Eine Zwangsstörung ist nicht normal

Meine Zwangsstörung und der Weg aus ihr raus

ÜBER ZWANGSSTÖRUNG, EINEN NERVENZUSAMMENBRUCH UND DIE BEFREIUNG VON ÄNGSTEN

Lange Jahre dachte ich, dass mein zwanghaftes Verhalten, also meine Zwangsstörung, "normal" sei, weswegen ich es hingenommen habe, bis es irgendwann einfach nicht mehr ging. Die Diagnose meiner damaligen Hausärztin: Depressionen und ich solle doch einfach Antidepressiva nehmen. Dass diese meine Probleme nicht lösten und ich eigentlich auch gar nicht depressiv bin, wurde mir erst viele Jahre später bewusst…

Die ersten Anzeigen meiner Zwangsstörung

Wenn ich jetzt so darüber nachdenken, dürften die ersten Anzeichen bei mir schon im Grundschulalter da gewesen sein. Ich war in manchen Dingen schon immer etwas perfektionistisch veranlagt und wollte bei gewissen Dingen geregelte und genaue Abläufe. Eine Szene aus der Schulzeit ist mir noch im Gedächtnis als wäre es gestern gewesen. Es muss die zweite oder dritte Klasse gewesen sein und wir mussten Textpassagen mit verschiedenfarbigen Buntstiften unterstreichen. In meinem Federmäppchen waren all meine Stifte natürlich nach den Farben des Regenbogens geordnet und die untere Kante der Stifte schloss feinsäuberlich gleichmäßig am unteren Rand ab.

Meine damals beste Freundin hatte einige ihrer Farbstifte nicht parat und bat mich deshalb ihr meine zu borgen. Ungern überließ ich ihr also meine Stifte und musste kurze Zeit später feststellen, dass diese wild und ohne jegliche Ordnung zurück in mein Federmäppchen eingeordnet wurden. In diesem Moment war ich einfach nur wütend. Abnormal wütend. Ich verstand es beim besten Willen nicht, wie man zu blöd sein konnte, die Stifte nicht wieder richtig zurück zuordnen. Eine – wohl viel zu laute – Standpauke meinerseits wurde damals von der Lehrerin gestoppt und niemand im Klassenraum konnte wohl auch nur ansatzweise nachvollziehen, wieso ich wegen nicht farblich sortierter Stifte so einen Aufstand machte.

Der Schulwechsel und die Überforderung

Viele Jahre zogen ins Land, ich hatte noch immer meine "kleinen Ticks" , aber erst der Wechsel in eine berufsbildende Schule brachte das ganze Ausmaß meiner Zwangsstörung zum Vorschein. Ab diesem Zeitpunkt hieß es: Neue Umgebung, neue Mitschüler, Fächer von denen ich zuvor noch nie gehört hatte, enorm viel Stress und um einiges mehr Eigenverantwortung. Schon in den ersten Wochen spürte ich die totale Überforderung. Die vielen neuen Mitschüler, die sich langsam aber sicher in kleine Grüppchen formten, komplizierte Lehrfächer, in denen ich nur schwer mitkam und Schultage die nicht selten 9 Stunden und mehr hatten. Ich war immer eine sehr gute und fleißige Schülerin gewesen, aber zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich einfach komplett überfordert.

Wir waren alle um die 15 / 16 Jahre alt, also generell ein schwieriges Alter. Zudem hatten wir auch noch einige Störenfriede in unserer Klasse und Mobbing kam ebenso auf. Ich hatte zwar eine Handvoll guter Freunde – die bis heute zu meinen besten Freundinnen zählen! – gefunden, aber doch hatte jeder selbst mit seinen eigenen Kram zu kämpfen. Zudem war ich extrem unglücklich mit meiner Schulwahl. Ich hatte mich für eine wirtschaftliche Schule im Bereich Tourismus und Gastronomie entschieden – aus Vernunft! In diesem Bereich wird man später immer eine Arbeit finden, hieß es. Um ehrlich zu sein, interessierte mich diese Fachrichtung aber nicht wirklich und besonders der – vereinfacht gesagt – "wirtschaftliche Kochunterricht" war die nächsten Jahre meine persönliche Hölle.

Als die Zwänge langsam begannen mein Leben zu bestimmen

Ab diesem Zeitpunkt nahmen die Zwänge zu. Vieles, was um mich herum geschah, konnte ich nicht kontrollieren, so wollte ich wenigstens Halt und Kontrolle in Dingen finden, über die ich bestimmen konnte. Es begann mit einem Waschzwang, sodass ich mir am liebsten mehrfach täglich meine Haare gewaschen hätte. Vom einfachen Händewaschen rede ich erst gar nicht. Fast zeitgleich kam der Kontroll- und Grübelzwang und ich verbrachte über den Tag verteilt sicher ein bis zwei Stunden damit, Dinge zu kontrollieren: Ist die Türe wirklich verschlossen? Habe ich das Licht tatsächlich ausgemacht? Liegen auf dem karierten Blatt Papier nur Blätter der gleichen Sorte, oder hat sich etwa ein liniertes Blatt dazwischen geschmuggelt? Fährt mein Bus noch immer um die gleiche Uhrzeit? Habe ich alles in meine Tasche gepackt und nichts vergessen?

Solche und ähnliche Gedanken bestimmten ab nun an meinen Alltag. Umso größer der (schulische) Stress war, umso schlimmer wurden meine Zwänge. Umso weniger ich von außerhalb bestimmen und kontrollieren konnte, umso mehr Dinge suchte ich mir, die ich selbst in der Hand hatte. Irgendwann begann ich also auch noch mein Essen streng zu kontrollieren und nur noch eine bestimmte Kalorienmenge zu mir zu nehmen. Die Folge war, dass ich in kürzester Zeit knapp 15 Kilo weniger wog, ich mich aber siegessicher fühlte, da ich ja die Kontrolle hatte.

Panik, Panik und noch mehr Panik!

Meinen Körper gefiel der Stress und die rasche Gewichtsabnahme allerdings ganz und gar nicht und dankte es mir mit büschelweise Haarausfall, Müdigkeit und ständiger Mandelentzündung. Ich begann zwar wieder normal zu essen, aber psychisch und physisch ging es trotzdem nicht wirklich bergauf.

Ich fühlte mich nonstop unruhig und hatte immer das Gefühl, dass wenn ich nicht über alles Mögliche nachdachte und zig mal kontrollierte etwas Schlimmes passieren müsse. Einmal musste ich auf der Hälfte des Schulweges kehrt machen, weil ich mir sicher war, wenn ich nicht noch mal nachkontrolliere, ob der Wasserhahn auch wirklich verschlossen ist, es dann sicher zu einem Wasserschaden kommen würde. So stresste ich mich also nach Hause, um nach dem Rechten zu sehen, um dann wieder in die Schule zu hetzen.

Bin ich etwa krank?

Und dann kam der Tag an dem ich meine erste Panikattacke hatte. Wir hatten Italienischunterricht und sprachen gerade über aktuelle Katastrophen in der Weltgeschichte. Das Conclusio der Debatte war, dass wir vieles nicht beeinflussen können. In diesem Augenblick merkte ich, dass sich mein Brustkorb zusammenzog und ich plötzlich keine Luft mehr bekam. Dann krampfte sich auch der Rest meines Körpers zusammen und ich fiel vom Stuhl. Eine halbe Stunde später saß ich bei der Schulärztin, die meinte, dass mein Puls und alles ganz normal wäre, ihr aber mein Gewichtsverlust aufgefallen sei.

Ehe ich gehen durfte, musste ich ihr versprechen einen Arzt aufzusuchen. Ab diesen Zeitpunkt war mir klar, dass mit mir irgendetwas definitiv nicht stimmte. Aber was? Für mich waren all die Jahre meine Zwänge relativ normal. Klar waren sie nervig und fraßen auch immer mehr an Zeit, aber dass dies krankhaft sein könnte, kam mir bis dahin nicht in den Sinn. Zum damaligen Zeitpunkt waren psychische Erkrankungen medial auch noch nicht so weit verbreitet wie heute und man machte sich höchstens über "Bekloppte" lustig.

Sie haben Depressionen

Ich suchte kurze Zeit später tatsächlich meine Hausärztin auf, die allerdings kurz vor der Pensionierung stand und auf dem psychosozialen Gebiet auch nicht sonderlich bewandert war. Die Diagnose fiel recht schnell auf Depressionen, ich bekam Antidepressiva und die Sache war erstmal vom Tisch.

Ich hinterfragte nicht und nahm eine zeitlang auch brav meine Medikamente. Eine wirkliche Verbesserung merkte ich zwar nicht, aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt meine schulische Ausbildung beendet und mein Reife- und Diplomprüfung mit sehr gutem Erfolg bestanden. Der Stress war weg, ich hatte meinen ersten Freund, konnte auch bald in einem Beruf beginnen der mir Freude machte und die Zwangshandlungen verschwanden zum größten Teil wie von alleine. Klar, ganz weg waren sie nie, aber ich hatte alles gut unter Kontrolle.

Das beste was mir passieren konnte: Mein Nervenzusammenbruch!

Einige Jahre ging dann auch alles gut, bis 2015 mein persönliches Katastrophenjahr kam, über das man wohl ein eigenes Kapitel schreiben könnte. Die Kurzfassung dieses Jahres waren diverse körperliche Erkrankungen meinerseits, Probleme in der Familie und mit meinem Freund, der plötzliche Tod meines Onkels, beruflicher Stress und einiges mehr. Schon die Wochen zuvor merkte ich, dass ich wieder unruhiger wurde, das Gefühl hatte, dass mir alles aus den Händen gleitet und ich mich krampfhaft an meine Zwangshandlungen klammern müsse, um Sicherheit und Halt zu bekommen.

Leider spitzten sich all die negativen Situationen immer weiter zu, bis ich ein komplettes Blackout im Büro hatte. Man kann es sich wie in einem schlechten Film vorstellen: Ich schwankte im Minutentakt zwischen Hysterie, Gelassenheit, Heulkrämpfen, Panikattacken und Euphorie. Solange bis mich mein Chef ins nahegelegene Kriseninterventionszentrum des Krankenhauses brachte. Ab da kam dann endlich alles ins rollen…

Diagnose: Zwangsstörung mit Panikattacken

Die Behandlung im Kriseninterventionszentrum und meine anschließende Therapeutensuche brachten dann nämlich endlich Licht ins Dunkle und mir wurde gesagt, dass ich an einer Zwangs- und Angststörung inklusive Panikattacken leide.

Endlich hatte ich einen konkreten Namen für meine Probleme und Lösungsmöglichkeiten, wie diese behandelt werden könnten.

Seit etwas mehr als 3 Jahren bin ich nun also wöchentlich in Therapie und mache gute Fortschritte. Ich habe nach wie vor meinen Kontrollzwang und hin und wieder eine Panikattacke, aber ich weiß wie ich damit umzugehen habe. Sobald ich merke, dass ich mich zu sehr stresse und es sich auf mein geistiges Wohlbefinden niederschlägt, versuche ich einen Gang zurückzuschalten. Gelingt nicht immer, aber ich bin auf einem guten Weg und denke, dass ich meine psychischen Probleme in den Griff bekommen werde, jetzt wo ich Ursachen und Zusammenhänge kenne…

Was mir meine Leidensgeschichte gelehrt hat und ich euch mitgeben will: Kehre niemals Anzeichen von psychischen Erkrankungen unter den Tisch, sondern suche dir Hilfe! Ich habe jahrelang – mal mehr und mal weniger – gelitten und wäre im Nachhinein froh gewesen, wenn ich mir schon viel früher kompetente Hilfe gesucht hätte. Hätte ich 2015 nämlich nicht meinen Nervenzusammenbruch gehabt, würde ich wohl nach wie vor mit meinen Zwängen und Ängsten leben und sie für „normal“ halten.

Die Autorin stellt sich vor

Carmen ist 28 Jahre jung und ein wahrer Reisejunkie. Neben dem Reisen interessiert sie sich für Fotografie, Bildbearbeitung und die Natur.

Kontakt zu Carmen

Bei einer Zwangsstörung sollte man nicht selbst an sich herumprobieren, sondern schnellstens zum Arzt gehen. Dieses tolle Buch gibt allerdings einen guten Einblick in das Rhema!

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