Viele stellen sich die Frage: Was stimmt nicht mit mir?

Was stimmt nicht mit mir?

EINE FRAGE: WAS STIMMT NICHT MIT MIR? EINE ANTWORT: SO WOLLTE ICH NIE SEIN

Immer wieder war da diese wütende Frage in meinem Kopf: „Was stimmt nicht mit mir?“ Die Antwort kam leise in einem geliehenen Buch und schob mich sanft in eine bestimmte Richtung.

Pusteblumentage

Es gibt Tage, da scheinen meine Knochen zu brennen. Es gibt Tage, an denen Tränen wie Lavaströme Furchen durch meine Haut ziehen. Es gibt Tage, da ist meine Haut dünn und spröde wie Pergamentpapier. An diesen Tagen genügt ein leichtes Pusten und mein Selbstwertgefühl, mein Selbstvertrauen und mein Selbstbewusstsein wirbeln wie die Schirmchen des Löwenzahns haltlos und planlos durch die Luft.

Löwenzähne hätte ich gerne, aber an mir ist nichts löwenartiges. Am ehesten vielleicht meine Mähne, doch die trage ich meist, wie der Wind sie mir gerade föhnt. Ansonsten bin ich eher eine Maus. Eine wütende Maus, die unkontrolliert um sich beißt, weil sie selber nicht weiß, warum es ihr so geht, wie es ihr eben geht.

Ich gehe nicht gerne auf Partys, sondern lieber in den Wald. Wenn andere abends in der Kneipe zusammensitzen, liege ich mit einem Buch auf dem Sofa. In großen Menschenmassen fühle ich mich unwohl. Und der Besuch eines Spaßbades ist alles andere als spaßig.

Was stimmt nicht mit mir?

Lange Zeit habe ich mich gefragt, was mit mir nicht stimmt. Der Gedanke, dass ich nicht richtig bin, dass ich ein Störfaktor in dieser lauten, schnellen Welt bin, war verdammt lange verdammt laut. Doch ich habe ihn gezähmt, diesen wilden, alles verschlingenden Gedanken. Das war ein langer Weg, der noch lange nicht zu Ende ist. Aber es war auch ein Weg, den ich nicht bewusst gewählt habe. Es war ein schleichender Prozess, in dem mein Selbstbewusstsein in diesem Leiterspiel, das sich Leben nennt, eine Sprosse weiter nach oben stieg.

Selbstbewusstsein – sich seiner Selbst bewusst sein. Mit allen Ecken und Kanten, aber auch mit allen Rundungen und Kurven. Ich begann mit Tai Chi. Nicht, weil ich mich bewusst entschieden hätte, durch körperliche Bewegung meine Psyche zu stärken.  Sondern einfach nur, weil ich einen Flyer in einer Buchhandlung fand und die Übungszeit und -ort gut in meinen Terminplaner passten.

Komm in Bewegung

Das Tai Chi war die erste Sprosse auf meiner Leiter. Es war nicht immer leicht, von dieser Sprosse nicht wieder herunter zu fallen. Doch es war eine wichtige Erfahrung, dass ich meine in Angststarre gefallene Psyche mit Bewegung auflockern konnte. Lange Zeit war diese Form der Meditation ein guter Begleiter und Ratgeber, der mich auch regelmäßig vor Herausforderungen stellte.

Besonders die mehrmals im Jahr stattfindenden Workshops waren eine nervliche Zerreißprobe für mich. Hunderte von Übenden kamen auf relativ kleiner Fläche zusammen. Es war ein freundschaftliches Hand-in-Hand, doch für mich trotz allem zu viele Menschen, zu viele Stimmen, schlicht und einfach zu viele Sinneseindrücke.

Während sich die anderen riesig auf diese Events freuten, nagte an mir wieder die altbekannte Frage: Was stimmt nicht mit mir? Statt einer Antwort fand ich nur Wut und Ärger auf mich selber und Trauer darüber, dass ich die positive Energie, die auf solchen Veranstaltungen strömt, nicht für mich nutzen konnte.

Das Kind bekommt einen Namen

Ein großer Umzug in südliche Gefilde ließ mich das Tai Chi beenden und schenkte mir Raum, um neue Dinge auszuprobieren. Während beim Tai Chi noch jeder zu mir sagte: „Das passt zu dir!“ kamen nun immer mehr Dinge, die Familie und Freunde erstaunten.

Es fing an mit dem Schwert. Hatte ich mich bisher nie für das Mittelalter und schon gar nicht für Kampfkunst interessiert, lernte ich zufällig eine Gruppe kennen, die regelmäßig mit historischen Waffen trainierte. Und es fühlte sich richtig und gut an. Trotz, oder vielleicht sogar wegen der zweifelnden Blicke der anderen. Ich stieg auf meiner Leiter ein weiteres Stückchen nach oben.

Doch auch hier bestand die regelmäßige Herausforderung darin, den inneren Schweinehund zu überwinden. Das Schwert ist schwer, das Training anstrengend und man kann durchaus mal den ein oder anderen Treffer kassieren; das tut weh. Die manchmal barschen Kommentare des Trainers stecke ich auch nicht immer so gut weg.

Da war sie wieder, die treue Begleiterin, die Frage: Warum macht es den anderen so viel weniger aus als mir? Eine Freundin hatte die Antwort, sie schubste mich sachte in diese Richtung, in die ich gar nicht wollte. Sie lieh mir ein Buch zum Thema Hochsensibilität.

So wollte ich doch nie sein

Was ich dort las, ergab durchaus einen Sinn. Hochsensible nehmen mehr Sinneseindrücke viel intensiver wahr, als andere. Das erklärte, warum mich Menschenmassen so ermüden, das Training mich mehr anstrengt, als es sollte und ich generell viel schneller gereizt und überreizt bin, als meine Freunde und Trainingspartner.

Der Sache einen Namen zu geben, ein Etikett, auf dem „Hochsensibel“ steht anzuheften, hilft mir ein wenig dabei, mit meinen Stimmungen klar zu kommen. Dennoch hadere ich sehr oft mit mir selbst. Ich will keine Prinzessin auf der Erbse sein. Ich will nicht regelmäßig einzig und allein von meiner eigenen Stimmung ausgeknockt werden. Doch ich kann nichts dagegen tun, außer mich in Geduld üben und im Selbstbewusstsein. Ich muss mir selbst bewusst machen, was ich jetzt gerade brauche, um glücklich zu sein.

Mit Jungs raufen? Was stimmt nicht mit mir?

Während ich das hier schreibe, sollte ich eigentlich im Training sein. Nicht mit dem Schwert. Ich habe noch eine weitere Leidenschaft entdeckt. Über das Schwert lernte ich jemanden kennen, der Jiu Jitsu trainiert. Wieder etwas, von dem mein Umfeld sagt: „Was? Du?“ Ja! Ich!

Zugegeben, es hat mich einiges an Überwindung gekostet eine Kampfsportart zu trainieren, bei der so viel Körperkontakt zu fremden, schwitzenden Menschen entsteht. Doch auch das war ein schleichender Prozess und eine gute Portion Neugier ermöglichten mir wieder ein Stückchen auf der Leiter nach oben zu steigen. Es macht Spaß, mit den Jungs zu raufen. Auf der Matte herrscht eine entspannte Atmosphäre.

Doch warum sitze ich dann am Laptop und liege nicht auf der Matte, unter oder auf einem meiner Trainingspartner? Weil trotz der Sprossen, die ich in den letzten Jahren erklommen habe, manchmal der Wunsch nach der kuscheligen Komfortzone größer ist, als die Bestätigung, dass ich es kann.

Ich kann eine alte, längst vergessene Waffe führen. Ich kann unter einem Sparringspartner, der mit seinem vollen Gewicht auf mir drauf sitzt, weiteratmen. Doch manchmal kann ich nicht mit dem Gedanken an den Druck, den Schmerz und die Unbequemlichkeit, die das Training meist mit sich bringt, umgehen.

Sei nett zu dir

Ich habe ein wenig geweint und auch mit mir selbst geschimpft, als die Trainingszeit immer näher rückte und ich mich nicht aufraffen konnte. Doch mein Magen rebellierte. Meine Haut brannte. Mein Körper sagte einfach: Nö! Es fällt mir schwer, in solchen Momenten nett zu mir zu sein. Würde mir eine Freundin sagen, dass sie gerade nicht in der Stimmung ist für Sport, würde ich ihr sagen, dass das völlig okay sei. Aber bei mir selber ist es nicht okay.

Ich fühle mich wie ein Versager und der einzige Trost ist, die Zeit, die ich jetzt im Training wäre, sinnvoll zu nutzen. Es bringt nichts, vertanen Chancen nachzutrauern, und dennoch nagt es an mir, dass die anderen jetzt bald mit dem Training fertig sind und erschöpft, aber glücklich nach Hause fahren.

Ich nutze die Zeit sinnvoll und schreibe diesen Gastartikel. Vielleicht geht es dem einen ähnlich und ein anderer denkt: Was für ein Quatsch! Vielleicht sollte ich endlich damit aufhören, darüber nachzudenken, was wohl die anderen von mir denken. Vielleicht sollte ich jetzt den Laptop ausschalten und ein paar Bälle werfen. Denn da gibt es noch eine kleine Sprosse auf meiner Leiter, die ich erklommen habe.

Was ich will

Es gab in meinem Leben nie etwas, dass ich unbedingt wollte. Zumindest war ich mir dessen nie bewusst. Ich war mit vielen Dingen unzufrieden, wusste aber nie, wie sie besser sein könnten. Im Grunde genommen war ich als Kind, als Jugendlicher und auch als junger Erwachsene eine ziemliche Motzkuh.

Die vielen kleinen Sprossen auf meiner Leiter haben mein Selbst so sehr ins Bewusstsein gerückt, dass ich mittlerweile recht oft benennen kann, warum ich gerade so motzig drauf bin. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich dadurch an der Situation etwas ändern kann. Aber zumindest verstehe ich mich selbst ein klein wenig besser.

Eine unbedarfte Situation ließ mich den Satz sagen: „Ich möchte so gerne jonglieren können.“ Dieser Satz wirbelte ein paar Tage durch meinen Kopf, bis ich mir eingestand, ich möchte es tatsächlich gerne können. Also kaufte ich mir drei Bälle und warf sie in die Luft.

Was stimmt nicht mit mir? Die Frage nervt

So einfach ist es mit dem Jonglieren dann doch nicht und ich habe die Bälle bereist mehrmals wutentbrannt in die Ecke geworfen. Doch irgendwo las ich mal den Ausspruch: „Wenn du jetzt aufgibst, wirst du niemals erfahren, ob du es nicht doch geschafft hättest!“ Meine Fortschritte sind sehr gering. Doch ich tue das für mich. Nur für mich. Weil ich es will.

Ich will und ich werde jonglieren lernen. Ich werde weiterhin das Schwert führen. Und ich werde im Jiu Jitsu mit den Jungs raufen. Auch wenn ich mir dabei manchmal selbst im Weg stehe mit meinen Zweifeln, Ängsten und hochsensiblem Nervensystem, die mich alle ganz oft ganz schön nerven. Doch ich bin bis hierher gekommen. Ich werde es noch weiter schaffen.

Die Autorin stellt sich vor

Jessica July, Jahrgang 1980, ein hessisches Kind, das nun im tiefsten Süden von Deutschland lebt. Sie lebt, liebt, kämpft und schreibt. Meistens Kurzgeschichten. Aber ein Roman ist auch mit dabei: https://www.epubli.de/shop/autor/jessica-july/22444

Kontakt zu Jessica


2
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
1 Kommentar-Threads
1 Antworten
2 Followers
 
Populärster Kommentar
Heißester Kommentar
2 Anzahl Kommentar-Autoren
JessicaSandra Liane Braun Neueste Kommentare von Autoren
  Abonnieren  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Sandra Liane Braun
Gast

Liebe Jessica,
Du schreibst ganz wundervoll : -)
Schön nach den ersten Sätzen wusste ich, dass es gleich um Hochsensibilität geht.
Ich habe mir lange Jahre die gleiche Frage gestellt und die Erkenntnis der Hochsensibilität war eine ganz wichtige für mich.
Ich bin heute dankbar dafür, weil sie mich anders sein lässt. Meine Kunden z. B. sind immer ganz verblüfft und dankbar, wie gut ich mich in sie hineinfühlen kann und sie damit zu sich selbst führe.

Alles Gute für dich im tiefen Süden
aus dem Südwesten 😉

Sandra

Jessica
Gast
Jessica

Liebe Sandra,
ganz herzlichen Dank für dein Kompliment. In ruhigen Momenten kann ich es sehr genießen, Details wahrzunehmen und mich daran zu erfreuen. Kleine Stückchen Glück, die anderen verborgen bleiben. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Kunden.
Liebe Grüße
Jessica

Melde dich jetzt für meinen Newsletter an!