Midlife Crisis. Krise zur Ordnung und zum Neubeginn

Es liegt in der Natur einer Krise, Ordnung zu schaffen und für einen Neubeginn zu sorgen

Stell’ dir vor es ist Krise und keiner geht hin. Niemand sorgt für Ordnung oder einen Neubeginn unter richtigen Rahmenbedingungen. Genau das passiert meist bei einer Midlife Crisis. Sie wird ignoriert und ausgesessen. Dabei ist der Zeitpunkt der Lebensmitte ideal um richtig durchzustarten.


Ich hab’s für mich getan

In der vielfach ausgezeichneten Fernsehserie „Breaking Bad“, mit dem fantastischen Bryan Cranston als Walter White in der Hauptrolle, erlebt dieser die Zäsur seines Lebens. Nachdem er die Diagnose Lungenkrebs erhält, beginnt er mit der Produktion erstklassiger Drogen. Damit möchte Mr. White die teure Krebsbehandlung finanzieren und eine Rücklage für seine Familie bilden, falls er trotz Behandlung nicht überlebt.

Wir sehen über zweiundsechzig Episoden diesen verzweifelten Mann, der durch fragwürdige Entscheidungen immer tiefer in seiner persönlichen Krise versinkt.

In der letzten Folge, kurz bevor er stirbt, sagt er in Bezug auf seine Karriere als Drogenbaron zu seiner Frau: „Ich habs für mich getan. Mir hat’s gefallen. Ich war darin sehr gut und ich habe dabei wirklich gelebt.“

Was für eine Aussage! Mit dem nahenden Tod vor Augen erfahren wir von Walter White, was ihn tatsächlich antrieb.

Schuldgefühle und Unzufriedenheit sind keine Krankheit

Irgendwann kommt jeder an diesen Punkt, an dem er mit seinem bisherigen Lebenslauf abrechnet. Üblicherweise wird darüber hinweggesehen, werden die Ergebnisse ignoriert, weil man sich diese Tragödie nicht auch noch bewusst reinziehen möchte.

Oder die Psyche reagiert, ob du willst oder nicht. Dann fühlt sich das Scheiße an. Die Midlife Crisis ist so eine Reaktion der Psyche.

Medizinisch betrachtet existiert sie nicht, sie gilt nicht einmal als Symptom. Nach einer intensiven Recherche zu diesem Artikel, fällt die Midlife Crisis am ehesten noch unter Verhaltensauffälligkeit.

Sie tritt wesentlich häufiger bei Männern als bei Frauen auf. Das wird darauf zurückgeführt, dass Männer kaum über ihre Gefühle sprechen. Schließlich kommt der ganze seelische Müll, der sich über Jahrzehnte ansammelte, meistens in der Lebensmitte, also in den Vierzigern auf einmal daher und zieht einem den Boden unter den Füßen weg.

Midlife Crisis ist nur ein anderes Wort für Burnout

Mein Arzt „diagnostizierte“ damals, als ich ihn erstmals wegen meiner psychischen Beschwerden konsultierte, eine Midlife Crisis. Da sie mit Begriffen wie Unzufriedenheit, Schuldgefühle, Pessimismus, Selbstzweifel und Stimmungsschwankungen in Verbindung gebracht wird, war sein Ansatz durchaus plausibel.

Diese Krise in der Lebensmitte gilt als Sinnkrise. Also medizinisch betrachtet nicht schlimm und nicht weiter beachtenswert. Eine Therapie gibt es nicht, sie unterliegt der Annahme, dass sich nach einigen Jahren alles einspielt und der Verhaltensauffällige wieder normal wird.

Wie bei einem Burnout, ist auch bei der Midlife Crisis der Wunsch und die Hoffnung der Menschen im eigenen Umfeld ausschlaggebend für die Einordnung dessen, was demjenigen fehlt, der auf einmal seine alte Lederjacke aus dem Keller kramt und jedem Hinterteil hinterhergafft, das in eine viel zu enge Jeans gequetscht wurde.

Die Veränderung desjenigen, der mit der Anschaffung eines Tattoos oder eines Porsches droht, werden von Freunden und Familienmitgliedern als Gefahr für deren eigene Normalität betrachtet.

Diese Normalität gilt es um jeden Preis zu verteidigen. Das Gewohnte in Frage stellen, von einer anderen Zukunft träumen oder sich gar mit Veränderungen auseinandersetzen – nein, damit wollen wir nicht belastet werden.

Selbstzweifel machen aggressiv

Also halten wir Männer die Klappe. Wir reden nicht, weil wir anderen nicht auf die Nerven gehen wollen. Weil wir seit Anbeginn der Menschheit stark sein mussten. Und wegen des verdammten George Clooney.

Clooney, dieser ach so smarte Mistkerl, ist der Inbegriff von Männlichkeit. Ihm würden es Frauen sogar verzeihen, ließe er sich von einer Ziege die Eier lecken.

Wir Männer sind mittlerweile derart angepasst, dass wir selbst dann noch die Klappe halten, wenn sich bereits Schimmel an den Unmengen unterdrückter Tränen bildet. Und platzt uns doch mal der Kragen, wehren wir uns mit einem aggressiven Gehabe, das an ein Kind auf ADHS erinnert.

Das Verhalten eines Pubertierenden

Die teils zutreffenden Klischees, die das Verhalten eines in der Krise seiner Lebensmitte befindlichen Typen beschreiben, sind dermaßen lächerlich, dass bei jedem erwachsenen Mann bei den geringsten Anzeichen die Alarmglocken schrillen müssten.

Jogging High wie in den Achtzigern, dazu ein fragwürdiges Hemd, wie es Dieter Bohlen seit Jahren als eine Art Tumor trägt. Eine Harley oder ein Porsches als Zeichen der Potenz und dazu eine fragwürdig junge Blondine, mit der Mann „es“ auf sensationelle siebeneinhalb Minuten bringt, anstatt der gewohnten Dreiminutenvierzig mit seiner ehelich Angetrauten.

Was soll das? Oder besser gefragt: Wohin soll dich dieser groteske „Neubeginn“ bringen, zu echtem Lebensglück?

Vor dem Neubeginn kommt die Ordnung

Fühlt sich das Leben wie ein Klumpen Kaugummi an, der seinen ursprünglich frischen und fruchtigen Geschmack längst verloren hat, besteht definitiv Handlungsbedarf. Aber muss es gleich ein schnittiges, heißes Gerät sein? Oder ein Porsche?

Mein Burnout lehrte mich zwei Punkte: Zum einen, dass ich in meinem Leben mal falsch abbog. Einen Weg einschlug, der Bequemlichkeit vermittelte und gleichzeitig gesellschaftlich anerkannt war und den Erwartungen, die Menschen in meinem Umfeld an mich stellten, entsprach.

Andererseits lernte ich auf schmerzhafte Weise, dass ich mein Glück, meinen Weg, meinen Sinn des Lebens oder wie immer du es nennen magst, nicht im Außen finden werde. Also nicht in irgendwelchem Zeug, Geld oder Status.

Ich musste zuerst für Ordnung in meinem Inneren sorgen, ehe ich an einen Neubeginn denken konnte. Oder anders formuliert: Um mich selbst zu finden, musste ich mich ist einmal verlieren.

Die Lebensmitte als Anfang vom Ende

In Zusammenhang mit Midlife Crisis wird oftmals davon gesprochen, dass sich der Betroffene seiner Sterblichkeit bewusst wird. Die Krise bricht aus, wenn statistisch nur noch einige wenige Jahrzehnte vor einem liegen.

In der Hoffnung, die Lebensmitte als Startereignis nutzen zu können, legt der Leidtragende mit jugendlichem Esprit einen Neubeginn hin, der ihm die Jugend noch einmal zurückbringen soll.

Jetzt bin ich ungern der Überbringer schlechter Nachrichten, aber der Zug ist abgefahren. Da kannst du so viele Seitensprünge zu deinen sonstigen falschen Entscheidungen hinzufügen wie du aushältst.

Oder eine Harley und einen Porsche zu Schrott fahren, bis du erkennst, dass dich auch das nicht vor dem Sterben retten wird. Eher beschleunigst du damit dein Ableben.

Allerdings sollte die Angst vor dem Tod nicht das vordergründige Thema sein. Nie gelebt zu haben, das sollte dich hingegen in Angst und Schrecken versetzen.

Ordnung ist das halbe Leben

Sag’ „Hallo“ zu deiner Midlife Crisis, „schön, dass du dich endlich blicken lässt“. Stell’ dir vor, du würdest die existenziellen Hinweise in Bezug auf die Versäumnisse deines bisherigen Lebens erst erhalten, wenn dich statt der knackigen Blondine bereits ein ranziger Fäulnisgeruch umgibt.

Jetzt hast du die Chance, dein Leben in Ordnung zu bringen und eine perfekte Ausrede obendrauf: „Hey Leute, habt bitte Verständnis für meine Stimmungsschwankungen und mein eigenartiges Verhalten, aber ich hab mir eine Midlife Crisis eingefangen, ich arme Sau“.

Ein Neubeginn aufgrund dieser Krise heißt nicht, alles über den Haufen zu werfen, deine Frau zurück auf den unlustigen Singlemarkt zu schicken und ins Kloster zu gehen.

Sprich über deine Krise oder sei weiterhin feige

Mach’s dir nicht so schwer und sprich darüber was dich beschäftigt, was dich fertig macht. Ach ja, reden ist nicht dein Ding. Okay, dann leide weiter, kauf einen Porsche. In ein paar Jahren ist alles wieder gut und du lebst weiterhin dein gewohnt normales Leben.

Nein, jetzt mal ohne Scheiß: Über seine Gedanken und Gefühle zu sprechen ist Teil des erwachsen seins. Wenn sich dein Gegenüber das nicht anhören möchte, hast du bereits eine Erkenntnis gewonnen: Dein Gegenüber ist ein Arschloch und ein Stein auf dem Weg zu deinem wahren Selbst, den es schnellstens beiseite zu schieben gilt.

Ich lese täglich etwas über Menschen, die mit fiesen Lebensphasen oder psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Glaub mir, bei jedem (!) führte die Besserung über viele Gespräche.   

Wir sollten alle Verhaltensauffällig werden

Die Midlife Crisis ist meiner Meinung nach, wie Burnout, eine Art Warnschuss, ein Weckruf. Deine Seele, deine innere Stimme oder was auch immer dir ständig die Rückmeldung gibt, wie du dich gerade fühlst, macht dich darauf aufmerksam, dass du von deinem Weg abgekommen bist.

Okay, nichts passiert. Nun, in deiner Lebensmitte, ist es aber an der Zeit, dieser Stimme zu folgen und auf eine positive Art verhaltensauffällig zu werden. Nämlich, in dem du dieses nagende Gefühl an die Oberfläche holst, es zulässt und herausfindest, was dahinter steckt.

Du brauchst nicht sofort eine Lösung. Hab Geduld, die Lösung findet von alleine ihren Weg. Gib ihr eine Bühne um sich zu entfalten. Das erreichst du, in dem du dich öffnest, über deine Gedanken und Gefühle sprichst, oder sie zumindest brutal ehrlich aufschreibst.

Mach das einige Zeit. Du wirst überrascht sein, welche Möglichkeiten sich auf einmal ergeben und darüber, was alles in dir steckt. Finde, was dir wirklich Freude bereitet und geh es an.

Wäre doch gewaltig, wenn du eines Tages mit vollster Überzeugung, und ohne irgendwelchen Blödsinn angestellt zu haben (Drogen produzieren wie Walter White, teuren Porsche kaufen oder einen Seitensprung durchzuziehen), auf dein Leben zurückblickst und sagst:   

„Ich habs für mich getan. Mir hat’s gefallen. Ich war darin sehr gut und ich habe dabei wirklich gelebt.“


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Titel des nächsten Artikels am Sonntag, 21. Jänner 2018:

Gastartikel von Matthias: Als Papa erwachsen wurde


Burnout ist keine Schwäche. Ist das klar?

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