Individualität. Der Verstand macht Werbung

Gekaufte Individualität als Illusion

Die Werbung teilt mir mit, dass ich ein neues Shampoo, neuartige Tampons und ein bestimmtes Joghurt benötige, das meinen Darm reguliert. Dann kann ich alles tun, alles sein und erlebe ein Gefühl von Individualität und Einzigartigkeit.

Nun bin ich beinahe glatzköpfig, ein Kerl und meine Verdauung ist zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk.

Werbung erinnert mich an meinen früheren Verstand. Der konstruierte in mir auch ständig die Illusion, alles Mögliche zu benötigen, um einzigartig zu sein und ein zufriedenes Leben zu führen.


Andere wissen besser, was ich brauche

Verrückt. Offensichtlich brauchen wir Menschen immer jemanden, der uns sagt, was wir benötigen und tun sollen. Während der Kindheit war das noch nachvollziehbar.

Einem sechsjährigen ein Bier trinken zu lassen wäre für die anwesenden Erwachsenen ein durchaus lustiges Spektakel geworden. Richtigerweise nimmt man es ihm im Austausch für ein paar saftige Ohrfeigen weg und weist dem kleinen Kerl damit den richtigen Weg in seine glorreiche Zukunft.

Was soll ich sagen, es waren die Siebziger. Damals waren Watschen so selbstverständlich wie versteckte Pornoheftln.

Als Jugendlicher folgt eine kurze Phase der Rebellion. Diese äußerte sich bei mir mit langen, dauergewellten Haaren und einem Ohrring – der damals noch zu einem gepflegten „du Schwuchtel“ führte. Dazu kam teils fürchterliche Death Metal Musik, die mir zwar nicht gefiel, meine Eltern aber in den gewollten Wahnsinn trieb.

Hätte ich damals bei Che Guevara nachgelesen, wäre mir klar geworden, dass jede Revolution früher oder später ihr jähes Ende findet.

In meinem Fall stellte sich mir allerdings keine schwer bewaffnete Regierungsarmee entgegen. Mich traf etwas wesentlich Effektiveres. Wie ein kleiner, hinterhältiger, nordkoreanischer Mistkerl schlich es in mein Leben. Der verdammte Mainstream.

Findest du dich darin wieder?

Diese kulturelle Strömung gab mir das Gefühl, alles erreichen und sein zu können, wer immer ich sein wollte und Einzigartigkeit das Maß aller Dinge sei. Wie ein Junkie auf miesen Drogen stolperte ich ab sofort einem Leben hinterher, das so weit von meinem natürlichen Wesen entfernt war, wie Justin Drew Biber * von einem guten Sänger.

Ich wollte nicht nur individuell sein, also eine auffallend andere Persönlichkeit die sich von der Masse abhebt, ich fühlte mich bereits als solche. Rückblickend hätte ich zu diesem Zeitpunkt eine schallende Ohrfeige benötigt, um nicht in diesen stinkenden Irrglauben zu treten.

Wie dumm war ich? Mit teuren Klamotten, die ich mir nicht leisten konnte, mit einem Handy, das ich nicht brauchte, weil es damals kaum verfügbare Netze gab und einem Gehabe, das ich mir von anderen abschaute, mehr aus mir zu machen als ich war?

Google jetzt nach Paradoxon

Klar müssen wir Erfahrungen machen, Neues ausprobieren, uns weiterentwickeln und Fehler provozieren um unseren Weg zu finden. Aber selbst einem Esel ist klar, dass er niemals eine Goldmedaille im Sprungreiten gewinnen wird.

Wikipedia sagt, „Individualität bezeichnet im weitesten Sinne die Tatsache, dass ein Mensch oder Gegenstand einzeln ist und sich von anderen Menschen beziehungsweise Gegenständen unterscheidet.“

Nirgends steht geschrieben, etwas hinzufügen, also mehr aus sich machen zu müssen, um individuell zu sein. Vielmehr vermittelt diese Beschreibung, Individualität sei etwas Natürliches, etwas, das wir seit unserer Geburt an sind.

Das führt unweigerlich zu dem Schluß, dass ich meine Individualität verliere, indem ich nach Einzigartigkeit strebe. Ein Paradoxon, zu dem nur ein Mensch fähig ist es zu konstruieren.

Uniformen, überall Uniformen

Damit wir uns richtig verstehen, Freunde der Blasmusik: Entwicklung liegt in der Natur von uns Menschen. Wir lernen, setzen uns Ziele und streben nach einem besseren Leben.

Aber müssen wir uns dabei wie ein gesattelter, gestriegelter und erhabener Esel verhalten, der im Olympiastadion die Massen beeindrucken möchte? Echt jetzt?

Individualität, auffallen um jeden Preis, einen Lifestyle usw. zu haben sind die größten Irrtümer unserer Zeit. Nicht, weil ich das sage, oder weil ich mir mit dem Streben danach beinahe einen Strick knüpfte. Nein, weil der Widerspruch zu offensichtlich ist.

Indem alle individuell sein und mit ihrem einzigartigen Lifestyle auffallen wollen, sind doch wieder alle gleich. Ein paar Beispiele: Apple verkaufte bisher über eine Milliarde iPhones, die alljährlich festgelegten Farbtrends finden sich in sämtlichen Kleiderschränken und geschminkten Gesichtern.

Bärte sind auf einmal in, obwohl sie immer schon getragen wurden. Die hübschen Selfies auf Facebook und Instagram sind so austauschbar, wie die Worthülsen von Politikern.

Und der eingangs erwähnte Joghurt für die im Labor künstlich entwickelte Unterdrückung eines natürlichen Furzes, steht stellvertretend dafür, was heute dem Mainstream entspricht und was nicht. 

Wie individuell und genug bist du?

Im Grunde wollen wir alle sein wie wir nun einmal sind und unsere natürliche Einzigartigkeit leben. Irgendwann steckten wir uns gegenseitig mit diesem Virus an, der uns dazu zwingt, mehr aus uns zu machen.

Die Werbeindustrie weiß das und spielt uns gegenseitig aus. Allerdings, Werbung erscheint heute mehr wie ein Kuriositätenkabinett, für das früher Eintritt bezahlt wurde um Halbwüchsige und Esel mit zwei Köpfen zu bestaunen. 

Ausgerechnet ein Werbespot für Bio-Produkte eines großen Lebensmittelkonzerns bringt unseren gesellschaftlichen Widerspruch, diese Illusion, auf den Punkt. Der darin vorkommende Slogan „Zurück zum Ursprung“ vermittelt, dass wir uns wohl von unserer Natürlichkeit entfernten und nun wieder genau dorthin zurückkehren sollten.

Die Natürlichkeit, der Ursprung wird als etwas Besonderes dargestellt. Das musst du dir auf der Zunge zergehen lassen!

Unser Verstand hat diese Strategien übernommen und spielt uns täglich mehrere tausend Werbespots vor, die wir als Handlungsanleitung zum erreichen unserer Einzigartigkeit verstehen.

Du bist nicht gut, schön, klug, idealgewichtig, individuell, einzigartig, reich, hipp, smart und weiß der Teufel noch alles genug.

Beten ohne Fallschirm

Wie bereits mehrmals in verschiedenen Artikeln dieses Blogs erwähnt, müssen es nicht gleich Burnout oder schwere Depressionen sein, um damit zu beginnen, unser Leben zu hinterfragen oder daran rück-anzupassen, was, bzw. wer wir wirklich sind.

Immer mehr Rückmeldungen von Menschen, die keineswegs krank, aber unzufrieden sind oder im Leben nicht weiterkommen, erzählen, wie sie befürchten darauf zuzusteuern, was ich erlebte.

Der gesellschaftliche Druck, der Mainstream (übersetzt: Hauptstrom), scheint ein maßgeblicher Faktor für den Grad unseres Wohlbefindens * zu sein.

Während eines depressiven Schubes, der mich an den Rand des Erträglichen brachte, begann ich zu beten. Für einen Atheisten wie mich war das in etwa so sinnlos, wie die Hoffnung auf eine glückliche Fügung eines Fallschirmspringers ohne Fallschirm. Ich flehte damals um eine letzte Chance und versprach Gott, dass ich ab sofort ein aufrichtiges Leben führen und mich nicht mehr verstellen werde.

Individualität ist eine Illusion

Keine Ahnung, ob Gott mich vor dem Abgrund rettete. Ich sehe das kritisch, da ich vor Jahren meine Mitgliedschaft bei der Kirche beendete. Einige fundamentale Änderungen sind jedoch eingetreten.

Von der Werbung lasse ich mich nicht mehr verarschen. Ich erlaube meinem Verstand nicht mehr mir einzureden, individuell sein zu müssen oder aus mir einen Esel zu machen, der aus der Gesellschaft herausstechen möchte um der Vorstellung des Mainstreams von Einzigartigkeit zu entsprechen. Mit dieser Illusion ist es vorbei.

Mein Verstand hat den Auftrag erhalten, alles Überflüssige aus meinem Leben zu entsorgen und nur noch das zu denken, was mich zurück zu meinem Ursprung bringt.

Das wird ein langer Weg. Aber weißt du was richtig spannend ist? Seitdem ich diesen Weg als fixen Bestandteil meiner Persönlichkeit hinzufügte, kommt so viel Überraschendes, Gutes und Entspanntes in mein Leben. Ich hab’s kapiert: Individualität ist eine Illusion!

Ein unbeschreiblich tolles Buch, das mir dabei hilft, nicht nur zurück zu meinem Ursprung zu finden, sondern diesen auch zu akzeptieren: Der Pfad des friedvollen Kriegers: Das Buch, das Leben verändert*


Titel des nächsten Artikels:

Die Opferrolle und der Täter. Ein Kriminalfall


Der Weg aus dem Burnout war dramatisch. Ein Ziel gab es nicht.

Buchempfehlungen


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3 Gedanken zu “Individualität. Der Verstand macht Werbung

  1. Starker Beitrag. Ich stimme dir absolut zu. Während der Kindheit brauchen wir Führung um nicht verloren zu gehen, in unserer Jugend testen wir uns und unsere Umgebung mal mehr mal weniger zum Leidwesen aller und nicht zu selten von uns selbst.

    Ich bin wie ich bin und ICH BIN GUT SO und individuell auf meine Art. Individuell ist was mir gefällt und wem das nicht gefällt, der kann ja woanders hinschauen.

    90-60-90 werde ich nie haben, Für eine Bikinifigur braucht man einen Bikini und eine Figur – Check, hab ich 😉 und mein Darm reguliert sich wie der Markt ganz von selbst.

    Danke dafür – Mehr davon.

    Liebe Grüße,
    Nika

    1. Danke liebe Nika!

      Tolle Einstellung! Die Leute reden sowieso, also können wir gleich tun, was wir wollen …

      „… mein Darm reguliert sich wie der Markt ganz von selbst.“ Großartig 🙂

      Liebe Grüße
      Roland

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