Vor Problemen weglaufen ist sinnlos

Vor Problemen weglaufen. Die endlose Flucht

EINE NEUE PERSPEKTIVE ODER VOR PROBLEMEN WEGLAUFEN?

Vor Problemen weglaufen ist wie der Versuch, einen Eiterpickel auf der Nase zu überdecken. Aber wovor laufen wir weg? Was versuchen wir zu verstecken und was soll diese Flucht bewirken? Oder suchen wir damit nach einer neuen Perspektive für unser Leben?

Nimm die vier Punkte einer sehr wirksamen Methode mit, die ich in diesem Artikel ausführlich beschreibe. Sie helfen dir dabei, nicht weiter vor Problemen weglaufen zu müssen.

Ich bin nicht auf der Flucht. Ich lebe

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels, sind Verena und ich in Bangkok. Wir warten, wahrscheinlich mit einem herrlichen einheimischen Singha-Bier in der einen und leckerem Streetfood in der anderen Hand, auf den Nachtzug nach Chiang Mai.

Bangkok, das war Liebe auf den ersten Blick. Diese besondere Mischung aus funktionierendem Chaos, herrlichem Essen an allen Ecken und Enden der Stadt und die vielen überraschenden wie widersprüchlichen Eindrücke. Jahrhundertealte Tempel hier, moderne Hochhäuser dort, spazierende Mönche auf der einen Straßenseite, Ladyboys auf der Anderen.

Die lächelnden und freundlichen Thais, Essen mit fragwürdigen Zutaten in China Town bei Nacht und eine Fahrt mit dem Tuk Tuk. Ich liebe Bangkok!

Kaltschnäuzig vor Problemen weglaufen

Dieser Urlaub in Thailand ist eine Art Probelauf für die geplante Weltreise, die wir im Herbst starten werden. Seit Wochen beschäftigt mich deshalb das Thema: Vor Problemen weglaufen. Nicht ohne Grund.

Gäbe es einen Pokal für das weglaufen vor Problemen, ich hätte einen ganzen Schrank mit Auszeichnungen. Ich war praktisch zwanzig Jahre lang auf der Flucht.

Ob vor einer Beziehung, die ich immer wieder beendete, weil ich sie als unbefriedigend und als zu Tode geritten empfand und dann wieder zurückkehrte, weil ich plötzlich niemanden mehr hatte, den ich für mein unbefriedigendes Leben verantwortlich machen konnte.

Oder vor Jobs, die sich scheiße anfühlten, weil ich ungeduldig meinen Kopf durchzusetzen versuchte und meine Meinung in Anfällen von arroganten Selbstüberschätzungen als die einzig Richtige bis zum letzten Tropfen Blut verteidigte.

Ich wechselte Wohnungen, Orte und Menschen mit einer Kaltschnäuzigkeit, die an einen mittelalterlichen Henker erinnerte, der ohne mit der Wimper zu zucken, seine Axt auf den vor ihm liegenden, ihm unbekannten Menschen fallen ließ. Ich folgte dem Prinzip:

Vor Problemen weglaufen oder sich der Wahrheit stellen
Egal wo du bist, deine Probleme sind bei dir

Sieg durch Flucht

Es berührte mich nicht. Ich hatte keine Verbindung zu diesen Menschen, Orten oder Jobs. Tatsächlich hatte ich keine Verbindung zu mir selbst. Zu dem, wer ich bin, was ich brauchte, was in mir nach Erfüllung schrie.

Diesen Zustand vergleiche ich mit zwei Magneten, die sich gegenseitig anziehen oder abstoßen. Hätte ich die natürliche Anziehung zugelassen, würde ich Burnout und Depressionen lediglich von Erzählungen kennen.

Stattdessen drehte ich den einen Pol, mein Verhalten, um und war somit ständig auf der Flucht vor dem, was sich in mir nach Harmonie sehnte.

Dieses Verhalten ist während des Prozesses des erwachsen Werdens normal. Rechtzeitig zu erkennen, dass ich mein Glück nicht im Außen finden werde, gelang mir nicht. Allerdings geht es nicht nur dir so …

Und, welche Probleme schleppst du mit dir rum?

Vor Problemen weglaufen wird oftmals als Vorwurf missbraucht. Ich hörte das früher des Öfteren und rechtfertigte mein Verhalten mit dem Argument, dass ich ein Suchender bin und deshalb ständig Neues ausprobieren müsse.

Abgesehen davon, dass diese Erklärung an Schwachsinn kaum zu überbieten ist, lasse ich heute den Vorwurf grundsätzlich nicht mehr zu. Ich weiß mittlerweile, dass nur Menschen mit so einer Anklage daherkommen, die selbst einige Probleme mit sich rumschleppen.

Dennoch beschäftigte mich dieses weglaufen regelmäßig. Bin ich tatsächlich auf der Flucht, wovor versuche ich mich zu verstecken und vor allem, mache ich mir immer noch etwas vor, wenn ich neuerlich mein Leben auf den Kopf stelle?

Probleme verdrängen. Wer ist hier das Opfer?

Ich denke, uns ist allen klar ist, dass wir vor nichts weglaufen können. Insgeheim wissen wir, dass sich im Grunde nichts ändert, wenn wir an einen anderen Ort gehen oder eine unangenehme Situation durch eine Andere ersetzen.

Deshalb finde ich den Begriff „weglaufen“ unpassend. Viel mehr ist es ein verstecken, ein verdrängen oder ein leugnen. Und egal was wir versuchen zu verstecken, verdrängen oder zu leugnen, es hat nichts mit anderen Menschen zu tun. Das wäre dann diese andere Situation: Die Opferrolle.

Heute unterscheide ich zwischen meinem Verhalten im Außen und meinen diesbezüglichen Emotionen. Probleme im Außen, wie zum Beispiel ein Konflikt mit einem Menschen, Geldprobleme, mein früheres Scheitern oder immer wiederkehrende Umstände, die stets gleiche, unangenehme Emotionen auslösen.

99% dieser Probleme sind zu lösen. Mit einem klärenden Gespräch, Einsparungen oder Verhandlungen mit der Bank, neue Einnahmequellen schaffen, sparen, im Rahmen meiner Möglichkeiten alles dafür tun, damit die Lösung des Problems zumindest angestoßen wird usw.

Was uns daran hindert, sind die damit verbundenen Emotionen. Ich hatte eine Zeit lang richtig fiese, selbst verursachte Geldprobleme. Der Blick auf mein Bankkonto löste Übelkeit in mir aus. Der festsitzende Glaubenssatz, dass ich da nie wieder rauskommen werde, machte mich traurig, wütend und ängstlich. Das führte zu beschissenen Konsequenzen …

Vor Problemen weglaufen oder hinsehen
Die Lösung deiner Probleme liegt nicht in der Ferne

Als Erwachsener verstecken spielen

Also verdrängte ich das Thema und kümmerte mich monatelang nicht weiter um meinen Kontostand. Was geschah? Meine finanzielle Situation wurde noch angespannter und ich fühlte mich wie ein ausgetrockneter alter Wischmop, an dem der ganze Dreck von früher klebte.

Mein Burnout entstand aus genau derartigen Verhaltensmustern. Verdrängung dessen was da ist und nach Klärung verlangt. Ich tat das in vielen Bereichen, bis die ganze Last über mir zusammenbrach und mich in einen Abgrund riss, in dem nichts anderes als Depressionen waren, die mich an den Rand des Lebens brachten.

An diesem Punkt ist die Flucht zu Ende, ein entrinnen vorerst unmöglich. Auf einmal stellt sich nicht mehr die Frage, wie ich vor Problemen weglaufen kann. Jetzt wollte ich mich nur noch verstecken, im Erdboden versinken. Die ultimative Handlungsunfähigkeit dominierte ab sofort das, was ich einmal mein Leben nannte. Es kam noch schlimmer, ehe es besser wurde:

Eine Frage der Perspektive

Vor Problemen weglaufen führte mich zu noch größeren Problemen. Anstatt die offensichtlichen Herausforderungen anzugehen, schob ich sie vor mir her, von mir weg oder versuchte sie mit schwachsinnigen Ausreden unter den Teppich zu kehren. Meine unterbewusste Hoffnung war, dass sie sich damit in Luft auflösen.

Das erkennen dieses Musters änderte alles. Nachhaltig. Als ich kapierte, dass vor Problemen weglaufen zwecklos, dumm und kindisch ist, tat ich das Gegenteil. Ich blieb stehen.

Heute lebe ich in dem Bewusstsein, dass ich alles machen, überall hingehen kann und ungelöste Probleme und unangenehme Gefühle mit mir nehme. Aber auch, dass es an mir liegt, Schwierigkeiten im Außen als erwachsener Mann aktiv zu klären und Gefühlsregungen zuzulassen.

Ich nehme eine neue Perspektive ein. Die des Kapitäns meines Lebens und nicht jene des blinden Passagiers. Weiß ich bei einer Sache nicht wie ich damit umgehen soll, flüchte ich nicht vor ihr, sondern bleibe stehen.

Stehen zu bleiben ist eine Entscheidung um zu erkennen. Alles an die Oberfläche zu holen, mich dem zu stellen, was nach Klärung und Auflösung verlangt. Entwicklung durch Stillstand, statt vor Problemen weglaufen.

Anstatt vor Problemen weglaufen, versuche folgende Methode

Bleib stehen und „schaue“ deine Belastungen an. Je früher du sie zulässt, desto schneller bist du sie auch wieder los.

Folge den vier Prinzipien von Wahrnehmung, Akzeptanz, Veränderung und Erkenntnis.

1. Wahrnehmung:

Hör auf, die Probleme zu verdrängen, ebenso die Gedanken und Gefühle, die du damit verbindest. Auch wenn es schmerzhaft ist, lass alles zu was daherkommt und steig richtig in all die Hirngespinste, Ängste, Peinlichkeiten und Schamgefühle ein.

2. Akzeptanz:

Akzeptiere einerseits, dass diese Probleme nun einmal in deinem Leben sind und andererseits die daran anhaftenden Gedanken und Gefühle. Erst durch Akzeptanz hast du die Möglichkeit, dich mit all den Belastungen auf eine erwachsenen Art und Weise auseinanderzusetzen.

3. Veränderung:

Was kannst du im Rahmen deiner Möglichkeiten tun, um diese Probleme aus der Welt zu schaffen? Welcher erste Schritt ist notwendig bzw. möglich? Braucht es deinerseits überhaupt einen Eingriff oder besteht die Veränderung darin, die Gedanken und Gefühle einfach zu ignorieren? Genügt ein klärendes Gespräch mit einer bestimmten Person, eine Entschuldigung oder könntest du jemanden um Hilfe bitten?

4. Erkenntnis:

Hast du ein Problem gelöst, hör an diesem Punkt nicht einfach auf. Nütze die gemachten Erfahrungen bei der Bewältigung des Problems und lerne daraus. Du wirst auch künftig mit Problemen konfrontiert werden, insofern solltest du die gewonnenen Erkenntnisse verinnerlichen, damit neue, tiefsitzende Belastungen erst gar nicht mehr entstehen.

Schreib alles zu diesen vier Punkten auf und schau diese Liste immer wieder an. Ergänze, korrigiere sie, arbeite damit. Nochmal: Auch wenn es weh tut, lieber jetzt den ganzen Schmerz auf einmal fühlen, als ihn noch länger unbewusst mit dir rumschleppen, bzw. weiterhin vor Problemen weglaufen.

Diese Methode war ein wesentlicher Aspekt, meine Depressionen überwinden zu können. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass sie zur Auflösung bei alltäglichen, aber vor allem bei festsitzenden Problemen einen wertvollen Beitrag leisten. Dann brauchst du nicht weiter vor Problemen weglaufen. Du musst natürlich wollen. Willst du?

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Du kannst nicht vor Problemen weglaufen

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