Sex und Depression. Die weiche Härte

Ohne Erektion ist Sex wie eine Schale ohne Banane

Sex. Die wunderbarste aller Nebensächlichkeiten. Körper, Geist und Seele zweier Menschen verschmelzen. Von wegen. Burnout und Depression sind absolute Liebestöter. Antidepressiva auch!

Erfahre in diesem Artikel, wie ich selbst mit Sex und Depression umging, welchen speziellen Herausforderungen ich mich stellen musste. Aber auch, was du tun kannst, damit du deine Körperlichkeit wieder findest.


Lasst uns über Sex sprechen

Jetzt wird es schlüpfrig. Über Sex zu schreiben war nicht meine Motivation, als ich mit diesem Blog über Burnout und Depressionen begann. Und jetzt sitze ich hier und stelle mir vor, wie du verstohlen auf deinen Bildschirm blickst und hoffst, dass dich niemand beim lesen dieses Artikels beobachtet.

Ich mag dieses Bild im Kopf. Glücklicherweise sind wir in der Lage, uns alles mögliche vorzustellen und mit detaillierten Bildern zu hinterlegen. Ich stelle mir dich nackt vor. Nicht, weil ich ein perverser Spanner bin, sondern weil ich offener über „Liebe machen“ schreiben kann.

Das Vorspiel

Was für ein Weichmacher: Liebe machen … Bei meinen ersten sexuellen Erlebnissen war definitiv Liebe im Spiel. Ich wusste jedoch nicht, was ich da tat. Es war experimentieren, herantasten, erforschen und ein Teil des Erwachsenwerdens.

Später wurde daraus Ekstase, Vertrautheit oder Abenteuer. Irgendwann war Sex Routine.

Ich: Willst du Sex?

Sie: Nein

Ich: Cool

Ich bin ein Mann, hörst du!

Als es mit meiner Gefühlslage steil bergab ging, erreichte ich ein neues Qualitätsniveau in Bezug auf mein sexuelles Empfinden.

Das Erste, was ich auf meinem Weg ins Burnout tat, war mein schwindendes Selbstbewusstsein zu kompensieren. Da kam mir Sex gerade recht.

Ich wurde dominanter, was reizvoll sein kann. Nicht aber, wenn dir egal ist wer gerade vor dir kniet. Beweist du dir ein Mann zu sein, ist für Liebe, Respekt oder Zweisamkeit kein Platz.

Ein Mann, der nicht an Sex denkt?

Das Unvorstellbare passiert

Natürlich geschah das unbewusst. Hätte ich mir eingestanden, keine echte Lust mehr zu empfinden, nicht nur in Bezug auf Sex, gäbe es diesen Blog nicht.

Wie bei einem Drogenjunkie, der nicht sein Verhalten in Frage stellt, sondern für mehr Nachschub sorgt. Du brauchst mehr von diesem harten Zeug, für weniger Selbstbewusstsein.

Das ging eine Zeit lang gut, bis meine Erektionen so zuverlässig waren, wie ein Gebrauchtwagenverkäufer in weißem Anzug, Goldkettchen und Fuchsschwanz am Schlüsselanhänger.

Der Verstand vögelt, der Körper arbeitet

Sex verlagerte sich ausschließlich in meinen Kopf. Dort passierten die aufregendsten Sexfilmchen. Ich wusste noch nichts von meinem Burnout, noch weniger von Depressionen. Meine Körperfunktionen stellten sich jedoch bereits darauf ein.

Vögeln auf Depression ist wie YouPorn in 3D ohne 3D-Brille. Ich wusste nicht was da abging und führte lediglich Körperbewegungen aus, die nicht einmal als Fitnesstraining taugten und mich ermüdeten.     

Sex mit einer Leiche

Mein Verstand, der mir als fragwürdiger Helfer zur Seite stand, drehte jedoch seinen Teufelsspieß um. Er gab die Schuld diesem willigen Frauenkörper, der sich unter mir kaum noch bewegte.

Natürlich war sie Schuld, dass ich keine Lust mehr empfand, dass meine „Erektion“ weich wie ein stundenlang geschleudeter Pizzateig war.

Ein Mann braucht nicht viel um in Stimmung zu kommen. Somit bleibt die Frau übrig, die für den Zustand der völligen Lustlosigkeit herhalten muss.

Klar, während der Anfangsphase meiner Depressionen* waren alle Anderen für alles in meinem Leben Schuld.

In die Psyche eindringen

Ich liebte Sex bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich nur noch

– im Kopf war,

– Körperbewegungen ausführte,

– von Beginn an den Orgasmus ansteuerte,

– gefühllos fickte, aber keine Liebe empfand und

– froh war, als es vorbei war.

Vermutlich kommt das manchen bekannt vor. Du musst nicht an einem Burnout oder einer Depressionen leiden und kannst dennoch die fünf angeführten Punkte abhaken. Der Unterschied ist, dass meine Psyche bereits schwer angeschlagen war und mein Selbstbewusstsein auf den Grund eines tiefen Sees lag. Angekettet an einem schweren Stein.

Ich hatte keine Lust mehr, zu nichts, konnte meine Freundin nicht befriedigen, und wenn, war es mir egal.

Meine Männlichkeit, derer ich mir bis dahin bewusst war, bekam einen harten Tiefschlag in die Weichteile und begab sich in Embryonalstellung zu meinem Selbstbewusstsein.

Ein Elefant auf Burnout ohne Rüssel

Heute genieße ich Sex wieder, theoretisch. Wie erwähnt, nehme ich – vorerst noch einen Monat – leichte Antidepressiva. Sie erleichtern meinen Alltag, mein Sexleben liegt allerdings auf Eis. Hilfe bei Depressionen hat auch ihre Nebenwirkungen.

Ich bräuchte die Viagra-Vorteilspackung um physisch in der Lage zu sein, das eine mit dem anderen zu verbinden. Du weißt schon …

Ich empfinde nichts. Meine Haut ist sensibel wie die eines Elefanten. Noch schlimmer, die Leitungen von meinen Augen über das Gehirn und weiter zu den Adern des für Sex notwendigen Schwellkörpers sind umgeleitet.

Finde deine Körperlichkeit wieder

Was du tun kannst, damit du trotz Depression wieder einen positiven Zugang zu Sex findest

Mit das Schlimmste bei einer Depression ist die gefühlsmäßige Leere. Du empfindest nichts, schon gar keine Lust auf Sex. Das Wichtigste für mich war, die Verbindung zu meinem Körper wieder herzustellen. Folgendes half mir dabei:

– Bewusste Körperpflege: Ausgiebiges duschen, das kalte und warme Wasser auf der Haut spüren, bewusstes einseifen sämtlicher Körperteile.

– Massagen lösen nicht nur Verspannungen, sie helfen Berührungen anzunehmen und zu erkennen, dass der Körper nach wie vor empfindsam ist.

– Es mag in Verbindung mit dem Thema dieses Artikels eigenartig klingen, aber Tiere zu streicheln ist die einfachste Form, Empfindungen im Körper auszulösen.

– Händchen halten, die Haare des Partners streicheln, gemeinsam ein Bad nehmen, sich gegenseitig den Körper eincremen usw. Es sind die kleinen Berührungen die dir einen Zugang zu deiner Empfindsamkeit ermöglichen.

– Masturbation. Klar, wenn die Lust fehlt mag das eine echte Herausforderung sein. Aber sich an Tagen, an denen die Depression Pause macht, selbst anzufassen um die Lust zu „erzwingen“, wirkt bei mehrmaliger Wiederholung wahre Wunder.

Eine Depression kann nicht nur von innen heraus überwunden werden. Eine angenehme Stimulation von außen unterstützt diesen Prozess. Sex ist eine daraus resultierende Konsequenz, die sich in dem Moment einstellt, wenn die Lust zurück kommt.

Wer zuerst kommt hat verloren

Eine wesentliche Erkenntnis meiner Depression ist, auf meine Intuition zu hören. Die aktuelle Abstinenz ist durch die Antidepressiva erklärbar. Meine Freundin hat Verständnis und bald holen wir die entgangenen Schäferstündchen nach. Versprochen, Baby!

Viel wichtiger ist mir heute das Gefühl, dass ich vor, während und nach dem Liebe machen – ja, das ist es heute – empfinde.

Ich habe keinen Sex mehr ohne Liebe und renne nicht mehr zum Orgasmus. Was soll das mit dem Orgasmus? Ich trinke auch nicht Wein um mich zu besaufen. Das ist Stress pur und vertreibt den Genuss noch ehe er die Hüllen fallen lässt.    

Nein, ich möchte ein zärtliches, gemeinsames Erlebnis mit meiner Frau genießen. Kommen wir auch noch, sind wir vorher längst angekommen.

Fazit: Vögeln für Fortgeschrittene

Sex auf Depression war für mich unmöglich. Schon Jahre vorher lieferte ich eine Show ab, machte mir etwas vor um in weiterer Folge meine Männlichkeit unter Beweis zu stellen.

Ich brauchte die sexuelle Auszeit, weil ich die Verbindung zu meinen Gefühlen und meinem Körper verlor.

Bis auf die aktuelle Phase mit den Antidepressiva entwickle ich ein neues Lebensgefühl. Sexuell gebe ich nicht, weil ich muss oder weil ich will. Ich gebe, weil ich mich am Intensivsten spüre.

Ich kann annehmen. Nicht, weil sich meine Freundin bemüht oder weil ich mich zwinge. Die früheren Blockaden sind weg und meine Gefühle nehmen wie ein Schwamm auf, was an Stimulation daherkommt.

Jetzt werde ich das Thema Sex wieder in die Schublade legen. Darüber zu schreiben oder nachzudenken ist nichts im Vergleich es zu tun.


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12 Gedanken zu „Sex und Depression. Die weiche Härte&8220;

  1. Danke für deinen so offenen und intimen Beitrag. Ich glaube, dass du vielen, inklusive mir, damit das Gefühl gibst, nicht ganz alleine mit solchen Dingen zu sein.
    Ich leide zwar unter keiner Depression, trotzallem habe ich einige Anzeichen und finde mich in diesem Artikel total wieder. Ich wünsche dir das Beste. (:

    Liebste Grüße
    Lu

    1. Hallo Lu,

      DANKE für deinen netten Kommentar!

      Wenn ich mir bei einer Sache mittlerweile absolut sicher bin, dann ist es die Tatsache, dass JEDE/R ihr/sein mehr oder weniger ausgeprägtes psychisches Problem mit sich rumschleppt. Niemand ist alleine!

      Es braucht nicht gleich eine Depression zu sein, um unglücklich durch’s Leben zu gehen. Sich einzugestehen, dass z.B. Sex unbefriedigend ist, ist ein Thema, mit dem es sich zu beschäftigen gilt. Was ist die Alternative?

      Wünsche dir alles Gute!

      Beste Grüße
      Roland

  2. Danke für diesen wichtigen Beitrag. Es ist ja schon schwer genug, offen über Depression zu schreiben oder zu sprechen. Aber in einer Welt, in der ja viele oversexed und underfucked sind, ist es auch wichtig, sich mit dem Sexualleben öffentlich zu befassen. (Also mit dem echten Sexualleben und nicht mit dem, was wir glauben, dass alle anderen haben, nur wir halt nicht.)

    Ein Gedanke kam mir beim Lesen. Zur Schwierigkeit im Kontakt mit dem Sexualpartner zu sein: Vielleicht wäre es zielführend und ausreichend, mehr den Kontakt zu sich selbst zu suchen? Das ist ja ein depressives Problem, sich selbst nicht gut spüren können. Das muss man erst wieder lernen. Und wenn der Kontakt zum Selbst wieder geht, wenn man sich spürt, wenn dieses Sich-Fühlen nicht mehr permanent überfordert und daher ausgeschaltet ist, dann geht auch der Kontakt zu anderen. Egal ob Sex oder Liebe oder einfach im Alltag, beim Mitfühlen.

    Ich wünsche Dir, dass Deine Partnerin verständnisvoll sein kann und den langsamen Wiedereinstieg ins gemeinschaftliche Sexualleben mit Dir geht. Nähe ist schon viel, auch körperlich. Man muss nicht gleich alles wollen oder können. Wenn Ihr das schafft, dann könnt ihr vielleicht sogar noch viel mehr zusammenwachsen als Paar.

    1. Lieber Wolfram,

      ich danke dir für diesen tollen Kommentar!

      Das ist eben das grausame an Depressionen: Du verlierst völlig (also zu 100%) den Kontakt zu dir selbst. Somit spürst du auch „den Anderen“ nur so, als würdest du eine Ritterrüstung anfassen. Kalt, glatt, hart, abwehrend …

      Beste Grüße
      Roland

  3. Lieber Roland,
    ich sehe in der Dynamik von (vorallem männlicher die weibliche kenne ich auch nicht so gut 😉 Sexualität und Depressivität auch einen ganz zentralen weil erkenntnisreichen Punkt und finde deinen Beitrag sehr gut.

    1. Danke Oliver!

      Sex gibt uns tatsächlich unmittelbares Feedback dazu, wie wir psychisch gerade drauf sind. Diese Rückmeldungen zu erkennen und sich damit auseinanderzusetzen kann mitunter sehr hilfreich sein.

      Beste Grüße
      Roland

  4. Hallo Roland,
    danke für Deine Offenheit. Es war der erste Beitrag den ich von Dir gelesen habe. Ich bin 2014 in mein 2tes BurnOut geschlittert, musste 2016 meinen Mann davor bewahren aus den Anfängen , in denen er sich befand, ein echtes B-O werden zu lassen. Ich hänge immer noch in der Sche**.
    Seit damals haben wir keinen Sex mehr. Null. Mir graust davor. Vor jeder intimen Berührung, kein kuscheln. Aus Angst, er würde dann mehr wollen, oder -nicht auszudenken- eine Erektion bekommen. Mir graust nicht vor MEINEM Mann, mir graust vor allen Männern.
    Noch hat er Verständnis, noch hofft er auf „Besserung“ – ich hingegen habe das Gefühl, dass es immer schlimmer wird.
    Früher hatte ich gerne Sex, oft in den unterschiedlichsten Varianten. Soweit ich mich erinnere hatte ich dabei auch ehrlich Spass.
    Es macht mich traurig, dass die Freuden wohl ein Teil meiner Vergangenheit sein werden. Ich habe die Hoffnung auf ein „Come-Back“ aufgegeben.
    Berichte wie Deiner machen mir allerdings etwas Hoffnung.
    Danke dafür!

    1. Liebe Astrid,

      vielen Dank für deinen offenen Kommentar! #ichfuehlemitdir

      Was du schreibst macht mich nachdenklich und auch traurig. Ich bin kein Therapeut, deshalb wähle ich meine Worte sehr sorgfältig.

      Mein Burnout (und noch mehr die Depressionen), zeigten mir auf dramatische Weise auf, dass ich völlig den Bezug zu meinen Gefühlen, zu mir selbst verlor. Diesen Bezug „wiederzufinden“ war umgekehrt der Schlüssel, aus diesem Abgrund rauszufinden.

      Es war ein egoistischer Prozess. Ich musste mich zuerst um meine Gefühlswelt kümmern, ehe ich wieder in der Lage war, eine emotionale Verbindung zu einem anderen Menschen herzustellen. Mich um andere UND um mich selbst zu kümmern, das war zu viel, das hätte ich niemals geschafft.

      ABER, es geht, es gibt einen Weg, es gibt Möglichkeiten, finde den richtigen Weg für DICH! Lass‘ dir helfen, setze erste Schritte und klammere dich bitte nicht an Hoffnung! Hoffnung ist kein gutes Lebenskonzept.

      Das Burnout möchte dir (und wohl auch deinem Mann) etwas mitteilen. Findet heraus, was es ist, hört darauf und handelt danach – mit professioneller Hilfe.

      Es wäre so schade, wenn ihr weiterhin unter dieser Belastung leidet. Umgekehrt wäre es fantastisch, wenn ihr aus diesem Dilemma rausfindet und ein neues, entspanntes Lebensgefühl findet.

      Und genau das wünsche ich euch, von ganzem Herzen!

      Alles Gute!

      Beste Grüße
      Roland

      1. Hallo Roland,
        danke für Deine Antwort. Therapien hab ich durch, verschiedene Therapeuten, Medikamente, Kuraufenthalt (gut, wie sollen 3 Wochen in den Bergen ein zerrüttetes Leben wieder geradebiegen, aber den Versuch war es wert.

        Diee schlimmste Phase war, als mein Mann auch betroffen war. Ich habe dann, als die „Erfahrene“ von uns beiden weiterfunktionieren müssen. Jeden Tag arbeiten, ihn habe ich beimheimkommen genauso vorgefunden, wie ich ihn morgens verlassen habe. kaum ansprechbar. Ein Grossteil unserer Arbeit bestand darin, andere Leute zu motivieren. Wir haben monatelang kaum ein Wort gewechselt, keine Kraft dafür gehabt.

        Nachdem ich generell keine Freude mehr empfinde (haben uns ein Haus gekauft – Gefühl dabei ging in Richtung: Aha, auch gut, Eigene Hochzeit: Ja, ganz Ok, verkaufen jetzt unser Haus und wandern aus: Ja, warum auch nicht…

        Versuche jetzt noch Hypnosetherapie um alte Traumatas aufzuarbeiten und dadurch vielleicht einen Weg aus der Gefühlskälte zu finden.Mal sehen, ich hoffe das bringt waas.
        Achja, negative Gefühle zu empfinden ist leider komplett uneingeschränkt möglich, nur Freude ist ausgeschalten.

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