Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Sterben ist nicht schlimm. Das Leben vor dem Tod mitunter schon.

Ein Gerücht, das seit einiger Zeit die Runde macht, beschäftigt mich jetzt gerade sehr. Immer wieder ist zu hören, dass wir alle eines Tages sterben werden und sich unsere Träume in Luft auflösen. Durch zahlreiche, gut dokumentierte Einzelfälle, hält sich das Gerücht um den angeblich unausweichlichen Tod hartnäckig. Aber, was kommt danach? Und noch wichtiger, was ist mit dem Leben vor dem Tod?

Objektiv betrachtet kann ich dem Gerücht kaum Glauben schenken. Das Verhalten von uns Menschen entspricht dem genauen Gegenteil. Als ob wir ewig leben würden oder in einer ungläubigen, aber hoffnungsvollen Erwartung wieder geboren werden um unser aktuelles Leben fortzusetzen.


Trigger-Warnung: Die folgende, frei erfundene Geschichte, handelt vom Sterben, vom Tod und vom Leben davor. Gleichnisse mit real stattgefunden Ereignissen oder realen Personen sind rein zufällig. Die Geschichte möchte eine positive Inspiration für dein jetziges Leben sein und verwendet dafür das Stilmittel des Rückblicks auf ein fiktives Leben vom Sterbebett aus betrachtet.

Wenn dich eine Auseinandersetzung mit dem Tod psychisch belastet, solltest du diese Geschichte nicht lesen. Kehre dann bitte auf die Startseite zurück, vielleicht findest du einen anderen Artikel auf meinem Blog, der dich interessiert.


Eines Tages werde ich darüber nachdenken …

Die Zeit steht still. Ist die Vergangenheit vorbei und die Zukunft da, ist das Jetzt alles was ich habe.

Ausgerechnet jetzt, wo das Morphium die Herrschaft über mich übernommen hat und die Schläuche in meinem Körper die Verbindung zur Außenwelt sind, ist das eine atemberaubende Erkenntnis.

Was habe ich getan? Diese Frage treibt mich um. Nicht, was habe ich getan, um in diesem Sterbebett darauf zu warten, was als Nächstes kommt. Das habe ich vor einigen Stunden mit meiner letzten Zigarette geklärt.

Was habe ich getan? In meinem Leben. Mit meinem Leben. Wie oft habe ich davon gehört, dass sich Menschen diese Frage an ihrem Sterbebett stellten? Und jetzt kommt es mir vor, als wäre ich der Erste der diese Brücke zu überqueren hat.

Mein Leben. Was soll das, ich habe kein Leben – mehr. Ich sterbe. Bald. Schlechter Zeitpunkt mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Kann nicht jemand das Licht ausmachen und gut ist’s?

Mein Puls schlägt noch. Sagt zumindest die Maschine neben mir. Nun gut, mein Leben, rekapitulieren wir.

welche Träume ich hatte …

Mann, was hatte ich Träume. Mal auf eine längere Reise gehen, ein Instrument lernen, einige Klassiker lesen *, am Montag blau machen, einen Löwen in freier Wildbahn erleben, mich selbstständig machen oder mit dem Rauchen aufhören.

Bekäme ich für jedes hätte, wäre, würde, könnte einen Euro für das Konjunktiv-Sparschwein, könnte ich mir alle diese Träume erfüllen. Passt insofern, als ich Zeit meines Lebens dem Geld nachlief und versuchte, mit irgendwelchem Zeug die Leere in meinem Leben zu füllen.

Da fällt mir ein, ich sollte eine Liste mit Dingen machen, für die ich sinnlos Geld ausgab und mir deshalb meine Träume nicht erfüllen konnte.

und was ich beenden hätte sollen …

Aber es war nicht alles schlecht. Als Kind hatte ich jede Menge Spaß, war viel draußen in der Natur, machte jeden Blödsinn mit und wurde selten erwischt. Ich war derart spontan, dass ich lächelte noch ehe ich zur Tat schritt.

Wie die Erwachsenen wollte ich nicht werden, also tat ich provokant das Gegenteil dessen, was mir die Alten als Vernunft verkauften. Warum hörte ich damit auf? Verdammt!

Was war ich stolz, als ich die Ausbildung schaffte. Okay, der Job war scheiße, aber ich machte die Erfahrung, dass ich schaffen konnte was ich wollte. Was war das noch, was ich wirklich wollte?

Ich hatte gute Freunde. Die Gespräche waren zwar meist oberflächlich, allerdings brauchte ich mich nicht näher mit dem auseinandersetzen, was mir nachts den Schlaf raubte und am Tag die Freude.

Um diesen einen guten Freund tut es mir leid. Weshalb wir uns stritten, weiß ich nicht mehr. Naja, ich blieb stur und ließ mir – was auch immer – nicht gefallen. Darauf bin ich … stolz?

weil es meinem Leben vor dem Tod im Weg stand …

Der Krankenpfleger dreht den Morphiumhahn auf und sofort spüre ich, wie das Leben in mir erwacht. Die Ärztin beschrieb mir den Ablauf meiner letzten Stunden und versicherte, dass sie mir diese angenehm gestalten werde.

Fremdbestimmt zu sein hat endlich was Gutes. Meistens versuchte ich den Erwartungen zu entsprechen, die Andere von mir hatten und konnte sie doch nie zur Gänze erfüllen.

Hätte ich gleich tun können was ich wollte, schlimmer wäre es nicht geworden. So, das sind noch zwei Euro für das Konjunktiv-Sparschwein.

Was würde – es ist zum verrückt werden – ich nicht alles geben, könnte ich zu jener Phase meines Lebens zurückkehren, an der das Band noch nicht gerissen war.

Damals, als ich spürte, dass mein Alltag dahinplätschert wie ein kleiner Bach der manchmal zum reißenden Fluß wurde. Immer das Gleiche, aber viel davon. Stress, Hektik, getrieben von mir selbst, ohne zu wissen wohin das führt.

Ich suchte nach Sicherheit, Stabilität und hoffte darauf, dass sich schon was ergeben wird, das mir eine glorreiche Zukunft bescheren würde.

Diese Zukunft fand ich nie. Diese verdammte Zukunft war niemals dort, wo ich gerade stand. Sie ist wie ein nie abgegebener Lottoschein. Nie, niemals.

weshalb ich kein Leben, sondern einen Lebenslauf lebte …

War klar, dass der Moment kommt, an dem ich weniger Zukunft als Vergangenheit haben werde. Aber solange das Gestern noch nicht aufgearbeitet war und es noch ein Morgen gab, brauchte ich mich um das Jetzt nicht kümmern. Jetzt ist dieses Morgen. Mein Letztes.

Das Gute ist, dass ich jetzt eine perfekte Ausrede habe. In diesem Zustand wird mir niemand Vorwürfe machen, was ich nicht alles tat oder nicht tat. Niemand wird mich nach meinen Träumen fragen oder mir Vorhaltungen machen, wie mutlos ich war und wie verschwenderisch ich mit meiner Zeit umging.

Jetzt bin ich derjenige der entscheidet was ich denke und was ich daraus machen werde. Ich selbst werde mir die Sinnfrage stellen und die Sinnlosigkeit meines Lebens bewerten.

Ein Leben lang machte ich mir Sorgen, gab der Angst mehr Energie als der Zuversicht. Hatte Träume, ohne ihnen eine Chance zu geben und griff nicht ein als es darum ging, das größte aller Wunder anzunehmen und es aktiv zu gestalten: Mein Leben.

Diese Ironie quält mich. Erst jetzt ist mir klar, wie sinnlos diese Sorgen und Ängste sind. Das Unausweichliche kommt sowieso. Meine Träume haben keine Chance mehr und an meinem letzten Tag habe ich zum ersten Mal tatsächlich keine Möglichkeit, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

obwohl ich wusste, dass ich eines Tages sterben werde …

Warum liege ich hier eigentlich alleine? Warum ist niemand da der mir sagt, dass ich ein guter Mensch war? Der mir versichert, dass ich ein erfülltes Leben vor dem Tod führte und der an meinem Geburtstag eine Kerze für mich anzünden wird.

Wo ist dieser eine Mensch, mit dem ich meinen allerletzten Gedanken teilen möchte? Der die Energie spürt, die ich für ein letztes Lächeln oder dem unterdrücken einer Träne aufwenden werde.

Ich möchte mit jemandem lachen und weinen, die wildesten Gedanken denken, Pläne schmieden und sofort einen Schritt zur Umsetzung setzen.

Eine Liste mit all dem Scheiß machen der mich belastet und daran hindert, meinem Traum Leben einzuhauchen. Mich auf den Weg machen und mit jedem Schritt der Erfüllung dieses Traumes ein Stück näher kommen. Und nicht meinem Tod.

und erkennen, dass es jetzt zu spät ist

Ich weiß jetzt * was ich zu tun habe, um mein einziges Leben das ich haben werde so zu gestalten, dass ich eines Tages mit einem breiten Grinsen darauf zurückblicken werde.

Schon der Gedanke daran gibt mir die Kraft und die Zuversicht, dass ich nicht scheitern kann. Und wenn doch? Na und, was soll schon passieren? Im schlimmsten Fall bin ich um eine Erfahrung reicher. Im besten Fall um einen erfüllten Traum ärmer.

Ich werde all meinen Lieben sagen, wie sehr ich sie liebe. Hinausgehen und allen mitteilen, dass ich mein Leben ab sofort in die Hand nehmen und meiner Intuition folgen werde.

Meine Vergangenheit vergessen, die Zukunft auf mich zukommen lassen und mit allem was ich habe und was ich bin mein Jetzt genießen. Endlich kapiere ich, dass ich nur dieses eine Leben haben werde. Ich werde es mit Leben füllen und __|___|____|_____|_______________________

 

Bronnie Ware sprach mit zahlreichen Menschen über ihr Leben vor dem Tod. Die Erkenntnisse, die sie dabei für sich gewann, beschreibt sie in diesem wunderbaren Buch: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden


Titel des nächsten Artikels:

Entscheidungen treffen. Wohlstand oder Wohlbefinden?


Sich Sorgen machen: Die imaginäre Wirklichkeit

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2 Gedanken zu “Gibt es ein Leben vor dem Tod?

  1. Roland, ich bin erst jetzt dazu gekommen deinen Artikel zu lesen, aber ich habe ihn nur so aufgesogen. Deine Art zu schreiben ist so lebendig und außergewöhnlich. Solltest du jemals ein Buch schreiben, ich verspreche dir hiermit öffentlich es zu lesen. Vielleicht denkst du ja bereits drüber nach 😉

    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar!

      Das Thema „Buch“ wird tatsächlich immer konkreter, hab aber etwas Panik davor. Ich meine, einen Blog-Artikel zu schreiben, das ist Rock ´n´ Roll, aber ein Buch … davor hab ich schon mächtig Respekt.

      Mal sehen. Freut mich aber, dass ich bereits meine erste Leserin habe 🙂

      Liebe Grüße
      Roland

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