Mein Scheitern: Roland Tischberger

Mein Scheitern: Ich habe panische Angst

EIN INTIMER EINBLICK IN MEIN SCHEITERN UND SEINE FOLGEN

Einen persönlicheren Artikel als den Folgenden schrieb ich nie zuvor. Er gibt einen Einblick in die Zeit nach meinem Scheitern, nach meinem Burnout und den Depressionen. Noch mehr beschreibt er im zweiten Teil meine aktuelle, von panischer Angst begleitete Situation.

Dieser Artikel ist der Versuch einer Auseinandersetzung meiner gewonnenen Erkenntnisse aus meiner Krankheit und meinem jetzigen und künftigen Leben. 

Scheitern, oder ich bleibe ein Leben lang gefangen

Am 12. Juni 1964 geschah das Unfassbare. Nelson Mandela wurde nach achtmonatiger Gerichtsverhandlung zu lebenslanger Haft wegen Sabotage und Planung eines bewaffneten Kampfes verurteilt. Er scheiterte nicht nur mit seinem Widerstand und Kampf gegen die Apartheid, er scheiterte auch als Mensch. Seine Vision eines neuen Südafrikas, nach der niemand ausgebeutet, unterdrückt oder enteignet wird, war seine Lebensaufgabe die sich an diesem Tag in Luft auflöste.

Am 9. Mai 1994 geschah erneut das Unfassbare. Nelson Mandela wurde zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt.

Auf sein Leben zurückblickend formulierte er einen erstaunlichen Satz:

„Als ich aus der Zelle durch die Tür in Richtung Freiheit ging, wusste ich, dass ich meine Verbitterung und meinen Hass zurücklassen musste, oder ich würde mein Leben lang gefangen bleiben.“

Scheitern ist also etwas Gutes?

Ich glaube nicht, dass Nelson Mandela gerne 27 Jahre im Gefängnis saß. Ebensowenig gewinne ich Hitlers Scheitern etwas Positives ab.

Manche stellen es dar, als wäre Scheitern der heilige Gral eines glücklichen Lebens.

Scheitern ist weder gut noch schlecht. Es gehört zum Leben wie tagelanger Regen. Gut für die Natur, schlecht für uns Menschen, weil wir nicht besonders viel unternehmen können. Was wiederum etwas Positives hat. Wir kommen zur Ruhe und profitieren von einer intakten Natur.

Scheitern ist ein Reinigungsprozess. Eine Fehlentwicklung wird mehr oder weniger brutal gestoppt. Was wäre die Menschheit, hätten bestimmte Prozesse kein jähes Ende erfahren?

Die beiden Weltkriege, Sklaverei, FCKW in Kühlschränken, neonfarbige Jogginganzüge aus den Achtzigern, die Karriere von Justin Bieber. Okay, Letzteres läuft noch, aber auch dieses Scheitern ist lediglich eine Frage der Zeit.

Scheitern ist Teil menschlicher Entwicklung

Der 2. Weltkrieg führte zur Europäischen Union und diese brachte die längste Friedensphase in Europa. Naturkatastrophen schufen ein verstärktes Bewusstsein für Umweltschutz. Ein Kind lernt laufen, indem es auf den Popo fällt und immer wieder aufsteht.

Natürlich wäre es besser, wären uns Katastrophen erspart geblieben. Allerdings: Es gibt kein Leben ohne Niederlagen. Scheitern ist Beendigung, Erneuerung, Anpassung. Scheitern ist Evolution!

Soweit die plausible Theorie. In der Praxis - in meiner Praxis - stellt sich Scheitern folgendermaßen dar:

Selbstmord ist uncool

Als ich damals meine Firma schließen sowie die geile Wohnung aufgeben musste und meine Beziehung endgültig beendet war, fühlte ich mich wie Scheiße in die jemand getreten ist.

Zu dieser Zeit war ich bereits krank und meine Depressionen droschen auf mich ein, wie ein um zwei Köpfe größerer Boxer mit Schaum vor dem Mund.

Finanziell war ich ruiniert, körperlich fit wie ein Zombie aus The Walking Dead, meine Lebensfreude glich einem tragischen Stummfilm aus den Zwanzigern und die Gedanken an Selbstmord wurden konkreter.

Nein, scheitern ist nicht cool.

In diesem Interview, das Mei Wengel Goyburu (http://www.wandel.schule/) mit mir führte, erfährst du die ganze Geschichte über mein Scheitern

Persönliche Evolution führt über Schmerzen

Scheitern fühlt sich deshalb wie ein Stich mit einem rostigen Nagel ins offene Auge an, weil wir den Dingen eine zu große, nein, weil wir ihnen überhaupt eine Bedeutung geben.

Der Schmerz bei Geldverlust kommt, weil ich Geld mit der Macht verknüpfte, mir damit ein schönes Leben zu machen. Scheitert die langjährige Beziehung, rühren die Qualen davon, dass ich mein Lebensglück in die Hände des Partners legte.

Erleide ich eine berufliche Schlappe, empfinde ich die Niederlage als eine Niederlage, weil ich meinen Selbstwert an die Karriere knüpfte. Egal worin ich scheitere, mein Stolz, mein Ansehen, meine Status bröckelt, weil ich dachte es sei wichtig, was Andere von mir denken.

Scheitern aus purer Ignoranz

Es ist immer das Gleiche mit uns Zweibeinern: Zuerst schrauben wir unsere Erwartungen in luftige Höhen, genießen das bisschen Ruhm und investieren immer mehr Energie, damit der Rausch möglichst lange und intensiv anhält.

Und dann fallen wir. Der Aufschlag kommt erstaunlicherweise immer überraschend. Schau mal genauer auf jene Situationen deines Lebens, in denen du gescheitert bist.

Du wirst feststellen, dass es vorher genügend Anzeichen gab, über die du hinweggegangen bist. Vor allem gab dir dein Gefühl ständig Hinweise auf das bevorstehende Scheitern. Aber bitte, was sind schon Gefühle …

Nachdem sich die Haltung, nach welcher alles und jeder Andere an unserem Scheitern verantwortlich ist, nicht länger ausgeht, fühlen wir uns als Versager und schämen uns in Grund und Boden. Gefühle, auf einmal nehmen wir sie ernst …

Wir sind Opfer der eigenen Errungenschaften

Ich bitte um Handzeichen: Wer muss heute damit rechnen unter einer Brücke aufzuwachen, wenn er - womit auch immer - scheitert? Wer muss um sein Leben fürchten, sollten morgen die bisherigen Einnahmequellen zur Gänze versiegen? Und wer wäre nur noch ein Schatten seiner selbst, würden die Leute hinter seinem Rücken über sein Scheitern lästern?

Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte: Niemand!

Aber genau das fürchten wir! Es ist zum Verrecken. Ich behaupte nicht, dass wir mit maximalem Risiko durch’s Leben rasen und jeden Scheiß ausprobieren sollten.

Allerdings ist das Gegenteil von Risiko nicht Sicherheit. Wir klammern uns an unseren Besitz, an unser Geld und an unseren Status, also daran, wie die verdammten Leute über uns reden und checken nicht, dass wir damit an Sachen festhalten, die längst ein Scheitern verdient hätten.

Es gibt Schlimmeres als auf einer einsamen Insel zu stranden

Da saß ich nun. Gescheitert, wie ein Häufchen Elend, hoffnungslos und traurig, mimimi. Die Natur stellt uns für derartige Fälle eine interessante Strategie zur Verfügung: Rückzug.

Nach meiner verlorenen Schlacht trat ich den ehrlosen Rückzug an, leckte meine Wunden und zog mir den tiefgründigsten Blues rein, den ich in meiner Playlist fand.

Meiner Persönlichkeit liegt der irre Umstand zugrunde, ein emotionaler Grenzgänger zu sein. Freue ich mich, versuche ich völlig in die dadurch frei gewordene Energie in meinem Körper einzutauchen. Fühle ich mich schlecht, muss ich ganz runter in diesen Abgrund steigen, als gäbe es dort unten einen Schatz zu heben. Furchtbar!

Meine Depressionen waren dabei eine große Hilfe. Hört sich verrückt an, allerdings lernte ich die zwei wertvollsten Lektionen meines Lebens: Es geht immer weiter und

Don't look back. You're not going that way

Diese zweite Lektion hat sich meine Liebste sogar auf den Arm tätowieren lassen.

Scheitern findet immer in der Vergangenheit statt. Wird dir dein Scheitern in einem bestimmten Moment bewusst, ist der Schaden längst passiert.

Jetzt geht es um die Eindämmung der Folgen, um die Analyse des Geschehenen und darum, der Enttäuschung einen Raum für die „Trauerarbeit“ zu geben. Also um Themen die VOR dir liegen, nicht hinter dir.

Je kürzer diese Phase, desto intelligenter.

Auch beim Pokern kannst du scheitern
Liegen die Karten auf dem Tisch, sind die Würfel gefallen

Wie erwähnt, der König ist bereits gefallen

Du stocherst auch nicht in deinen Ausscheidungen herum, sofern sich darin keine Dinge befinden, die dort nicht hingehören. Und selbst wenn, bringt dich das Herumgestochere auch nicht weiter. Kurzer analytischer Blick, Spülung betätigen, Klobesen benutzen, gut is’.

Ich kenn’ mich da ein bisschen aus. Nein, ich meine nicht die Entsorgung von Exkrementen. Mein Scheitern hielt mich jahrelang in einem Abgrund fest, der sinnloser nicht sein hätte können.

Ich erinnere mich, als ich heulend meinem Freund gegenüberstand, mit dem ich die gemeinsame Firma schließen musste. Jahre waren vergangen und ich hing immer noch voller Scham, Frust und Wut in dieser Niederlage.

Ich klammerte mich an diese Scham, hielt sie fest um mich damit emotional zu bestrafen. Meine Schuldgefühle nahmen dermaßen von mir Besitz, dass ich das Bedürfnisse hatte, mich bei allen möglichen Leuten für mein Versagen zu entschuldigen. Was für eine unfassbare Energieverschwendung.

Die Fragen aller Fragen: Wohin führt Scheitern?

Derzeit bin ich damit beschäftigt, meine relativ sichere Situation, die ich mir nach meinem Burnout und den Depressionen schuf, aufzugeben. Ich machte mich selbstständig und im Herbst werden Verena und ich auf eine ausgedehnte Weltreise gehen.

Nein, ich bin kein wilder Hund oder eine coole Sau. Ich kann nicht anders.

Mein Scheitern vor einigen Jahren lehrte mich, dass ich dann eine stabile Basis in meinem Leben erreiche, wenn ich an mich glaube und mutig bin. Früher war ich überheblich, naiv und hörte nicht auf mein Gefühl.

Meinem Gefühl zu vertrauen ist alles was ich habe

Mein Selbstbewusstsein liegt nach wie vor irgendwo in dem Abgrund, den ich damals mit meinen Depressionen aufwischte. Klar, wodurch hätte es in den letzten Jahren wachsen können? Ich war damit beschäftigt, den Müll rauszubringen.

Vorsichtig schuf ich mir eine trügerische Sicherheit. Wie mit einem Beinbruch humpelte ich durch mein Leben und räumte alles weg, woran ich mich anstossen und mich neuerlich verletzen könnte.

Dass ich es damit maßlos übertrieb merkte ich, als ein neues Gefühl in mein Leben trat: Angst. Ich habe panische Angst erneut zu scheitern. Panische Angst, dass Menschen in meinem Leben mit in meinen Abgrund gerissen werden und die Konsequenzen meiner Unfähigkeit ertragen müssen.

Gleichzeitig Angst vor dem was ist und vor dem was vor mir liegt.

Die Zukunft ist ungewiss. Wie immer

Heute bin ich gesund, die Rehabilitation - also jene Situation, in der ich mich aktuell noch befinde - muss ich beenden. Eine Reha ist kein Leben …

Eines weiß ich genau: Mache ich jetzt nicht den nächsten Schritt, verrecke ich im Stillstand wie ein verdammter Frosch der im langsam heißer werdenden Wasser zerplatzt. „Wissen“ ist in diesem Zusammenhang allerdings das falsche Wort.

Jede Zelle in meinem Körper schreit danach mich auf den Weg zu machen. Wehre ich mich dagegen, tauchen sofort Ansätze jener depressiven Gefühle und Gedanken auf, die mich damals beinahe das Leben kosteten. Das meine ich mit „panischer Angst“.

Sie überkommt mich immer häufiger und heftiger, in immer kürzer werdenden Abständen. Bis in die Zehenspitzen bin ich sensibilisiert und das Einzige - DAS ABSOLUT EINZIGE - wovon ich über alle Maßen überzeugt bin ist, dass meine stabile Basis VOR mir liegt.

Deshalb handle ich jetzt um nicht im Jetzt zu verrecken

Scheitere ich dennoch, dann in Freiheit und nicht wie ein ängstliches Kaninchen, das sich in seinem Erdloch zu Tode zitterte.

Klar, es kann passieren, dass ich wieder gegen die Windschutzscheibe klatsche wie eine Fliege auf der Autobahn. Dieses Risiko ist für mich allerdings das wesentlich Geringere, als in meinem aktuellen Leben zu verharren.

Keine Alternativen zu haben liegt der Vorteil zu Grunde, keine Kompromisse eingehen zu müssen. Die Metapher „mit dem Rücken zur Wand stehen“ mag negativ daherkommen. Ich bin an einem Punkt im Leben, an dem mir die Mauer in meinem Rücken die Energie für den nächsten Schritt nach vorne liefert.

Was bleibt nach all dem Scheitern von uns übrig?

Vor mir liegen Enttäuschungen, selbst verursachte Fehler, Niederlagen, Tränen, gesenkte Köpfe und Vorwürfe. Ich bin nicht (mehr) so naiv um zu erwarten, auf rosaroten Wölkchen durch’s Leben zu schweben.

Künftiges Scheitern wird sich allerdings in einigen wesentlichen Punkten von meinem Früheren unterscheiden:

  • Ich weiß, dass es immer weitergeht, so unangenehm es kurzzeitig auch sein mag.
  • Die Entscheidungen, die mich auf den vor mir liegenden Weg brachten, sind eine logische, alternativlose Konsequenz aus den letzten Jahren. Scheitere ich neuerlich, werde ich nicht mit Verbitterung zurückblicken.
  • Es ist mir völlig bewusst, dass jede Niederlage ein Schritt zu meiner persönlichen Evolution ist.
  • Falle ich, werde ich schnell wieder aufstehen, mir den Dreck von der Glatze wischen, den Kopf nach oben, die Schultern nach hinten richten und weitergehen.

Nelson Mandela ging nach 27 Jahren im Gefängnis raus in die Freiheit. Kurze Zeit später wurde er von seiner Frau geschieden, seine Urenkelin starb bei einem Verkehrsunfall, er erkrankte schwer und starb schließlich an den Folgen einer Lungenentzündung.

Scheitern, Niederlagen und Schicksalsschläge gehören zum Leben wie Sonnenauf- und Sonnenuntergang. So dramatisch und tragisch sie sind, am Ende bleibt das übrig, was wir zwischen diesen Rückschlägen aus uns machten.

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»Man kann auch auf einer Leiter, deren Sprossen aus Niederlagen bestehen, schön nach oben klettern« (Konstantin Wecker). – Wecker über seine Erfolge und Fehltritte, wie er sie heute sieht, darüber, wie er Liebe und Gott und die Begegnungen mit dem Teufel heute versteht, über Vaterschaft und Verantwortung. Die Geschichte einer Verwandlung, eine Meditation über die Lektionen des Lebens, eine Anleitung in der Kunst des Scheiterns.

Scheitern ist eine Kunst

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Hallo Roland, manchmal denke ich, dass wir völlig unterschiedlich sind, weil ich zum Glück (noch) nicht so tief gefallen bin wie du, dann wieder, dass ich in der gleichen Situation wie du stecke. Und irgendwie stimmt beides. Den kompletten Absturz konnte ich bisher glücklicherweise vermeiden. Wobei ich wie ein Betrunkener am Kraterrand entlang schlingere und jederzeit abzustürzen drohe. Gerade jetzt krabble ich wieder zurück zum Rand, weil ich ein gutes Stück abgerutscht bin. Aber ich bin nicht durch ein so tiefes Tal gegangen wie du. Auf der anderen Seite kann ich deine Gedanken zum Blick nach vorn und die Angst… Weiterlesen »

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