Sich Sorgen machen: Die imaginäre Wirklichkeit

Sorglos in die Zukunft durch Sorgen machen?

Die Zukunft – und ist sie nur wenige Sekunden weit entfernt – ist noch nicht geschrieben, schon glauben wir die künftige Wirklichkeit zu kennen. Natürlich wird alles den Bach runtergehen, also können wir uns gleich mal Sorgen machen.

Ist es nicht eigenartig, dass wir uns zwar schnell mal Sorgen machen, aber uns kaum darüber freuen, dass das, wovon wir dachten das passieren wird, letztlich nicht eintrat?


Beim Sorgen machen mitmachen

Kennt ihr den Witz, in dem ein Typ auf seinen Freund wartet? Eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin beginnt er sich Sorgen zu machen, dass der Freund zu spät kommt. Er malt sich aus was ist, wenn er alleine dasteht, wie er seinen Freund beschimpfen und sich über die Verspätung ärgern wird.

Immer mehr steigert er sich in diesen Gedanken rein. Wird nervös, traurig und wütend. Schließlich trifft sein Freund auf die Minute pünktlich ein. Der Typ stellt sich vor ihm hin und schreit seinen Freund an: „Jetzt brauchst du auch nicht mehr kommen!“

Okay, ich bin nicht gut im Witze erzählen, aber in der Geschichte steckt viel Wahrheit. Die Frage ist nicht, ob du schon einmal in einer ähnlichen Gedankenspirale warst. Die Frage ist, wie oft hast du dieses Spiel in letzter Zeit gespielt!?

Es beginnt mit Kleinigkeiten. Am Wochenende hast du eine Wanderung geplant. Der Verstand sagt „es wird sicher regnen“. Oder du spürst ein Zwicken in deiner Brust und googelst sofort nach „Herztransplantation“.

Und schließlich trifft dich das Massenphänomen „Nachrichten“. Eine Schlagzeile schreit laut über den drohenden Anstieg von Asylanträgen. Dein Blutdruck steigt, während du überprüfst, ob die Wohnungstür doppelt abgesperrt ist.

Warum sind wir immer noch da?

Die Mayas prophezeiten unseren Untergang für 2012. Nach Nostradamus müssten wir bereits mehrmals apokalyptische Weltuntergänge erlebt haben.

Mit der ständigen Verzerrung der eigenen künftigen Wirklichkeit, dem sich Sorgen machen, machen wir auf Mayas und Nostradamus * zum Quadrat.

Verrückt wie kreativ wir sind, wenn es darum geht, uns jetzt mit etwas zu belasten, was in irgendeiner Zukunft eventuell passieren könnte.

Der imaginären Wirklichkeit entkommen

Jahrelang machte ich mir Sorgen, dass ich nicht das Leben führte, von dem ich überzeugt war, das es mir zusteht. Das Ergebnis dieser absurden Strategie war ernüchternd.

Ich lebte weder das Leben, von dem ich dachte, dass es mir zusteht. Schon gar nicht lebte ich ein sorgloses Leben. Ganz im Gegenteil. Erst durch dieses imaginäre Konstrukt einer baldigen Wirklichkeit wurde ich krank.

Heute weiß ich, dass sich Sorgen machen eine Form von Depression ist. Sie tut nicht so weh und hält dich nicht tagelang davon ab zu duschen. Ebenso wenig wird sie dich auf den Boden drücken, obwohl du aufstehen möchtest.

Der Unterschied liegt lediglich im Schmerzempfinden und an den Einschränkungen, die das Leid mit sich bringt. Die Grundlage des Leidens ist hingegen identisch.

Sorgen bereitet uns das Unbekannte, etwas, das wir nicht kontrollieren oder erreichen können und die Angst vor Verlust.

Möchtest du einen richtig geilen Trip einer Depression erleben? Pflege deine Sorgen sorgfältig. Sie werden dir eine Wirklichkeit zeigen, die du nicht für möglich hieltest.

Mach dir Sorgen und alles wird gut

Sitzt du in einem Flugzeug, dessen Triebwerke in Flammen stehen, wirst du erfahren wie hilfreich es ist, sich in diesem Moment Sorgen zu machen.

Betrachtest du deinen unlustigen Kontostand, wird sich mithilfe deiner Sorgen das Konto umgehend auffüllen, wie die Schatzkammer von Donald Trump, ähm Duck.

Und siehst du in den Nachrichten, wie tausende Flüchtlinge die Grenze überqueren, werden sie in dem Moment kehrt machen, in dem sie von deinen Sorgen unterrichtet werden. „Okay, der macht sich Sorgen, gehen wir zurück in den Krieg.“

Durch sich Sorgen machen wurde noch nie etwas besser. Wer mir das Gegenteil beweist, gewinnt eine Reise zum Kap der Guten Hoffnung auf Google Maps.

Deine Zukunft könnte auch schön sein

Klar, mit Vorsicht und Achtsamkeit durchs Leben zu gehen, bringt in Bezug auf die Überlebensfähigkeit gewisse Vorteile. Auf die innere Stimme zu hören, wenn dich ein betrunkenes, lüstern blickendes Ekelpaket mit verschimmelten Süßigkeiten in sein Auto locken möchte ebenso, wie den Sicherheitsgurt in Selbigen anzulegen, falls du dennoch einsteigst.

Eine reale Gefahr objektiv einzuschätzen ist etwas völlig Anderes als ein imaginäres Konstrukt einer möglichen Wirklichkeit in der Zukunft zu erschaffen.

Das, also alles, worüber du dir Sorgen machst, ist so real, wie die erwähnte Schatzkammer von Donald Trump, verdammt, Duck, ich meinte Donald Duck.

Der Gedanke, dass wir durch Sorgen sorglos durchs Leben gehen werden, erschließt sich mir nicht. Wäre die Einstellung „es könnte auch gut gehen“ nicht wesentlich zielführender?

Die optimistische oder naive Wirklichkeit

Klar, wir Menschen neigen aufgrund der Geschichtsschreibung zur Orientierung am Negativen. Im Mittelalter konntest du mit Optimismus nicht einmal ein paar Sekunden Zeit schinden, ehe dir die Zehennägel gezogen wurden.

Und als naive Heranwachsende verbrannten wir uns regelmäßig die Finger. Sorglos liefen wir durch die Welt, die wir im Begriff waren, zu erobern.

Diese Beispiele bringen uns unweigerlich von der noch ungeschriebenen Zukunft zur erledigten Vergangenheit. Was ist los mit uns?

Gerade wenn ich in einer beschissenen Situation stecke, hilft es mir am Allerwenigsten mir Sorgen zu machen. Insbesondere dann ist ein klarer Verstand – trotz aller Widrigkeiten – eine optimistische Einstellung vonnöten, um das Problem zu lösen!

Sorgen sind nichts weiter als eine Art von Opferhaltung. Diese führt unweigerlich zum Verlust der Lebensfreude, was uns als Jammerlappen enden lässt.

Die einzige Wirklichkeit die ich habe ist jetzt. Nur jetzt kann ich handeln und den Weg für meine sorglose Zukunft bereiten. Sorgen machen ist Energieverschwendung, Umweltverschmutzung und bringt dich kein Stück weiter.

Das Leben findet statt – jetzt!

Andy Holzer ist blind und Extrembergsteiger. Er macht sich sorglos auf den Weg und vollbringt fantastische Leistungen. Die Wirklichkeit, die er lebt, ist ein absolutes Vorbild: Balanceakt *


Titel des nächsten Artikels am Sonntag, 29. Oktober 2017:

Ein Mittel gegen Winterdepression? Winterschlaf


Du lebst einen miesen Kompromiss. Nicht?

Buchempfehlungen


*Anzeige

Schreibe mir eine E-Mail, wenn du magst:
Folge mir, ich würde mich freuen:

4 Gedanken zu “Sich Sorgen machen: Die imaginäre Wirklichkeit

  1. Genauso ist es. Mich haben meine Sorgen auch krank gemacht, aber ich bin dankbar für diese Krankheit, weil sie mir hilft bewusst wahrnehmen und hinterfragen zu können, was für mich seit frühester Kindheit an so normal war. Sorgen waren immer an meiner Seite und ich lerne nun ein Leben kennen, wo die Sorgen weitestgehend ohne mich klarkommen werden
    …und ich ohne sie 😉

    1. Danke für deinen Kommentar!

      „Dankbar für eine Krankheit sein“ … das verstehen wohl nur die wenigsten Menschen, aber ich kann absolut nachvollziehen was du meinst! Ohne Burnout/Depressionen würden wir immer noch – das für uns – falsche Leben führen!

      Es ist toll, dass du gestärkt aus deinem Leiden gekommen bist und wünsche dir weiterhin alles erdenklich Gute!

      Liebe Grüße
      Roland

  2. Unterschrieben! 🙂

    …oder, wie ein ganz klitzekurzes, aber – glaubich – recht berühmtes Video eines indischen (?!) Lehrers/Speakers/whatever, dessen Namen ich nicht erinnere, so nett wie simpel und alternativlos auf den Punkt bringt:

    (Sinngemäßer) Wortlaut:

    „When you`re worried, ask yourself:
    Can I do something about it?
    If yes: Then why worry?
    If you can NOT do anything – then: why worry?“

    Lässt sich für komplexere, kopflastige Klugscheißer wie mich zwar nicht sofort umsetzen, aber ist n geiler Ansatz und bringt die Realität sehr hübsch auf den viel strapazierten Punkt! 🙂

    (und Zu Deiner Bitte um Verständnis für einen mal längeren Text: HabICH. Da nich für *g*)

    Hab nen guten, zu Dir passenden Tag! 🙂

Kommentar verfassen