys sowie Menschen, denen gerade die Argumente ausgegangen sind: „I muaß goar nix, außer sterb’n!“

Und auch dieser Satz bereitet mir seit jeher Unbehagen – nicht mal in meiner pubertärsten Phase habe ich ihn über die Lippen gebracht.

Denn natürlich hat er seine Richtigkeit, aber: er würdigt keinesfalls die unglaubliche Vielzahl an tief in uns verwurzelten, teilweise über Generationen hinweg gefestigten Glaubenssätze, die mit „Ich muss“ beginnen.

Jemanden, der in seinem Hamsterrad gerade auf die totale Erschöpfung zuläuft, weil er die Familie so ernähren MUSS, zu raten: „Du muaßt goar nix, außer sterb’n" scheint wohl jedem Menschen mit einem Funken Empathie als völlig unangebracht.

Aber will ich das auch?

Klar, auf manche Dinge sind wir angewiesen. Wir brauchen Geld, um uns das Leben leisten zu können. Dafür brauchen die meisten von uns einen Job. Aber ob wir genau DIESEN Job auf Dauer auch WOLLEN, das ist eine andere Frage.

Meine persönliche Meinung dazu ist: je mehr Wollen und je weniger Muss, desto mehr Zufriedenheit. Ich finde, es macht Sinn, die eigenen Muss-Nüsse immer wieder auf Gültigkeit und Dienlichkeit zu überprüfen.

So habe ich jetzt genau zwei Varianten, wie meine nächsten Stunden weiter gehen:

Variante 1: Ich muss jetzt noch putzen, die ganze Wohnung sieht fürchterlich aus. Darum muss ich jetzt wirklich Schluss machen, sonst läuft mir die Zeit bis zum Abend davon.

Variante 2: Ich hab heute echt Lust darauf, mir einen entspannten Abend zu machen. Das gelingt mir am besten in einer gemütlichen, sauberen Umgebung, darum will ich meine Wohnung jetzt noch putzen.

Das Ergebnis ist das gleiche. Aber ich fühle mich mit Variante 2 wesentlich entspannter und weniger unter Druck gesetzt. Darum habe ich versucht, mehr Varianten 2 in mein Leben einzubauen.

Worum geht es also meiner persönlichen Meinung nach auf der doch sehr breiten Skala zwischen Muss-Nuss knacken müssen und gar nix müssen? Ich finde, es geht darum, die eigenen Muss-Gedanken für sich nachhaltig zu überprüfen und sie – wenn sie uns hilfreich sind – in ein Wollen zu verwandeln.

Die Autorin stellt sich vor

Lisa Vesely kommt ursprünglich aus dem Mostviertel. Mittlerweile lebt und arbeitet sie seit zehn Jahren in Wien. Nach einigen erfolgreichen Jahren in der Medienbranche hat sie ihren beruflichen Werdegang um die psychosoziale Komponente erweitert. Seither unterstützt sie Menschen als psychologische Beraterin in ihrer Praxis „Beziehung bewegt.“ www.beziehung-bewegt.at

Kontakt zu Lisa

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Alex
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Alex

Liebe Lisa, wie sehr ich diesen Artikel doch liebe! Mir persönlich ist er sogar etwas zu kurz geraten, aber das liegt einfach an der unglaublichen Aktualität, die dieses Thema für mich gerade hat. Seit einigen Monaten bin ich bewusst dabei das Wörtchen „muss“ aus meinem Sprachgebrauch zu verbannen. Ich gehe damit Freunden und Verwandten auch schon etwas auf die Nerven, weil ich sie in Gesprächen immer wieder mal kurz unterbreche, wenn das Wort fällt und es dann mit „will“ oder „möchte“ ersetze. Keiner von ihnen ist mir böse, ich mache das nur bei den Menschen, bei denen ich das auch… Weiterlesen »

Lisa
Gast
Lisa

Liebe Alex,

wow, danke für deine ausführliche und vor allem sehr persönliche Antwort. Ja, dass diese Arbeit an sich selbst anstrengend sein kann, ist absolut verständlich. Dieses „Muss“, das uns alle seit jeher begleitet, ist eben tief in uns verwurzelt. Umso schöner, wenn die bewusste Auseinandersetzung damit dann zu den von dir beschriebenen Lachmomenten führt, wenn du den Satz hörst, du „musst jetzt dringend was essen“.

Schönen Sonntag Abend dir,
Lisa

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