Stress führt zu Burnout. Aber was führt zu Stress?

Stress kommt von zu viel arbeiten? Oder stecken unsere Ziele dahinter?

Für die falschen Ziele arbeiten. Für sinnlose Wünsche durch’s Leben hetzen. Mit der gleichen Logik andere Ergebnisse erwarten. Das war purer Stress.


Burnout war bei mir das Ergebnis einer falschen Lebensweise. Depressionen machten mich darauf aufmerksam und führten mich, nach einer langen Leidensphase und jeder Menge Stress, auf den richtigen Weg. Gedanken darüber, wie viel Energie ich in ein verkehrtes Leben investierte, erspare ich mir mittlerweile.

Mit falsches Leben meine ich, dass ich Dinge tat, die nicht zu mir passten. Jobs, die ich hasste oder nicht die geeigneten Fähigkeiten dazu hatte. Ich lebte an Orten, wo ich nicht hingehörte und gab mich mit Menschen ab, die ich nicht mochte.

Mit Energie meine ich die Motivation, mit der ich mein falsches Leben gestaltete. Mich im falschen Job durchbeißen, für die Träume Anderer zu arbeiten, den miesen Wohnort akzeptieren und mit unliebsamen Menschen auskommen. Es war reine Energieverschwendung und der Nährboden für ein anstrengendes, stressiges Leben.

Missbrauch von Stress

Stress ist für mich eine Art Energieform. Sie entsteht, wenn ich in Ausnahmesituationen gerate. Wenn vor mir zum Beispiel eine Schlange mit dem Schwanz klappert, ist es gut, dass mein Körper in den Stressmodus schaltet. Sämtliche Körperfunktionen werden justiert, um angemessen auf die Gefahr reagieren zu können.

Stress, den ich früher hatte, war hingegen keine kurzfristige Reaktion auf eine Gefahr. Mein Stress war ein dauerhafter Zustand mit kurzen Unterbrechungen wie Krankheit, Wochenende oder Urlaub. Und selbst das stresste mich.   

Ich stellte es oftmals dar, als wären andere Schuld an meinem Stress. Ich merkte, dass das völliger Schwachsinn war. Spiele ich das Spiel mit oder zwingt es mir jemand auf, habe ich selbst die Entscheidung getroffen, mitzuspielen.

Dazu kam, dass ich mir einredete, ausschließlich positiven Stress zu haben. Heute ist mir klar, dass ich mir damit eine Ausrede schuf. Ich brachte damit zum Ausdruck, den Anforderungen gewachsen zu sein, ein toller Hecht, der alles im Griff hatte. Positiver Stress? Von wegen. 

Opfer meiner eigenen Wünsche

Ich vertraute nicht auf mein Bauchgefühl, strebte, wonach alle anderen strebten. Verfolgte Ziele, von denen ich dachte, dass sie in dieser Welt bedeutsam wären. Materieller Besitz, Status, Anerkennung.

Selbst als mir sämtliche Gefühlsregungen aufzeigten, dass ich das alles nicht wirklich brauchte, lief ich immer noch im Kreis wie ein Hamster in seinem Rad.

Eine Aufstellung zeigt die Ursachen für meinen Stress

Egal was ich tat, wie sehr ich mich anstrengte, es war nie genug. Irgendeinem Wunsch, einer Erwartung oder einem Ziel lief ich immer hinterher. Auf die Idee, meine Prioritäten zu hinterfragen, kam ich nicht, mein Hamsterrad drehte sich zu schnell. 

Beruflich gestresst in den Wahnsinn

Immer öfter tauchen Fragen auf wie, „Was soll ich tun, wenn der Chef ständig Druck macht und ich immer mehr, in immer weniger Zeit erledigen muss? Ihm ordentlich die Meinung sagen? Kündigen?“ 

Nein, natürlich nicht. Es ist okay, wenn du deine ganze Energie jemandem zur Verfügung stellst, dich für ihn abrackerst, damit derjenige seine Ziele erreicht. Deine eigenen Ziele sind nicht wichtig. Es ist nicht dein Leben, das du, nach aktuellem Stand der Wissenschaft, ein einziges Mal leben wirst.

Entschuldige bitte den Sarkasmus. Realistische Möglichkeiten aus diesem Teufelskreis auszusteigen, fand ich nie. Stattdessen kam ich – gerade noch rechtzeitig – zur Erkenntnis, mich ausschließlich an meinen eigenen, richtigen Zielen zu orientieren. Es geht nicht, gegen meine eigene Natur zu kämpfen. Mich anzupassen, in miesen Jobs zu arbeiten und in diesem knallharten Wirtschaftssystem zu funktionieren, sind keine Optionen.

Hingabe zum eigenen Leben

Oftmals erkannte ich bei anderen Menschen, dass diese keinen gestressten Eindruck machten, obwohl sie viel mehr arbeiteten als ich. Heute ist mir klar warum. Diese Menschen haben Freude an dem was sie tun. Sie kennen sich und wissen, was gut für sie ist.

Menschen, denen ihre Arbeit, ihr vielschichtiges Leben leicht von der Hand geht, haben keinen Stress. Sie sind zu etwas bewundernswertem fähig: Zur *. Das ist etwas ganz anderes als Stress. Sie fanden, was zu ihnen passt, arbeiten daran, was ihrer Persönlichkeit entspricht und sie in ihrem eigenem Leben weiterbringt.

Diese Hingabe war mir nicht gegeben. Obwohl alles in mir schrie, hielt ich an alten Mustern fest. Arbeitete ich nicht, drehte sich mein Verstand weiter um den Job. Ich war stolz darauf, ständig an Ideen zu arbeiten, stolz, gestresst zu sein. Ich dachte, es sei falsch, nicht überarbeitet zu sein. Völlig irre.

Warum tun wir uns das an?

Weil wir vielleicht den falschen Erwartungen, Wünschen, Prioritäten und Zielen hinterherlaufen? Anstatt uns zu fragen, ob wir das neue Auto wirklich brauchen, planen wir das nächste Wellness-Wochenende, damit wir den Stress in der Arbeit aushalten – um Geld zu verdienen, für das neue Auto.

Anstatt ein riesiges Haus zu bauen und mich über zwanzig Jahre zu verschulden, könnte ich überlegen, ob ich wirklich viel Geld in einen toten Brocken Beton investieren möchte. Schließlich stecke ich mich freiwillig in die Abhängigkeitsfalle. Ab dann entscheiden B+B über meine Stimmungslage. Mein Boss und mein Banker. 

Aus Bequemlichkeit bleiben wir in längst zu Tode gerittenen Beziehungen. Alleine ein neues Leben beginnen, wo ich gerade meine Routinen perfektionierte? Die Schmach, eine weitere Partnerschaft in den Sand zu setzen? Das ist selbst produzierter und perfektionierter Stress.

Das bisschen Lob von meinem Boss oder meinen Kunden für die geleistete Mehrarbeit? Lob, um noch mehr zu arbeiten? Das kurz flackernde Rampenlicht für die neuen Klamotten? Die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Menschen in meiner Umgebung, um ihren Vorstellungen zu entsprechen? 

Lohnt es sich wirklich, dafür durch’s Leben zu hetzen?

Das war schließlich die entscheidende Frage. Die möglichen Antworten öffneten mir die Augen.

Ja

Dann akzeptiere es, jammere nicht über deinen Stress und mach nicht Andere dafür verantwortlich. Es ist okay, du hast dich für dieses Leben entschieden. Alles andere führt zu einer inneren Zerrissenheit, in der du nie weißt, ob du das Richtige tust. Die Folge davon wäre wiederum Stress.

Nein

Dann hör‘ auf damit. Öffne dich für ein neues Leben. Es wird Zeit brauchen bis du es findest und neu ausrichtest, nutze die Chance.

Ich entschied mich, beinahe zu spät, für nein. Innerhalb kurzer Zeit stieg ich einerseits aus dem Unternehmen, das ich mit einem Freund gründete, aus. Andererseits beendete ich eine längst gescheiterte Beziehung, kündigte meine Wohnung und ging zurück in meine alte Heimat. Meine Situation wurde noch prekärer. Ich spürte aber, dass ich auf diese Weise zu dem Leben finde, das die Bezeichnung mein Leben verdient.

If you don’t like how the table is set, turn over the table

Stress, Depressionen, Burnout. Dazu kam es nicht, weil mir jemand das Leben zur Hölle machte oder weil ich Pech hatte. Ich kam dorthin, weil ich Entscheidungen traf, die sich als falsch herausstellten und daran festhielt.

Ich kämpfte gegen meine Natur, gegen meine wahre Persönlichkeit. Mir wurde schließlich klar: Meine bisherigen Ziele, Wünsche und Erwartungen waren es nicht wert, ihnen hinterherzujagen. Ich traf einige radikale Entscheidungen, die mein Leben grundlegend veränderten. Auf einmal hatte ich nichts mehr. Kein Geld, keinen Job, keine Beziehung.

Die darauf folgende Zeit war hart. Allerdings war die Tatsache, dass ich Entscheidungen traf, die mich auf einen neuen Weg brachten, eine erstaunliche Befreiung. Jetzt konzentrierte ich mich darauf, meine Probleme zu lösen, herauszufinden, wer ich wirklich bin und was ich vom Leben wirklich will.

Veränderung setzt ein neues Denken und neue Ziele voraus

„Wie soll ich Stress vermeiden, wenn ich nun einmal in diesem Leben stecke? Ich muss Geld verdienen und bessere Jobs gibt es nicht wie Sand am Meer. Leistung, Besitz und Status zählen in dieser Welt verdammt viel. Das Leben ist kein Wunschkonzert.“

Das waren meine Gedanken, und sie zogen mich ständig runter. Mein Leben nach derartigen Gedanken auszurichten war, als würde ich einem heran rasenden Zug nicht ausweichen, sondern auf den Schienen stehen bleiben. Also ging ich weg, um mich sofort auf andere Schienen zu stellen.

Das war eine andere Version des gleichen Vorgehens, das brachte mich nicht weiter. Erst als ich meine Denkweise neu ausrichtete, meine Ziele, Erwartungen und Wünsche hinterfragte, schaffte ich die Grundlage für wahre Veränderung.

Ich fand heraus, dass ich vieles nicht wirklich brauchte und konnte mich davon befreien. Somit musste ich nicht mehr bis zum umfallen dafür arbeiten, mich abhängig machen, kämpfen oder an meine physischen und psychischen Grenzen gehen. Mein Stress-Level sank kontinuierlich. 

Der große Ökonom und Denker Peter Ferdinand Drucker bringt es auf den Punkt:

„Die Größte Gefahr in Zeiten der Veränderung ist nicht die Veränderung an sich, sondern das Handeln mit der Logik von gestern.“

Folgendes Buch hat mir dabei geholfen, meine Einstellung zum Leben im Allgemeinen und zu Stress im Speziellen, radikal zu verändern: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden*


Titel des nächsten Artikels:

Der Weg aus dem Burnout war dramatisch. Ein Ziel gab es nicht.


Du lebst einen miesen Kompromiss. Nicht?

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6 Gedanken zu “Stress führt zu Burnout. Aber was führt zu Stress?

  1. Vielen Dank für deinen Beitrag!
    Ich habe in der Vergangenheit gemerkt, dass ich dankbarerweise mit einer großen Stresstoleranz gesegnet zu sein scheine- oder anders gesagt, nicht meine Seele leidet unter dem Stress, wohl aber mein Körper. Das bremst mich auf kurz oder lang aus. Aber vielleicht merke ich darum besonders schnell, wann ich an meine Grenzen stoße-und kann sie nur bedingt ausreizen.
    Jedoch sehe ich immer mehr Menschen die durch die Welt hetzen- und es macht mich traurig, da so viele erst so spät merken, was mit ihnen passiert und es schon fast zum guten Ton gehört schon mal wegen überlastung ausgefallen zu sein.

    1. Ich beneide dich um deine große Stresstoleranz! Glücklicherweise bin ich mittlerweile schon viel ruhiger und gelassener.

      Ist das nicht fatal, dass es zum guten Ton gehört, wegen Überlastung auszufallen? Spätestens an diesem Punkt sollte jeder merken, dass etwas nicht stimmt …

      1. Ich finde diesen Trend mega schockierend und es illustriert einfach wie krank das ganze einfach ist.
        Nur weil ich nicht sofort ausfalle bedeutet das ja nicht, dass es mir nichts ausmacht. Ich leite nur anders ab- bekomme körperliche Problem, die ich oft erst im nachhinein zuordnen kann. Psychisch bin ich ein bisschen wiederstandsfähiger meine konstitution setzt mir (zum Glück rechtzeitig Grenzen.

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