Jahresrückblick: Die Weisheit der Rückschau

Der Sinn für einen Jahresrückblick liegt in der Analyse und der gewonnen Erkenntnis

Derzeit werden wir täglich mit mindestens einem Jahresrückblick konfrontiert. Es liegt wohl in der Natur von uns Menschen, mit einer Rückschau die Vergangenheit am Leben zu erhalten. Sinnvoll ist das nicht. Mit etwas Weisheit könnten wir allerdings die eine oder andere Erkenntnis gewinnen, würden wir Vergangenes einer objektiven Analyse unterziehen.


Rückschau Teil 1

Es begann im Mai 2007. Nach einem weiteren harten Arbeitstag kam ich spät abends nach Hause. Wie meistens, hatte ich keine Lust mir ein anständiges Essen zu kochen und warf eine Tiefkühlpizza ins Backrohr. Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer wurde mir schwarz vor Augen.

Etwa zwanzig Minuten später kam ich wieder zu mir. Ich lag auf dem Boden. Mein Kopf schmerzte, als hätte ihn jemand als Sandsack benutzt und wie wild darauf eingedroschen.

Die Dauer meiner Bewusstlosigkeit kann ich deshalb relativ exakt nennen, weil die Pizza essfertig war. Auf der Verpackung wurde die Backdauer mit zwanzig Minuten angegeben.

Der verstaubte Jahresrückblick

Diese und viele ähnliche Erinnerungen beschäftigen mich in den letzten Tagen. Die Welle der Beiträge, in denen ein Jahresrückblick nach dem anderen gezeigt wird, hat mich erfasst.

Mich beschäftigt allerdings nicht ausschließlich das demnächst abgelaufene Jahr, sondern verschiedenste Ereignisse der letzten Dekade.

Ein rumstöbern in der Vergangenheit finde ich derart sinnvoll, wie die Suche nach der chemischen Zusammensetzung des Hausstaubes hinter dem Heizkörper. Deshalb nehme ich diese Erinnerungsfetzen zum Anlass, mit dieser großteils beschissenen, aber leerreichen Zeit endgültig abzuschließen.

Rückschau Teil 2

Als mir am nächsten Tag eine Ärztin im Krankenhaus mitteilte, ich hätte einen, wohl durch Stress ausgelösten, Gehörsturz erlitten, war mir die Tragweite dieses Ereignisses in keinster Weise bewusst.

Klar, ich schonte mich eine Weile, tat aber im Grunde weiter wie bisher. Genau darin liegt das Problem mit dem Rückblick. Mit jedem Rückblick.

Ich wusste was passiert war. Spürte es auf die unangenehmste Weise am eigenen Körper, eine Expertin stellte die Diagnose und die Ursache fest. Und dann? Nichts und dann?, sondern na und?.

Katastrophen! Überall Katastrophen! Na und?

Chester Bennington, der Sänger der Band Linkin Park, erhängte sich im Juli in seinem Haus in Los Angeles. Er litt an Depressionen und Alkoholsucht. Weltweite Betroffenheit. Weitere Menschen werden ihm folgen. Na und?

Einen Monat zuvor starben bei einem katastrophalen Großbrand in einem Londoner Hochhaus siebzehn Menschen. Die Bilder erschütterten uns. Na und?

Im selben Monat verkündete US-Präsident Trump den Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen. Ungläubig zeigten wir mit dem Finger auf die USA und verfolgten wenig später, wie sich ein fünfzig Kilometer großer Eisberg in der Antarktis vom Schelfeis löste. Na und?

91% der Weltbevölkerung haben Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das sind 2,6 Milliarden Menschen mehr als im Jahr 1990. Na und?

Bei jedem Jahresrückblick werden wir mit derartigen Nachrichten konfrontiert. Wir sind kurz betroffen und verfallen anschließend in eine unterbewusste na und? Haltung.

Und das ist gut

Wir bewältigen die guten und schlechten Nachrichten mit einem achselzuckenden „Das Leben geht weiter“. Die Frage, die mich beschäftigt ist, warum zur Hölle machen wir das nicht mit vergangenen Ereignissen in unserem Leben?

Es ist nicht verwerflich, ein vergangenes Ereignis als das zu sehen was es ist: Vergangen! Es hat beinahe etwas masochistisches, die eigene Historie zu betrachten und darin herumzustochern.

Rückschau Teil 3

Im Jahr 2013, als meine Depressionen regelmäßiger, heftiger und länger anhaltend auftraten, sperrten mein damaliger Geschäftspartner, der nach wie vor ein guter Freund von mir ist, und ich, unsere gemeinsame Werbeagentur zu.

Ich konnte nicht mehr. Zu der Feststellung, dass ich jahrelang ein völlig falsches Leben lebte, kam nun das Scheitern meiner Selbstständigkeit hinzu.

Das damit verbundene schlechte Gewissen meinem Freund gegenüber, die Erkenntnis, dass ich zu schwach und zu blöd war, ein eigenes Unternehmen zu betreiben und die damalige Gewissheit, ein völliger Versager zu sein, quälten mich jahrelang.

Ich war völlig gefangen in meiner Schuld, in meinen Vorwürfen und der unfassbar schlechten Meinung, die ich von mir selbst hatte. Diese innere Blockade hinderte mich daran, die Fakten objektiv zu analysieren und meinen Blick nach vorne auszurichten.

Objektive Analyse? Nein Danke!

Bei der Recherche zu diesem Artikel stellte ich erstaunt fest, wie schwierig es ist, an gute Nachrichten zu kommen. Vielleicht bin ich naiv, aber gefühlsmäßig finden täglich weitaus mehr gute als schlechte Ereignisse statt.

Kommuniziert, diskutiert und in Erinnerung behalten werden allerdings vordergründig die negativen Geschichten. Daraus entstehen Sorgen und Blockaden, die uns die Gestaltung unserer Lebensweise eher passiv angehen lässt.

Obwohl die Vergangenheit vorwiegend negativ geprägt ist, sagen wir zum Beispiel „früher war alles besser“. Obwohl sich unser Lebensstandard kontinuierlich verbessert, machen wir uns Sorgen über die angeblich ungewisse Zukunft.

Zu einer objektiven Analyse des Weltgeschehens, aber vor allem in Bezug auf unser eigenes Leben, scheinen wir Menschen nicht besonders gut aufgestellt zu sein.

Mit der Weisheit der Rückschau

Zu Beginn dieses Jahres schien mein Leben neuerlich außer Kontrolle zu geraten. Die Anstrengungen der letzten Jahre, die sich hauptsächlich um die Aufarbeitung der Folgen meiner Depressionen drehten, brachten mich in einen Gefühlszustand der Hoffnungslosigkeit.

Die jahrelange intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit, nahm mir jeglichen Mut, neue Pläne für die Zukunft zu schmieden. Heute, wenige Monate später, ist mir völlig klar, in welche Falle ich trat.

Die größten Brocken hatte ich aus der Welt geschafft und der Rest war vernünftig organisiert, so dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch dieser aus meinem Leben verschwindet.

Diese neue Situation, also die Aussicht darauf, dass die Vergangenheit aufgearbeitet war, machte mir unterbewusst Angst. Konnte ich doch nun, zumindest theoretisch, den Blick nach vorne richten und verband damit, dass ich wieder in eine Phase komme, in der ich Fehler machen könnte und der ganze Scheiß von vorne beginnt.

Immer wieder dieser Bieber

In einem früheren Artikel schrieb ich: Über die Vergangenheit oder das viele Pech zu jammern, ist wie Fett absaugen zu lassen und weiterfressen.

Was ich damit meine ist, dass ausschließlich die Entscheidungen und Taten bedeutend sind, die ich aufgrund vergangener Ereignisse treffe und setze.

Eine Rückschau auf mein Leben mit der Erkenntnis, dass einiges schief gelaufen ist, aber nichts an meinem Verhalten, an meiner Denkweise zu ändern, ist so klug, wie sich ein ganzes Justin Bieber Album anzuhören, obwohl bereits nach der ersten Nummer klar ist, dass das zu nichts führt.

Das war der letzte Jahresrückblick meines Lebens

Diese Entscheidung traf ich, als ich mit mit diesem Text begann. Ab sofort werde ich das tun, womit ich die besten Erfahrungen machte:

Ereignisse unmittelbar bei deren Geschehen einer objektiven Analyse unterziehen. Die maßgebliche Erkenntnis daraus ziehen und den Blick sofort nach vorne ausrichten.

In der Rückschau hängen zu bleiben verursacht bleibende Blockaden, die mich daran hindern mein einziges Leben zu leben das ich habe.

Aus meinem persönlichen Verhalten, meiner eigenen Erkenntnis, schließe ich nicht darauf, dass sich gefälligst die gesamte Menschheit daran orientieren möge.

Aber wenn uns nicht einmal ein riesiger, im Meer treibender Eisberg dazu bringt, unser Verhalten schlagartig zu ändern, dann will ich mich nicht weiter damit auseinandersetzen, was in der Welt geschieht. Na und?

Meine Entscheidung beruht auf Weisheit

Niemals würde ich von mir behaupten, ein mit Weisheit gesegneter Mensch zu sein. Dass ich damals die fertige Pizza aufaß und erst nächsten Tag ins Krankenhaus ging, möge dafür als Beweis herhalten.

Allerdings kann ich aus der daraus gewonnenen Erkenntnis mitnehmen, mein Leben insofern neu ausgerichtet zu haben, dass ich mich auf bestimmt neuerlich auftretende Turbulenzen einstelle. Meine Lehren aus ihnen ziehen, sie möglichst rasch abhaken und meinen Weg dorthin ausrichten, wo ein Weg nun einmal hinzuführen hat: Nach vorne!

Die Erkenntnis für eine bessere Zukunft

Immer in Ruhe und Beschaulichkeit dahinvegetieren ist keine  gute Voraussetzung für ein Leben, das ich spüren möchte. Das wäre eine neuerliche Illusion, die regelmäßig durch unvorhersehbare Ereignisse zerstört werden würde.

Ein Jahresrückblick, bzw. eine jede Rückschau birgt die Gefahr, sich in längst vergangenen Ereignissen zu verbeissen. Diese Erkenntnis ist für mich das Highlight dieses Jahres. Hinschauen, analysieren, Erkenntnis gewinnen, abhaken, loslassen, nach vorne schauen.

Auch wenn ich vergangene Geschehnisse mit einem na und? abhake und dadurch als ignoranter Mistkerl bezeichnet werden könnte, bin ich davon überzeugt, dass ich mir damit die Möglichkeit schaffe, künftig ein besserer Mensch zu sein als in der Vergangenheit.

Für mich, für meine unmittelbare Umgebung, für die Welt. Was hinter mir liegt ist geschehen, was auf mich zukommt, werde ich gestalten.



Gert Scobel kennen manche aus der nach ihm benannten Fernsehsendung, die wöchentlich auf 3sat ausgestrahlt wird. Dieser hochintelligente Mensch hat eine ebenso intelligentes und unverzichtbares Buch geschrieben: Weisheit: Über das was uns fehlt *


Titel des nächsten Artikels:

Zu Weihnachten schenke ich euch ein Gedicht


Entscheidungen treffen. Wohlstand oder Wohlbefinden?

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3 Gedanken zu „Jahresrückblick: Die Weisheit der Rückschau&8220;

  1. Nun muss ich schmunzeln 🙂
    Auf Instagram schrieb ich dir vorhin, dass Rückblicke klasse sind und ich das schon seit 10 Jahren mache usw. Nun lese ich diesen Artikel in deinem Blog und das Fazit ist „Rückschau ist kacke“ 😉

    Wenn ich deinen Artikel hier lese, ja – dann fände ich Rückblicke auch kacke. Ich bin ja rundum optimistisch und auch in den doofsten Zeiten sehr lösungsorientiert. Probleme müssen betrachtet werden, denn in Ihnen liegt ja auch die Lösung.
    In all meinen Jahresrückblicken, hatte ich wohl eine andere Brille auf, als du.
    Ich habe immer nur auf die schönen Dinge geschaut. Was habe ich in diesem Jahr unternommen, erlebt, welche Menschen habe ich getroffen? Weniger schöne Dinge (oder vor 2 Jahren so richtig mega Kacke), habe ich wohlwollend betrachtet und auch verabschiedet.

    Meine Jahresrückblicke der letzten 10 Jahre, sind immer an Freunde gerichtet. Die bekommen meine Gedanken, meine Welt und mein Erleben in einem langen Brief und freuen sich schon jedes Jahr darauf, weil sie immer irgendwie ein Teil davon sind.
    Und jedes Jahr in der Adventszeit denke ich: „Och nee… dieses Jahr mache ich das nicht… was soll ich denn schon wieder schreiben. Ist eh immer als gleich… oder eben kacke!“
    Und jedes Mal mache ich es dann doch. Und es ist immer gut.
    Ich weiß noch nicht, ob ich es dieses Jahr wieder tu… 😉

    Schöne Grüße auf dich und:
    Ich freue mich schon auf unser Kennenlernen (ich melde mich im neuen Jahr wieder bei dir)

    Sandra

    1. Liebe Sandra,

      ich danke dir für deinen spannenden Kommentar!

      Entscheidend ist wohl, mit welcher Einstellung, welcher Erwartung oder welchem Gefühl ich auf die Vergangenheit blicke. Bei dir sind das schöne, wohlwollende Gedanken und Gefühle, mit denen du deinen Freunden eine Freude machst. Es ist ein Ritual, das gemeinsame Erinnerungen und Erlebnisse noch einmal an die Oberfläche holt. Das finde ich toll.

      Meiner Erfahrung nach ist das, was danach kommt der springende Punkt. Bleibe ich in diesen Gedanken hängen, suche ich darin mehr als sie objektiv betrachtet hergeben, oder schließe ich mit dem Ritual diese vergangenen Kapitel ab.

      Mein Blog ist letztlich auch nichts anderes, als die Aufarbeitung meiner Vergangenheit und Gedanken, die aufgrund meiner eigenen Geschichte im Jetzt auftauchen. Ich ignoriere sie nicht, schreibe sie auf, verarbeite sie damit und dann ist’s gut. Mein Blick ist dann nach vorne ausgerichtet. Mit all den Gedanken und Gefühlen, die nun in diesem neuen Raum entstehen können.

      Mein persönlicher Grundsatz ist: „Es ist gut so, wie es ist!“. Dieser simple Spruch ist deshalb so wichtig für mich, weil er die Vergangenheit als abgeschlossen betrachtet und die Gegenwart als einzige, maßgebliche „Instanz“ festschreibt und darüber hinaus eine entspannte und zuversichtliche Atmosphäre für das schafft, was nun auf mich zukommt …

      Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit dir im neuen Jahr!

      Liebe Grüße
      Roland

      1. Lieber Roland,

        „es ist gut so wie es ist!“ – schön zu lesen, denn das ist auch meine Haltung in vielerlei Hinsicht.
        Ich danke dir für den schriftlichen Austausch, der mich sehr zum Nachdenken gebracht hat und letztlich auch inspiriert hat. Ich habe heute einen Blogartikel geschrieben und darin meine Gedanken zu Weihnachten verfasst. Es sind genau die Gedanken, die mir in dem Moment in den Sinn gekommen sind. Kein geplanter Beitrag, der bestimmte Inhalte haben sollte. Und was passiert? Ich schreibe von deinem (diesen Artikel) und greife einen Satz von dir darin auf. Natürlich bist du darin verlinkt… und deshalb erreicht dich die Info zum neuen Artikel als Erster 😉

        Liebe Grüße & bis bald
        Sandra

        PS: https://sandralianebraun.de/gedanken-zu-weihnachten

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