Depressionen sind wie eine Freakshow

Ich stecke in einer verdammten Freakshow

ICH BIN DER FREAK MEINER EIGENEN FREAKSHOW

Es ist Mitte Oktober. Vor vier Tagen bin ich 30 geworden. Vorher hatte ich mich eine ganze Weile auf meinen Geburtstag gefreut. Aber eigentlich ist es völlig egal. Mittlerweile.

Vor einem Jahr hatte ich noch richtig Bock auf die runde Party. Und in meinem Kopf hatte ich quasi auch schon alles perfekt organisiert. Viel Bier, gutes Essen. Super Idee!

Und dann begannen die letzten viereinhalb Monate

Vielleicht stellst du dir die Frage: Was kann schon in dieser kurzen Zeit passieren? Die Antwort ist: Es kann einfach alles passieren!

Geballt und brutal, unerbittlich und gewaltig. Über mir brach in dieser kurzen Zeit meine gesamte Welt zusammen. Psychischer Hardcore, physischer Abriss. Oder auch psychischer Abriss, physischer Hardcore. Scheißegal!

Das ist nicht wichtig, wenn man mit dem Gesicht am Boden liegt und jede kleine Fuge im Asphalt sieht, die kleinen Steinchen zählen kann, sich die Hände beim Versuch aufzustehen aufscheuert.

Vor der Chance kommt der Fall

Und dabei ist es unendlich schwer, sich einzugestehen: Der Freak hier bin tatsächlich ich. Ich selber bin kaputt, zerstört, am Boden, aufgewühlt, angreifbar, emotional instabil und einfach total am Ende. Oft kam mir in den Sinn, dass ich einfach nicht ganz dicht bin. Alles in scheiß viereinhalb Monaten.

Dabei fing alles perfekt an. Ein absolutes Hochgefühl. Der Sturm auf den Gipfel. Nichts war falsch. Etwas, das ich noch nie erlebt hatte. Eine neue Liebe. Was könnte schöner sein? Nur folgte direkt darauf der tiefe Sturz in ein schwarzes Loch ohne Boden, ohne Licht, ohne Ausweg!

Viereinhalb Monate lang.

Leichte Depression, hieß es

Das ist über acht Jahre her. Meine Therapeutin sagte mir in einem der ersten Gespräche: „Sie haben eine leichte Depression.“ Im ersten Moment fühlte ich mich, als hätte ich gerade einen harten Schlag ins Gesicht bekommen. Depression. Davon hatte ich schon mal was gehört. Aber haben sowas nicht nur Verrückte? Wie ist es überhaupt möglich, dass ich davon betroffen bin? Es läuft doch alles bestens. Bin ich wirklich so kaputt?

Im zweiten Moment, als es ein wenig gesackt war, dachte ich: „Wenn das eine leichte Depression ist, dann will ich nicht wissen, wie sich eine schwere anfühlt!“

Und heute, nach über acht Jahren, im 768. Moment, denke ich, dass ich dankbar für die Chance bin, die ich damals bekam. Ich bin dankbar dafür, dass mir die Möglichkeit gegeben wurde, an und mit mir zu arbeiten. Dafür, dass ich so viel über mich erfahren habe und dafür, dass ich viele Dinge nun mit anderen Augen sehen kann. Aber von vorne: Wie habe ich mich damals überhaupt gefühlt?

Ich wollte die Welt aussperren

Eigentlich war alles perfekt.

Ich hatte einen schönen Job in einer kleinen PR-Agentur in Düsseldorf. Tolles Team, gute Aufträge, nette Kunden und nach dem Studium war es gar nicht leicht gewesen, überhaupt einen Job zu finden. Also war alles rundum gut. Komischerweise kam ich aber schon zu dieser Zeit schlecht mit den Überstunden zurecht.

Es störte mich, dass ich nie einschätzen konnte, wann denn nun Feierabend war. Ich konnte mich also nicht darauf einstellen, wann ich beim Sport oder mit Freunden unterwegs sein konnte. Dieses Gefühl passte mir nicht. Es hebelte mich irgendwie aus und das wiederum demotivierte mich und ich zeigte weniger Einsatz als ich hätte zeigen können.

Es schien also nur perfekt.

Dann kamen die Gespräche mit Mitarbeitern und Vorgesetzten, wie man denn das „Motivationsproblem“ in den Griff bekommen könnte. Das nervte mich natürlich, was wiederum noch demotivierender war. Irgendwann ging ich dann einfach pünktlich. Die Projekte waren nicht mehr wichtig. Ich wollte immer nur so schnell wie möglich raus. Die Zeit nach der Mittagspause zog sich jeden Tag wie Kaugummi.

Es war nicht perfekt. 

Ganz und gar nicht. Das lag aber nicht am Job, den Projekten oder am Team. Aber das konnte ich erst viel später verstehen und mir auch erst viel später eingestehen. Es lag an mir. Ich konnte mich irgendwann nur noch um mich selber kümmern und aufgrund riesiger Scheuklappen nichts anderes – Freunde, deren Probleme, die Arbeit, mein Team – wahrnehmen.

Ich wollte die Welt aussperren und mich verkriechen. Alles, was draußen war, schien gefährlich und feindlich. Ich hatte Angst, wusste aber nicht, wovor.

Die Depression ist wie ein Gladiator im alten Rom

Sie greift von hinten an, du bekommst das Messer immer in den Rücken!

Das war das Schwerste: den Grund der Angst zu finden. Und als ich wusste, dass es eine leichte Depression war, konnte ich es mir zuerst nicht eingestehen. Schließlich kann mir sowas doch nicht passieren. Wo soll es auch herkommen? Irgendwann kam ich um diese Erkenntnis aber nicht mehr rum. Und irgendwann fand ich es sogar irgendwie gut.

Im Ernst: Ich bin froh, dass ich damals in dieses Loch gefallen bin. Warum? Weil ich seitdem unglaublich viel über mich erfahren habe. Weil ich mich selber besser verstehe, ich mich selber anders wahrnehme und weil ich anders zu mir stehe. Ich war dankbar für die Chance, genau wie andere, die ich in Gruppengesprächen kennengelernt habe.

Und genau wie bei mir hatte sich auch bei ihnen die Krankheit langsam von hinten kommend ausgebreitet. Der Abgrund, in den sie gestürzt waren, war teilweise noch viel tiefer als meiner.

Es gibt also Hilfe

Von den anderen „Psychos“ (das darf man sagen, wenn man mit im Boot sitzt) habe ich eine Menge gelernt. Jede Geschichte hat auch ein bisschen mit der eigenen zu tun und überall holt man für sich etwas raus: Wie gehen andere mit der Krankheit um, welche Frühwarnsysteme vor der nächsten depressiven Phase haben sie, wie überwinden sie den nächsten Schwung und halten ihn möglichst klein?

In den Gesprächen, in der gemeinsamen Arbeit, wächst man so zusammen, wie man es aus Casting-Shows kennt. Gerade noch fremd, liegt man sich im nächsten Moment in den Armen, weil man weiß, dass die anderen einen verstehen. Und das kann leider niemand, der die Depression nicht kennt.

Wie oft haben Freunde zu mir gesagt: „Lass dich doch nicht so hängen. Morgen ist alles wieder besser. Du bist doch eigentlich ein fröhlicher Mensch.“ Sowas macht es höchstens noch schlimmer, weil man sich nicht nur allein, sondern auch noch unverstanden fühlt. Eine Depression funktioniert anders.

Wie ist eine Depression denn überhaupt?

Stell dir vor, jemand stirbt: Vater, Mutter, Großeltern oder ein enger Freund. Wenn du jetzt daran denkst, weißt du sofort, wie sich diese Traurigkeit anfühlt, wie niedergeschlagen du sein wirst, wie wenig du verstehen wirst, was da gerade passiert ist.

Dennoch weißt du auch, dass diese Traurigkeit irgendwann weniger wird und eines Tages erinnerst du dich nur noch an die schönen Tage mit diesem Menschen, der in deiner Erinnerung weiterlebt.

In einer Depression bist du auch so unendlich traurig. Du bist aber sicher, dass diese Traurigkeit niemals aufhören und dass das Gefühl nie wieder besser wird. So hat es sich für mich angefühlt und viele Betroffene haben mir das bestätigt.

Was muss man also tun?

Man muss sich eingestehen, dass man gerade nicht in Ordnung ist und nicht funktioniert. Man muss die Depression akzeptieren, sich mit ihr auseinandersetzen und darüber sprechen. Als ich das geschafft und die Scham überwunden hatte, ging es bei mir immer weiter bergauf.

Ich habe mittlerweile viele Gespräche geführt und viele Menschen kennengelernt, die an Depression oder Burnout leiden. Und ich habe unglaublich viel von ihnen gelernt, das mir hilft.

Mittlerweile geht es mir seit über fünf Jahren gut. Gruppen- und Einzelgespräche, systemische Aufstellungen und Freunde haben mir dabei geholfen. Andere Freunde habe ich verloren, weil sie nicht damit umgehen konnten, dass ich mich verändert hatte. Aber auch das ist in Ordnung. Denn das Wichtigste ist, dass du ehrlich zu dir selber bist.

Der Autor stellt sich vor

Ich heiße Daniel, bin 38 und lebe in Düsseldorf. Als freier Kommunikationsberater und Reiseblogger kann ich meinen Laptop da aufklappen, wo ich möchte. Ich bin also viel unterwegs und ich liebe diese Freiheit - beruflich und in meiner Freizeit.

Kontakt zu

Tobi Katze schreibt über seine eigene Freakshow und das mit einer Menge Humor und Tiefgang. Mal was Anderes, als immer die herkömmlichen Ratgeber ...

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Diagnose: Depression. Behandlung: mit Humor.

Selbstironisch und sehr ehrlich erzählt Tobi Katze von seinem Leben mit der Depression. Nach der Diagnose seines Therapeuten ist er beinahe erleichtert. Endlich hat er einen Namen für das Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist: «Ich bin das einzige iPhone 5 in einer Welt voller Android-Telefone. Was allen hilft, passt nicht in meine Anschlüsse.»

Die meiste Zeit schließt er sich in seiner Wohnung ein und spricht lieber mit der schmutzigen Wäsche als mit seinen Freunden. Abends übertönt er die Stille in ihm mit Partys, füllt die Leere, wo Gefühle sein sollten, mit Bier und pflanzt sich ein Dauergrinsen ins Gesicht, um ja nicht den Anschein zu erwecken, etwas wäre nicht in Ordnung.

Das alles ist furchtbar. Und dann auch wieder furchtbar komisch. Aber spricht man so über Depression?  Ja, genau so!


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